Kriminologie

Studie zeigt Rückgang sexuellen Missbrauchs

Übergriffe auf Kinder und Jugendliche werden seltener – rein statistisch. Kriminologen konstatieren mehr Aufmerksamkeit, mehr Abschreckung und mehr Bereitschaft zur Anzeige.

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Sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Das belegt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. "Entgegen aller Erwartungen geht der sexuelle Missbrauch drastisch zurück", sagte der Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer. Das Thema sei mehr in die Öffentlichkeit gerückt, die Opfer seien mutiger und die Abschreckung für die Täter größer geworden.

Bislang gab es in Deutschland nur eine repräsentative Befragung zu sexuellem Kindesmissbrauch. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 1992. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen wiederholte und erweiterte die Studie von damals nun. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden dazu mehr als 11.000 Menschen zwischen 16 und 40 Jahren befragt.

Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Ende 2013 soll die gesamte Studie vorliegen. Veröffentlicht wurde nun ein erster Zwischenbericht, der sich auf die Angaben jener Befragten konzentriert, die vor ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal Opfer sexueller Übergriffe wurden.

6,4 Prozent der weiblichen Befragten gaben demnach an, dass sie in ihrer Kindheit oder Jugend solche Erfahrungen gemacht haben. Bei den männlichen Befragten waren es 1,3 Prozent. In der Vorgängerstudie von 1992 hatten 8,6 Prozent der Frauen von solchen Übergriffen in ihrer Kindheit und Jugend berichtet und 2,8 Prozent der Männer. Die Zahl der Missbrauchsfälle ist damit zurückgegangen.

Als mögliche Gründe sehen die Forscher unter anderem eine gestiegene Bereitschaft von Missbrauchsopfern, die Täter anzuzeigen. "Während in den 80er Jahren im Durchschnitt nur etwa jeder zwölfte Täter damit rechnen musste, dass er zur Verantwortung gezogen wird, trifft es heute jeden dritten", sagte Pfeiffer. Die Öffentlichkeit sei sensibler für das Thema geworden und die Prävention besser.

Die Täter sind laut Studie meist Männer aus der eigenen Familie oder dem Bekanntenkreis der Kinder und Jugendlichen. Nur in knapp jedem vierten Fall handelt es sich um einen Unbekannten. Tatorte sind oft das eigene Zuhause der Opfer oder die Wohnung des Täters.

Bei 8,6 Prozent der Frauen, die als Kind oder Jugendliche missbraucht wurden, war einer ihrer Lehrer der Täter. Ein Übergriff durch einen katholischen Priester wurde dagegen nur in einem einzigen Fall genannt.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan bezeichnete die Studie als weiteren Schritt zur Enttabuisierung des Themas und zu einer "Kultur des Hinsehens". Schavans Ministerium hat neben der Studie weitere Forschungsprojekte angestoßen. Unter anderem sollen angehende Pädagogen und Ärzte schon im Studium für sexuellen Missbrauch sensibilisiert werden.

Scharfe Kritik von Opfern

Opfervertreter haben scharfe Kritik an einer Studie geübt. Viele Opfer hätten den Missbrauch komplett verdrängt und machten deshalb bei Befragungen keine Angaben, sagte der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef. "Wenn ein Opfer schweigt, kann es auch im Geheimen kein Kreuzchen machen", sagte er.

Denef bezweifelte, dass es überhaupt möglich ist, Statistiken über sexuellen Missbrauch zu erstellen. Solche Studien könnten nur falsch sein.