Enthüllungsplattform

Wikileaks wirft "Guardian" Datenmissbrauch vor

Ein Journalist des britischen "Guardian" soll ein Passwort zur Entschlüsselung Hunderttausender unveröffentlichter und zum Teil unredigierter US-Depeschen veröffentlicht haben. Wikileaks erhebt in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe. Menschen seien gefährdet worden.

Die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks hat im Zusammenhang mit der von ihr nicht gewollten Veröffentlichung geheimer US-Botschaftsdokumente schwere Vorwürfe gegen einen Journalisten der britischen Zeitung „The Guardian“ erhoben. David Leigh habe in einem Buch „rücksichtslos und ohne unsere Zustimmung einzuholen“ ein Passwort zur Entschlüsselung Hunderttausender unveröffentlichter und zum Teil noch unredigierter Botschaftstelegramme veröffentlicht, heißt es in einer in der Nacht zum Donnerstag verbreiteten Wikileaks-Erklärung.

Der „Guardian“ wies die Vorwürfe zurück. Die im Archiv der Enthüllungsplattform gespeicherten US-Diplomaten-Depeschen seien nicht mehr sicher, teilten die Betreiber am Donnerstagmorgen in einer 1.600 Worte umfassenden, im Internet veröffentlichten Stellungnahme mit. Kopien der Archivdateien sollen im Internet verfügbar sein.

Die Enthüllungsplattform, die bei der Veröffentlichung der Botschaftsdokumente mit der britischen Zeitung zusammengearbeitet hat, warf dem „Guardian“ vor, mit der Herausgabe des Buches im Februar dieses Jahres gegen eine Vertraulichkeitsabsprache verstoßen und Menschen gefährdet zu haben. Man prüfe deshalb juristische Schritte „gegen den „Guardian“ und eine Person in Deutschland, die das Passwort zum persönlichen Nutzen weiterverteilt hat“. Konkrete Schritte wurden aber nicht angekündigt.

"Guardian" habe keine Sicherheit gefährdet

„Es ist Unsinn zu behaupten, dass das Wikileaks-Buch des „Guardian“ in irgendeiner Weise die Sicherheit gefährdet hat“, erklärte die britische Zeitung. In dem Buch sei zwar ein Passwort genannt worden, „uns wurde aber gesagt, dass es ein zeitlich begrenztes Passwort sei, das verfallen und binnen Stunden gelöscht werde.“

Wikileaks erklärte jedoch, das Wissen um das durchgesickerte Passwort habe sich über Monate verbreitet und die Organisation sei am Donnerstag gezwungen gewesen eine Stellungnahme abzugeben, nachdem die Nachricht von der Sicherheitsverletzung in der Presse aufgetaucht sei, hieß es.

In seiner Mitteilung erklärt die Enthüllungsplattform jedoch nicht, wie es dazu kam, dass die Datei noch online war. „Jetzt, da die Verbindung von anderen öffentlich gemacht wurde, können wir erklären, was passiert ist und was wir vorhaben“, sagte die Gruppe. Außerdem hieß es, es sei versucht worden das US-Außenministerium zu warnen.

Zuvor hatte der Gründer der Enthüllungsplattform, Julian Assange, bereits dem deutschen Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg über einen Anwalt den Bruch von Absprachen und Selbstverpflichtungen sowie „ein gesteigertes Maß an Niedertracht“ vorgeworfen.

In dem neu aufgeflammten Streit geht es um unredigierte Originaltexte der ab Herbst 2010 veröffentlichten Berichte von US-Diplomaten in aller Welt. WikiLeaks und mehrere Medien, die mit Assange kooperieren, haben in ihren Veröffentlichungen die Namen von Informanten geschwärzt, um diese zu schützen. Nun sind aber nach Medienberichten die Originaltexte im Internet aufgetaucht, wenn auch nicht einfach zu finden.

Domscheit-Berg habe Journalisten Hinweise zur Öffnung der verschlüsselten Dateien gegeben, heißt es in einem Schreiben des Berliner Anwalts von Assange, Johannes Eisenberg, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. „Mit Ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter.“ Das Verhalten Domscheit-Bergs sei „in hohem Maße geeignet, die von Ihnen angeblich befürchteten Gefährdungen überhaupt erst herbeizuführen“. Konkrete juristische Schritte gegen Domscheit-Berg werden in dem Brief des Anwalts nicht angekündigt.

Domscheit-Berg - Klassisches Ablenkungsmanöver

„Aus meiner Sicht ist das Schreiben ein klassisches Ablenkungsmanöver“, erwiderte Domscheit-Berg in einer E-Mail. Im Umgang mit den Botschaftsdepeschen habe WikiLeaks nun mehrfach Fehler gemacht, zum Teil wegen „des fahrlässigen Handelns von Herrn Assange“. Nun seien sie für alle verfügbar. Außerdem seien Teile der Botschaftsdepeschen „durch offizielle Vertreter von WikiLeaks weitergegeben und verkauft“ worden, warf Domscheit-Berg der Enthüllungsplattform vor. Er habe nun „mit einem Journalisten meines Vertrauens“ über das Problem der öffentlich verfügbaren Originaltexte gesprochen. Domscheit-Berg startete vor kurzem eine eigene Enthüllungsplattform mit dem Namen OpenLeaks und erklärte: „Ich konzentriere mich viel lieber auf den Aufbau unseres neuen Projekts.“

Neun Monate nach Abschaltung der Internet-Adresse wikileaks.org ist die Enthüllungsplattform inzwischen wieder über ihre Stammadresse erreichbar. Das Projekt teilte dies am Mittwoch im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Anfang Dezember 2010 hatte die US-Internet-Firma everyDNS.net die zentrale Adresse entfernt, unter der WikiLeaks zuvor im Browser aufgerufen wurde. Das Unternehmen begründete die Entscheidung mit massiven Attacken auf die Webseite, nachdem WikiLeaks mit der Veröffentlichung von Berichten amerikanischer Diplomaten begonnen hatte. Das Aus für wikileaks.org löste damals eine breite Solidarisierungswelle aus.