Eine Ambrosia-Pflanze möchte man an diesem Vormittag nicht sein. Am Ende der Rollbergstraße in Neukölln veranstalten drei Männer und zwei Frauen eine regelrechte Jagd auf die hoch allergische Pflanze. Sie suchen im Gestrüpp und in der Nähe von Bäumen. Die Blütezeit der Ambrosia steht bevor. Es gilt, die Pflanze auszureißen, bevor ihre Pollen fliegen und sie Allergiker mit Heuschnupfen oder Augenjucken quälen. Thomas Dechant deutet auf eine Brache, das meterhohe Unkraut sprießt wild. „Da kann gut etwas drin sein“, sagt er und begibt sich in die Büsche.
Er und seine Kollegen sind Ambrosia-Scouts vom gemeinnützigen Verein fuchs-aus-berlin.de. Letztes Jahr gab es hier Ambrosia-Pflanzen. Es kann also gut sein, dass sie wieder fündig werden. Nach einem Moment kommt Dechant mit einem weißlichen Beifuß-Blatt zurück. Sieht so ähnlich aus wie Ambrosia, sagt der 45-Jährige, aber „erst wenn man die Unterseite sieht, kann man sich sicher sein“. Die Unterseite der Ambrosia ist grün, der Stängel behaart, und sie hat auch keinen aromatischen Geruch wie Beifuß. Bis zu 1,50 Meter kann die Pflanze groß werden.
Mit bloßen Händen sollte man die Ambrosia nicht anfassen. Entdecken die Scouts eine Pflanze, dann sollen sie einen Mundschutz anlegen, Gartenhandschuhe anziehen und dann eine Mülltüte über die Pflanze stülpen. Damit die Pollen und die Samen der Pflanze sich beim Ausreißen nicht weiter verbreiten. Aber an diesem Vormittag finden die Ambrosia-Scouts nichts. Das spricht dafür, dass sie letztes Jahr ganze Arbeit geleistet haben. Die letzte Schlacht gegen die Allergie-Pflanze ist allerdings noch lange nicht geschlagen. In Berlin wurden 2012 rund 1,5 Millionen Pflanzen ausgemacht.
Wenn die Scouts als die Bodentruppen im Kampf gegen die Ambrosia-Pflanze gelten können, dann befindet sich die Kommando-Zentrale in Steglitz, in der Schmidt-Ott-Straße 13. Ein grün-gestrichener Zaun, der an mehreren Stellen rostet. Dahinter ragt ein alter Wasserturm aus rotem Backstein in die Höhe. „Institut für Meteorologie“ steht auf einem Schild neben dem Eingang.
Atlas im Netz zeigt alle Orte
Mit dem Fahrstuhl geht es hoch in den vierten Stock. Sandra Kannabei wartet. Die zierliche 35 Jahre alte Frau ist gewissermaßen die Feldherrin, die Koordinatorin im Kampf gegen die Ambrosia-Pflanze. Wird das Gewächs gesichtet, dann organisiert Kannabei die Vernichtung des Bestandes und fügt den Fund in den im Internet frei zugänglichen Ambrosia-Atlas ein. Die Karte zeigt alle Fundorte der Pflanze in Berlin und Brandenburg.
„Ambrosia hat eine der stärksten Allergene weltweit“, warnt Kannabei. Die Forscherin beschäftigt sich seit Jahren mit der Pflanze, sie kennt den Feind genau. Ambrosia löst besonders leicht allergische Reaktionen aus, sagt sie, sehr viel leichter als andere Pflanzen. Finden sich in einem Kubikmeter Luft sieben bis zehn Pollen könne es bereits zu einer starken allergischen Reaktion kommen. Zum Vergleich: Bei der ebenfalls als stark allergisch wirkend geltenden Birke brauche es für eine ähnliche Reaktion rund 50 Pollen.
Immer mehr Menschen reagieren allergisch auf Ambrosia, sagt Kannabei. Ein Grund dafür sei, dass der Mensch besonders schnell auf die Planze reagiere. Der Kontakt mit der Pflanze in einem Jahr kann beim wiederholten Kontakt im nächsten Jahr bereits zu allergischen Reaktionen führen. Acht Prozent der Berliner Bevölkerung sind sensibel für Ambrosia, und weitere fünf Prozent bereits allergisch, sagt die Forscherin. Brisant macht eine Ambrosia-Allergie, dass sie sich schnell auf Lunge und Atemwege niederschlägt. Chronisches Asthma kann die Folge sein.
Die Schlacht gegen Ambrosia ist deshalb so schwer zu gewinnen, weil Berlin nicht mit einer, sondern mit zwei Arten zu kämpfen hat. Gegen die einjährige Pflanze Ambrosia artemisiifolia konnte das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der Senatsverwaltung und dem Pflanzenschutzamt gute Erfolge verzeichnen.
Seit einem Jahr aber weiß man, dass das Hauptproblem in Berlin die Ambrosia psilostachya ist. Bei diesem zweiten Typ scheint der Name Ambrosia mehr als zutreffend. Übersetzt aus dem Griechischen bedeutet er unsterblich. Tatsächlich ist dieser Typ kaum Tod zu kriegen. Eine Attacke der Scouts überlebt diese Art: So lange nur ein kleiner Rest Wurzelwerk im Boden bleibt, ist die Pflanze in der Lage sich zu regenerieren.
Wurzeln werden verteilt
Und noch etwas macht den Kampf gegen die Ambrosia psilostachya schwierig. Die Baubranche verwendet bei ihren Projekten Erde, in denen Samen der Pflanze steckten, sagt Kannabei. In Lastern wird die Erde durch die Stadt transportiert, dabei fallen immer wieder Wurzelreste an den Straßenrand. Solange die Pflanze immer weiter neu ausgestreut wird, kann es nur darum gehen, sie zurückzudrängen, sie zu mähen und auszureißen. Das Problem kann so aber nicht gelöst werden. Dafür wären der Einsatz von Pestiziden oder das Umpflügen der Erde und eine Filterung nötig.
Um der Ambrosia-Plage Herr zu werden, will Kannabei stärker mit der Baubranche kooperieren. Und sie wünscht sich mehr Einsatz von der Senatsverwaltung. Sie sagt: „Die nötigen Maßnahmen werden nicht ergriffen, um gegen Ambrosia vorzugehen.“ Dabei könnte eine Lösung sein, etwa indem man bei der Vergabe von Bauaufträgen die Unternehmen verpflichtet keine mit Ambrosia verseuchte Erde zu nutzen. Noch aber fehle es an politischem Willen.



