Der Mensch wird – zumindest in den Wohlstandsgesellschaften – älter als je zuvor. 80 oder gar 90 Jahre alte Senioren mit beachtlicher Fitness sind keine Ausnahmen mehr. Dennoch gibt es auch viele, die es nicht bis dahin schaffen. Was die Frage aufwirft, warum die Lebenserwartung der einzelnen Menschen so unterschiedlich ist.
Liegt es an den Genen, der Ernährung, der körperlichen Bewegung, sozialen Beziehungen oder einfach nur an der finanziellen Ausstattung? Die US-Forscher Howard Friedman und Leslie Martin sind dieser Frage nachgegangen und legen die Ergebnisse am Montag in einem Buch vor: „Die Long-Life-Formel“ (Beltz-Verlag). Demnach sind es neben einem günstigen sozialen Umfeld vor allem persönliche Faktoren, die uns ein Methusalem-Alter erreichen lassen. Wie etwa Disziplin und Zielstrebigkeit – und eine gewisse Neigung zur Langeweile.
Drei Forscher-Generationen
Friedman und Martin arbeiten an der University of California, doch ihre Studie ist eigentlich auf mehrere Forschergenerationen angelegt. „Denn die besten Ergebnisse erhält man bei einer Studie zur Lebenserwartung, wenn man die daran beteiligten Personen ihr ganzes Leben lang begleitet“, so die beiden Psychologen. Doch dazu reicht natürlich das einzelne Forscherleben nicht aus. Wenn etwa ein Proband bei Studienbeginn zehn Jahre alt ist und der Forscher 40, müsste letzterer über 100 Jahre alt werden, um sein Testobjekt bis zu seinem Tode beobachten zu können. Friedman und Martin haben deshalb lieber ein Forschungsprojekt weitergeführt, das seit 1921 die Lebensumstände von US-Amerikanern beobachtet.
Begründet wurde es von Lewis Terman, einem Psychologen der Stanford University. Ihn ärgerte seinerzeit, dass in den USA weithin die Theorie vertreten wurde, wonach intelligente Menschen, weil sie angeblich zu gehemmt und neurotisch sind, ungesünder seien als andere mit eher niedrigem Intelligenzquotienten. Er sah, dass Eltern ihren Kindern die Bücher wegnahmen und hinaus zum Spielen schickten. Terman, der auf Intelligenzforschung spezialisiert war, konnte das nicht ertragen. Also beschloss er, eine eigene Studie einzuleiten. Dazu rekrutierte er 1528 Grundschulkinder mit einem IQ von über 135 Punkten, um detaillierte Daten zu ihrer Gesundheit sowie zu ihrer Familiengeschichte und ihrem alltäglichen Leben zu sammeln.
Terman starb 1956. Aus seiner Studie war er bis dahin zur Überzeugung gelangt, dass „begabte Kinder ihre Altersgenossen im Gesundheitszustand übertreffen“. Was ihn in seiner Sicht bestärkte, dass ein hoher IQ ein Merkmal sei, das man per Züchtung in der Menschheit immer weiter ausbauen sollte. Trotz dieser eugenischen Auswüchse setzten andere Forscher sein Projekt fort, denn Termans Datenbestand war groß und akribisch aufgearbeitet. Man ließ die „Termiten“, wie sich die Teilnehmer in Anlehnung an ihren Untersucher nannten, alle fünf Jahre einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Und wenn sie gestorben waren, ließ man sich die Todesurkunden zuschicken, um über die Ursache ihres Ablebens zu erfahren.
1990 begannen Friedman und Martin, mit den Daten zu arbeiten. Sie erkannten, dass sich eigentlich kein Zusammenhang zwischen Intelligenz, Sozialstatus und Gesundheit erstellen ließ, weil die Testpersonen ja allesamt hochintelligent waren und aus weißen, gut situierten Familien stammten, so dass es in diesen Punkten keine Vergleichsgruppe gab. Doch diese Einschränkung hatte auch einen entscheidenden Vorteil: IQ und Sozialstatus waren nun keine Störgrößen mehr in dem Bemühen, mehr über die entscheidenden Faktoren der Lebenserwartung zu erfahren.
So zeigte sich, dass Sport das Sterbealter kaum nach hinten verschiebt. „Die von Terman ausgewählten Männer und Frauen waren Jahrzehnte vor der Erfindung von Joggingschuhen, Fitnesscentern und modischen Medizintests geboren worden, aber viele hatten ein langes und gesundes Leben“, so die Psychologen. Auch Optimismus verlängert das Leben weniger, als vermutet wird. Pessimisten sterben zwar früher, doch das liegt daran, dass sie mehr Unfälle und Gewalt gegen sich erleben. „Schwarzmaler leben gefährlich“, warnen die beiden Psychologen, „sie begeben sich oft auf einen riskanten Lebensweg.“ Was schon erstaunlich ist, weil man von einem Pessimisten eher wenig Risikofreude erwartet, weil er vieles für zwecklos hält und daher selten aktiv wird. Doch er zieht mit seiner Einstellung auch mehr Unglück und Gewalt auf sich. Nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn ich nur lang und intensiv mit dem Unheil rechne, kommt es auch.
Nichtsdestoweniger kommt ein längeres Leben weniger durch Optimismus und Lebensfreude zustande, als durch Gewissenhaftigkeit. „Wer sparsam, beharrlich, detailverliebt und verantwortungsvoll ist, lebt am längsten“, resümieren Friedman und Martin. „Gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren 70 Prozent der Terman-Männer und 51 Prozent der Terman-Frauen gestorben – und es waren vor allem die Undisziplinierten, die das Zeitliche gesegnet hatten.“ Das klingt wenig tröstlich für alle Chaoten, während pflichtbewusste Arbeitsbienen auf ein langes Leben hoffen dürfen.
Disziplin hält gesund
Es könnte aber etwas dran sein. So wurde der Philosoph Immanuel Kant trotz schwächlicher Körperkonstitution fast 80 Jahre alt. Er formulierte nicht nur den kategorischen Imperativ, seine Königsberger Mitbewohner stellten auch ihre Uhren nach seinen Spaziergängen, weil er sie immer zur selben Zeit tätigte. Friedrich Nietzsche hingegen propagierte pflichtvergessene Ekstase und fühlte sich vom Leben und den Frauen überfordert – er brachte es nur auf 55 Lenze. Der chaotische Mozart starb schon mit 35, während es der umsichtige Bach für damalige Verhältnisse auf stolze 65 Jahre schaffte.
Bleibt die Frage, warum eher langweilige Tugenden wie Gewissenhaftigkeit, Zielstrebigkeit und Pflichtbewusstsein lebensverlängernd wirken. „Der erste und vielleicht offensichtlichste Grund ist, dass disziplinierte Menschen mehr für den Erhalt ihrer Gesundheit tun und weniger riskante Dinge unternehmen“, so die Erklärung der Forscher. Sie trinken und rauchen weniger, und beim Autofahren finden sie eher das Brems- als das Gaspedal.
Ein weiterer, weniger offensichtlicher Grund ist, dass gewissenhafte Menschen meist psychosomatisch robust sind. So zeigt ihr Hirn oft einen hohen Level des Botenstoffs Serotonin, der einerseits weniger impulsiv macht, andererseits aber auch für guten Schlaf, gute Laune sowie einen angemessenen Appetit sorgt. Disziplin sorgt also nicht nur für lebensverlängernde Umstände, sie speist sich auch aus psychosomatischen Voraussetzungen, die lebensverlängernd wirken.
Besonders wichtig ist aber laut Friedman und Martin, dass gewissenhafte Menschen „aufgrund ihrer Persönlichkeit gesündere Lebenssituationen und Beziehungen aufsuchen“. Sie finden beispielsweise eher zu glücklichen Ehen, besseren Freundschaften und stabilen Arbeitsverhältnissen. Ganz zu schweigen davon, dass zielstrebige Menschen sich weniger verzetteln und dadurch Energien sparen, so dass ihnen mehr Kraft für die Widrigkeiten des Lebens bleibt.
Doch Friedman und Martin weisen selbst darauf hin, dass man ihre Studienergebnisse nicht pauschalisieren sollte. So hatten ihre „Termiten“ das Glück, dass sie für ihre preußischen Tugenden im Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre mit gut bezahlten Jobs belohnt wurden. Wer hingegen hart arbeitet, aber nichts gegen eine tobende Rezession ausrichten kann, wird eher Frust aufbauen und damit wohl auch kein langes Leben erreichen.
Und was macht ein Mensch, dem Disziplin und Verlässlichkeit nicht in die Wiege gelegt sind? In der Studie lebten zwar diejenigen am längsten, die bereits im Kindesalter Mini-Preußen waren. Doch man hatte auch „ein paar wilde, ungebärdige Jungs“, die erst nach ihrem 40. Geburtstag ihr Leben in geregelte Bahnen lenkten – und mit einem längeren Leben belohnt wurden. Es lohnt sich also auch noch im reifen Alter der Umstieg vom Chaoten zum disziplinierten Selbstorganisator.





