Biografie

Die Apfel-Welt des Extremisten Steve Jobs

Wahnsinn und Genie: Die autorisierte Biografie von Steve Jobs ist erschienen. Alle Klischees über den Apple-Gründer stellen sich als wahr heraus.

Er war der Lieblingskapitalist der Linken. Das kann man ziemlich merkwürdig finden, denn er war Unternehmer, und anders als Bill Gates hat er sich auch nie für Philanthropie interessiert. Er konnte ein schrecklicher Chef sein: ruppig, brutal, vollkommen herzlos.

Geschäftsgespräche in seiner Firma soll er grußlos eröffnet haben: „Was baust du hier für einen Scheiß?“ Trotzdem bekamen sogar die jungen Occupy-Wall-Street-Demonstranten im Zuccotti Park in Manhattan bei der Nachricht von seinem Tod feuchte Augen. Viele von ihnen hatten ein iPhone in der Hosentasche stecken.

Gerade rechtzeitig vor seinem Tod hatte Jobs eine Biografie in Auftrag gegeben. Der Journalist Walter Isaacson, der für CNN und das „Time“-Magazin tätig war und heute das Aspen Institut managt, hatte über das Leben von Benjamin Franklin und Albert Einstein geschrieben; die beiden Bücher hatten Jobs offenbar gefallen, er machte keine Auflagen: Er hatte nichts dagegen, dass Isaacson mit Leuten sprach, mit denen er mittlerweile verkracht war und stand seinem Biografen bereitwillig Rede und Antwort.

Herausgekommen ist ein dickes Buch von rund 500 Seiten, das einen Tag nach seinem Erscheinen bereits die Spitze der amerikanischen Amazon-Rangliste erklommen hat. Und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Hollywood nicht längst die Hand darauf gelegt hätte – der Film, in den sich das Leben von Steve Jobs sicher bald verwandeln wird, entsteht bei der Lektüre wie von selbst in der Vorstellung.

Alle Klischees stellen sich als wahr heraus

Das Erstaunlichste ist dabei, dass alle Klischees über Steve Jobs sich als wahr herausstellen. Er ist als junger Mann wirklich zottelig und stinkend herumgelaufen. Damals vertrat er die Theorie, wer sich von Früchten ernähre, benötige weder Deos noch Duschen.

Die Firma „Apple“ trägt ihren Namen deshalb, weil Jobs zeitweilig kaum etwas anderes aß als Äpfel. Die Firma wurde tatsächlich, so wie die Legende es will, in einer Garage in Kalifornien gegründet: von Jobs und seinem Freund Steve Wozniak, einem verschrobenen Computergenie und Gutmenschen, der Baupläne gern für lau an die ganze Welt verteilt hätte.

Steve Jobs nicht; er fing an, für die von beiden zusammengeschraubten Module Geld zu verlangen. Und so wurde aus dem Betrieb, der wie ein Witz, wie eine Parodie auf eine kapitalistische Firma begonnen hätte, bald ein richtiges Unternehmen.

Man muss weit im Leben von Steve Jobs zurückgehen, wenn man verstehen will, was diesen Mann antrieb: Er wurde 1955 als adoptiertes Kind geboren, seine Adoptiveltern waren freundliche, hart arbeitende Leute, von seinem Adoptivvater Paul Jobs lernte der kleine Steve, wie man Autos repariert.

Jobs wusste von Anfang an, dass er adoptiert war; er fand außerdem früh heraus, dass er intelligenter war als die meisten Menschen in seiner Umgebung, seine Adoptiveltern inbegriffen. Kurz, er war allein, er war verlassen worden, er war anders – und irgendwie auserwählt. Dass man bei dieser Gemütslage auf kreative Weise verrückt wird, ist wohl kaum zu vermeiden.

Noch etwas anderes war für Steve Jobs prägend: Er interessierte sich schon als Junge nicht nur für Elektronik, sondern auch für Literatur. Er las, vor allem „Moby Dick“ und „King Lear“. Er war verrückt nach Bob Dylan und fuhr meilenweit, um seltene Aufnahmen seiner Konzerte aufzutreiben. Er fing mit 15 Jahren an, Marihuana zu rauchen und nahm LSD.

Der Mann war ein Perfektionist

„Apple Computers“ ist im Kräftefeld zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften geboren worden; die Firma ist ein Mittelding, das auf der Schnittlinie zwischen der kalifornischen Gegenkultur – lange Haare, glasiger Blick, Zen-Buddhismus – und der kalten Chrom- und Glaswelt des Big Business angesiedelt ist.

Als junger Mann kam Steve Jobs auf dem Weg nach Indien, wo er zur Selbstfindung hinreiste, in München vorbei, um im Auftrag der Firma Atari etwas zu reparieren. Den Münchner Geschäftsleuten war dieser Hippie nicht geheuer, aber sie konnten nicht leugnen, dass er seine Sache gut machte. Der Mann war ein Perfektionist.

Wochenlang konnte er darüber grübeln, welchen Krümmungsgrad die Kanten eines Computermodells haben sollten. Ihm war egal, ob seine Computer mit anderen kompatibel waren; nur gut sollten sie sein, stylish und einfach zu bedienen. Apple – das ist in dieser Welt vielleicht der letzte Bannerträger der Bauhausästhetik: keine Ornamente, aber auch nichts hässlich Klobiges; Reduzierung auf das Wesentliche; eine Vorliebe für die Farbe weiß.

Steve Jobs war ein Extremist: Für ihn zerfiel die Welt in Arschlöcher und Genies. Dinge waren entweder „scheiße“ oder „brillant“.

Im Übrigen erzeugte er in seiner Firma mit seinen anfeuernden Ansprachen ein „Wahrheitsverzerrungsfeld“, in dem dann plötzlich alles möglich schien.

Wir alle kennen die Szene aus den Raumschiff-Enterprise-Filmen, wo Captain Kirk fragt: „Scotty, wie lange wird es dauern, bis der Warp-Antrieb repariert ist?“ „Drei Tage, Captain.“ Und Kirk schreit: „Scotty, du hast eine halbe Stunde!“ So scheint es in der Firma Apple oft wirklich zugegangen zu sein.

Im Exil lernte er endlich, neue Fehler zu machen

Größe und Tiefe bekommt die Geschichte von Steve Jobs durch die elf Jahre, in denen er nicht das Gesicht von Apple war: 1985 hatte er sich in der Firma mit seinen Allüren dermaßen unbeliebt gemacht, dass auch väterliche Freunde ihn fallen ließen, er musste gehen, er wurde gegangen.

Natürlich war er tief verletzt und stinksauer. (Zufällig reiste er in jener Zeit gerade nach Moskau; er fragte dort immerzu nach Trotzki, dem Architekten der Oktoberrevolution, den Stalin verjagte und schließlich ermorden ließ.) Im Rückblick war seine Kündigung das Beste, was Jobs passieren konnte.

Im Exil lernte er endlich, neue Fehler zu machen: Er gründete die Computerfirma „NeXT“, die es nie so richtig schaffte, und er kaufte sich das Trickfilmstudio „Pixar“, das unter seiner Leitung den Film „Toy Story“ in die Kinos brachte.

Als er 1996 im Triumph zu Apple zurückkehrte, begann seine größte Periode. (Mittlerweile war er kein ungewaschenes Wunderkind mehr, sondern ein manierlicher Vierzigjähriger mit Bart und Brille.) Die Firma hatte sich in der Zwischenzeit verzettelt, sie hatte eine Vielzahl von Produkten auf den Markt geworfen, die alle nicht liefen und auch nicht wirklich gut waren. Jobs nahm die Axt in die Hand und schlug den Klimbim weg: Zurück zum Kerngeschäft!

So wurde kreatives Potenzial freigesetzt, die Ingenieure konnten endlich wieder konzentriert arbeiten – ermuntert und getrieben von Jobs, der Gespräche immer noch gern mit „Was soll dieser Scheiß?“ einleitete.

So kam der iPod auf den Markt. Dann iTunes, jene Erfindung, mit der Apple die Musikbranche gerettet hat. Dann das berühmte iPhone. Dann das nicht minder berühmte iPad, auf dem Sie vielleicht gerade diesen Text lesen.

Jobs erfand auch den „Apple Store“, jenen Kauftempel im Stil der heiligen Nüchternheit, durch den der Benutzer eines Apple-Computers zum Teil einer Gemeinde wird. Ohne das „Wirklichkeitsverzerrungsfeld“, ohne den kreativen Wahnsinn von Steve Jobs ging es offenbar nicht.

Seine Krankheit hat er über Jahre hinweg geheimgehalten. Das lag unter anderem daran, dass er sie offenbar selbst nicht wahrhaben wollte; zu Anfang hat Jobs geglaubt, er könne seinen Krebs quasi mit Kamillentee besiegen – mit Kräutern, Spaziergängen und Meditationsübungen. Am Schluss hat auch die Chemotherapie nicht mehr geholfen.

Was wird von Steve Jobs bleiben? Er war, schreibt Walter Isaacson in seiner Biografie, eigentlich nicht außergewöhnlich intelligent; er war halt nur ein Genie. Seine Intuition hat ihn selten getrogen. Und so gehört er nun ins Pantheon jener großen Erfinder, die zugleich begnadete Unternehmer waren: Steve Jobs steht als Standbild neben Thomas Edison und Gottlieb Daimler – Leuten, die beherzt die Tür in ein neues Zeitalter aufgestoßen haben.