Allergien sind überschießende Reaktionen des Immunsystems auf zumeist harmlose Stoffe. Die werden so vehement bekämpft, dass der Organismus gerade an den Folgen der eigenen Attacke erkrankt und im Extremfall sogar sterben kann. Aber haben Allergien auch einen nützlichen Kern?
Ja, berichten Forscher der Berliner Charité und Kollegen von der Stanford University (Kalifornien) im Fachblatt „Immunity“. Demnach zeigen allergische Reaktionen Muster, die belegen: Der Mechanismus entstand einst als Schutz vor Vergiftungen. Die Forscher untersuchten dies an der Reaktion von Mäusen auf Bienengift.
„Jeder Mensch, der einmal Opfer oder Zeuge einer anaphylaktischen Reaktion auf einen Bienenstich war, wird sich fragen, warum die Evolution eine solch potenziell tödliche Immunantwort nicht abgeschafft hat“, sagt Professor Martin Metz, Facharzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité und einer der beiden Leiter der Studie. „Wir konnten jedoch an Mäusen zeigen, dass die Entwicklung von bestimmten Botenstoffen des Immunsystems, den IgE-Antikörpern, in Reaktion auf Bienen- und Schlangengift die Mäuse bis zu einem gewissen Grad vor ebendiesen Giften schützt.“
Antikörper gegen fremde Stoffe
Das Forscherteam Stanford injizierte Mäusen eine geringe Menge Bienengift. Eine zweite (Kontroll-) Gruppe erhielt dagegen eine simple Salzlösung. Später bekamen beide Gruppen eine hohe Menge Bienengift. In der Kontrollgruppe starben viele Tiere. Die zuvor mit einer kleinen Dosis „vorbereiteten“ Nager waren indes geschützt und blieben am Leben. Geholfen hatte ihnen, dass die vorbereitende Dosis wie eine Impfung wirkte, so konnte das Immunsystem den Giftstoff erkennen und sich mit Abwehrstoffen wappnen.
Bei der Untersuchung des Immunsystems der überlebenden Mäuse fanden die Wissenschaftler, dass genau jene körpereigenen Substanzen eine immunstimulierende Wirkung ausübten, die auch bei allergischen Reaktionen aktiv werden: Die Abwehrreaktion auf das Bienengift wurde durch sogenannte IgE-Antikörper eingeleitet und in der Folge auch von den sogenannten Mastzellen des Immunsystems gesteuert. Solche Mäuse, die durch einen genetischen Eingriff keine Mastzellen bilden konnten, vermochten auch keinen Schutz gegen Bienengift aufzubauen.
IgE-Antikörper und Mastzellen sind genau jene Immun-Werkzeuge, die auch bei Allergien überaktiv sind. „Unsere Daten unterstützen die Hypothese, dass sich Allergien entwickelt haben könnten, um uns vor giftigen Substanzen der Umwelt zu schützen. Durch Niesen, Husten, Erbrechen und eine laufende Nase entledigt sich der Körper letztendlich der schädlichen Substanzen“, sagt Metz. „Möglicherweise besitzen Menschen, die eine sehr schwere Reaktion der lgE-Antikörper bis hin zu einem anaphylaktischen Schock ausbilden, eine besondere genetische Veranlagung.“




