Gesundheit

Wenn die Krankheit aus dem Krankenhaus kommt

Gefährliche Bakterien machen sich in Kliniken breit, und Deutschland ist besonders betroffen. Die Biester sind kaum zu stoppen. Ein Patient hinterlässt die Keime im Bad, an Lichtschaltern, Türklinken oder auf dem Boden. Hauptüberträger sind allerdings Ärzte und Pflegepersonal.

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Das Bakterium heißt Staphylococcus aureus. Es ist momentan einer der triftigsten Gründe dafür, dass es lebensgefährlich sein kann, sich in die Obhut eines deutschen Krankenhauses zu begeben. Es ist der Keim, der Krankenhausmedizinern, vor allem aber dem Management der Hospitäler täglich das Gewissen belastet.

Der Erreger löst Hautgeschwüre, Muskelkrankheiten, Lungenentzündungen und Blutvergiftung aus. Er ist klein und gemein, und er ist meist völlig unempfindlich gegen Antibiotika. In der medizinischen Fachsprache wird dieser gefürchtete Bakterientyp MRSA genannt. MRSA ist als Krankenhauserreger verrufen – er verursacht weltweit die meisten Infektionen in Kliniken. In Deutschland infizieren sich jedes Jahr 50.000 Menschen damit, bis zu 1500 sterben an der Infektion – beides sind allerdings nur Schätzungen. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil Deutschland bislang auf eine strenge Meldepflicht verzichtet.

Am häufigsten sind in Krankenhäusern Harnwegsinfektionen durch MRSA, gefolgt von Wund- und Atemwegserkrankungen. Zwar sind die Krankenhäuser seit dem 1. Juli verpflichtet, MRSA-Infektionen offenzulegen, aber nur wenn es bei den Patienten zum Schlimmsten gekommen ist – zur Blutvergiftung, der Sepsis. „Das reicht nicht hin, so bekommt man keinen Erreger klein“, sagt Axel Kramer vom Universitätsklinikum Greifswald und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Deutschland ist eines jener Länder in Europa, die deutlich steigende Infektionszahlen melden. Medizinisch vorbildlich zeigen sich die Niederlande. Dort wird jeder Patient bei der Einweisung auf MRSA untersucht. Abstriche im Nasen-Raum, in der Leiste und Genitalregion sind die Regel. Ärzte, Schwestern und Pfleger tragen Masken, Handschuhe und Haarschutz.

So gewissenhaft geht das Personal in kaum einer deutschen Klinik vor. Als vorbildliche Ausnahme gilt etwa das Uni-Klinikum Greifswald. Alle Patienten werden dort einem MRSA-Schnelltest unterzogen, besonders gefährdete Intensiv-Patienten isoliert. „Weil wir jeden untersuchen, kommen wir auf Infektionszahlen, die siebenmal höher liegen als im deutschen Durchschnitt“, sagt Kramer, „was einen guten Begriff davon gibt, wie hoch die Dunkelziffer in Deutschland tatsächlich liegen könnte.“

Der Staphylococcus aureus ist weit verbreitet: Die Bakterien nisten in jedem dritten Bundesbürger, vorzugsweise in der Nase. Resistente Stämme waren anfangs eher selten, in den 1990ern aber hat sich ihre Zahl explosionsartig erhöht. Waren 1990 nur zwei Prozent der in Kliniken gefundenen Aureus-Staphylokokken resistent, so stieg ihr Anteil bis 2001 auf 20 Prozent. Allerdings schwankt der Anteil von Klinik zu Klinik, sogar von Station zu Station beträchtlich. Ausgerechnet auf Intensivstationen, zwischen Schläuchen und Beatmungsgeräten, ist jeder dritte Keim gegen jedes Mittel resistent geworden.

Wie viele Klinikpatienten die Wundkeime nach der Entlassung in ihre Wohnungen ausschleppen, hat eine französische Studie gezeigt. Darin untersuchten die Mediziner des Bichat-Claude-Bernard-Hospitals in Paris rund 1500 Patienten vor der Entlassung aus dem Krankenhaus. 13 Prozent waren befallen. Nur jeder Zweite von ihnen überwand die Infektion im folgenden Jahr, berichten die Forscher im Journal „Archives of Internal Medicine“.

Dass gerade Krankenhäuser das bevorzugte Verbreitungsgebiet der Bakterien geworden sind, führt Axel Kramer auf einen „Antibiotika-Missbrauch“ zurück: „Wenn wir weniger Antibiotika verschreiben würden, hätten wir auch weniger MRSA“, sagt der Mediziner. Gerade in Kliniken werden die Mittel so oft verordnet, dass sie die Auswahl der widerstandsfähigen Erreger durch klassische Selektion befördern: Sie töten sensible Bakterien, während resistente Keime überleben und sich ungehindert vermehren. Weil in Krankenhäusern viele Menschen auf engem Raum leben, breiten sich die Bakterien schnell aus. Ein befallener Patient hinterlässt MRCA im Bad, an Lichtschaltern, Türklinken oder auf dem Boden. Hauptüberträger sind allerdings Ärzte und Pflegepersonal. Sie haben oft nicht die Zeit, vor jedem Kontakt 30 Sekunden lang Hände oder Stethoskop zu desinfizieren.

„Wir brauchen dringend eine Meldepflicht für MRSA“, sagt Kramer, „und zwar mehr als das, was im Juli beschlossen wurde.“ Im Gesundheitsministerium prüft man jetzt eine Meldepflicht auch für Einzelfälle. Ein Entwurf soll noch in diesem Jahr kommen.