Video, Musik und Bücher

Internet-Piraterie bedroht Hunderttausende Stellen

Die Kreativwirtschaft ist tief zerrissen. Sie streitet darüber, wie man am besten gegen das illegale Herunterladen vorgehen soll. Die illegalen Downloads bedrohen bis zu 1,2 Millionen Arbeitsplätze. Doch Musikindustrie, Verleger und Gewerkschaften können sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen.

Es ist schlimm bestellt um die Kreativwirtschaft im Zeitalter der Internet-Piraterie. Darin sind sich an diesem Vormittag alle einig. Allerdings hört in dieser Feststellung auch schon der gemeinsame Nenner auf. Was die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die Musikindustrie, der Buchhandel, die Filmwirtschaft, Drehbuchautoren und der Rundfunk in Berlin auf einer gemeinsamen langen Bühne präsentierten, zeigte vor allem eines: Man ist zerrissen. Zweideutig und symbolträchtig um fünf Minuten vor Zwölf präsentierten die Branchenvertreter genau das vor der versammelten Presse.

Dass die Not groß ist, belegen die Betroffenen mit einer aktuellen Studie des französischen Beratungsinstitutes Tera. Demnach verliert Europa aufgrund der Internet-Piraterie je nach Szenario bis 2015 zwischen 611.000 und 1,2 Mio. Arbeitsplätze. Der Kreativwirtschaft gehen den Angaben zufolge allein in diesem Jahr 15 Mrd. Euro Umsatz deswegen verloren. In fünf Jahren könnten es zwischen 32 und 56 Mrd. Euro sein.

Die am stärksten betroffenen Märkte sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Die Studie geht davon aus, dass zehn illegale Downloads von Filmen, Musikstücken oder auch Publikationen einem verlorenen Verkauf entsprechen. Im Vergleich zu anderen Studien ist das eine konservative Schätzung.

„Das Internet ist nichts ohne diejenigen, die den Inhalt machen“, sagt Dieter Gorny, Chef des Bundesverbandes Musikindustrie, was auf dem Podium mit einem einmütigen Nicken quittiert wird. Urheberrechtliche Leistung müsse finanziert werden, sonst werde man irgendwann diese Werke nicht mehr haben, sagt Peter Henning, Vorstand des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren. Wieder Nicken. „Die Gesellschaft würde ohne den kulturellen Schutz enorm verarmen“, sagt Christiane von Wahlert, Geschäftsführerin der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft. Noch mal Nicken.

Es gibt Lösungsvorschläge. „Wir brauche eine Straßenverkehrsordnung für das Internet“, sagt Gorny. Eine Internetdebatte, die sich entideologisiere, einen offenen Diskurs. Nun wird es konkreter. Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien, wünscht sich ein „Verwarnsystem“, bei dem Internet-Piraten auf ihre Fehlleistung aufmerksam gemacht werden. Das reiche in den meisten Fällen schon. „Ohne eine Einbeziehung der Internet-Zugangsanbieter ist aber kein wirksamer Schutz des Urheberrechts gewährleistet“, sagt Doetz. Zwei Verwarnungen will er, „Two Strikes“, wie die Engländer sagen.

Dem schließt sich auch Alexander Skipis an, der als Hauptgeschäftsführer den Börsenverein des deutschen Buchhandels leitet. Außerdem müsse die Bundesregierung endlich ein schlüssiges Konzept vorlegen und nicht – wie in den vergangenen Jahren – das Thema hin- und herschieben. Zwar sei die Belletristik von digitalen Raubkopien im Internet noch nicht so sehr betroffen. Doch das werde sich mit der Verbreitung der Tablet-Computer wie Apples iPad und E-Reader schnell ändern. Deswegen sei eine Lösung eilig. Von den Internet-Anbietern sitzt an diesem Tag aber niemand mit am Tisch, weil Unternehmen wie Telekom und Vodafone davon nichts halten.

Die Musikindustrie will noch weiter gehen. „Three Strikes“ (drei Schläge), nennt Gorny das. Zweimal verwarnen, dann den Web-Zugang sperren. Solche Regelungen gebe es schon in Frankreich und Großbritannien. „Das ist für uns nicht Gegenstand der Diskussion“, sagt plötzlich Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bereichsleiter Kunst und Kultur bei Verdi. Die Gewerkschaft ist gegen die Speicherung von Daten, die Internet-Nutzer hinterlassen, wenn sie online gehen.

Dass die Kreativwirtschaft einen längeren Weg vor sich hat, zeigt eine repräsentative Umfrage, die der Hightech-Verband Bitkom zu Wochenbeginn vorgestellt hat: Demnach findet jeder vierte Deutsche Internet-Raubkopien akzeptabel.