Stoffwechsel

Nach dem Grillen lauert der Gichtanfall

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Pia Heinemann

Foto: Getty Images

Die Stoffwechselerkrankung klingt nach vorigem Jahrhundert und alten Menschen. Geschwollene, entzündete und später sogar verformte Gelenke, das ist nicht modern. Aber immer mehr Menschen leiden an den Gelenkschmerzen. Das liegt vor allem am Wohlstand. Wie Sie sich vor Gicht schützen können.

Die Grillparty war ein voller Erfolg: Gutes Fleisch, viel Bier, tolle Stimmung. Aber plötzlich, in der Nacht, war er da: ein starker Schmerz im dicken Zeh. Die Haut über dem Gelenk war dunkelrot, heiß und dick geschwollen. Die kleinste Berührung war schon zu viel. Weglaufen vor dem ziehend-beißenden Schmerz – warum kann man das nur nicht?

Nächte wie diese durchleben in Deutschland etwa 800.000 Menschen, meistens Männer. Und es werden immer mehr. Das liegt nicht nur daran, dass es immer mehr ältere Menschen gibt, sondern vor allem auch an ungesunder Ernährung. Manche Patienten werden häufiger von den Anfällen heimgesucht, andere haben nur einen. Anstatt lange zu warten, bis die Gelenkschmerzen abklingen, sollten sie alle am nächsten Tag möglichst schnell zum Arzt. Denn die Ursache für den schmerzenden Zeh ist ein akuter Gichtanfall. Und wenn dieser nicht behandelt wird, kann es im schlimmsten Fall zu andauernden Gelenkschmerzen, Gelenkverformungen und Gichtknoten unter der Haut kommen. Gicht, eine altbekannte Krankheit, die heutzutage gut in den Griff zu bekommen ist. Nicht zuletzt deshalb, weil sie vergleichsweise gut erforscht ist und wirksame Medikamente auf dem Markt sind.

Ursachen der Krankheit

Doch zunächst zu den Ursachen: Dass die akuten Anfälle der Gicht häufig nach Bier- und Fleischexzessen auftreten, ist kein Zufall. Denn diese Lebensmittel enthalten viele Purine, die bei der Verdauung zu Harnsäure abgebaut werden. Ist zu viel Harnsäure im Blut, dann kristallisiert sie aus. Die Kristalle (Mono-Natrium-Urat-Kristalle) lagern sich in den Gelenken an. Bei einem Drittel der Patienten passiert das an der Wurzel des dicken Zehs und wird dann „Podagra“ genannt. Die Kristalle lösen, wenn sie zwischen und in den Zellen der Gelenke liegen, hier heftige Entzündungsreaktionen aus. Die können so stark sein, dass das Gelenk – wenn die Kristalle nicht entfernt werden und die Harnsäurekonzentration über Jahre hinweg hoch bleibt – selber durch die Entzündungsreaktion geschädigt kann. Verdickte Gichtknoten und Verkrümmungen sind die Folge.

Allerdings muss nicht immer ein Gelage den Ausschlag für einen Gichtanfall geben. Bei vielen Patienten erhöht sich über die Jahre hinweg die Harnsäure im Blut auf immer höhere Level. Der Grund kann ein dauerhafter ungesunder Lebensstil sein.

Frauen sind zunächst geschützt

Bei Frauen gibt es zudem die Östrogen-Theorie. Wissenschaftlern war schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass sie seltener an den Gelenkschmerzen leiden. Deshalb war eine Kopplung mit dem Hormon Östrogen naheliegend. Und tatsächlich steigen die Erkrankungsraten für Frauen, die die Wechseljahre bereits durchlebt haben, an. Dann nämlich kursiert weniger Östrogen im Blut. Forschungen haben mittlerweile auch belegt, dass das Hormon im Blut normalerweise hilft, die Harnsäurekonzentration niedrig zu halten. Fällt das Hormon weg, so können sich langsam die Harnsäurewerte erhöhen – bis das Blut schließlich gesättigt ist. Dieser schützende Effekt des Östrogens spiegelt sich in den Patientenzahlen wider: Männer haben ein vier bis neunfach gesteigertes Risiko, in ihrem Leben an dem Stoffwechselleiden zu erkranken.

Nicht nur Grillfeiern und deftiges Essen erhöhen die Harnsäurekonzentration im Blut, sondern auch manche Medikamente, etwa Thiazide, die gegen Bluthochdruck und Herzschwäche eingesetzt werden. Da Harnsäure über die Nieren ausgeschieden wird, sind vor allem Nierenkranke stärker gefährdet. Außerdem haben die Forscher mittlerweile auch bestimmte Genvarianten gefunden, die letztlich bestimmen, dass die Harnsäure schlecht oder verlangsamt über die Nieren ausgeschieden wird. Wer diese Gene in sich trägt, dessen Risiko ist deutlich erhöht.

Aber wie erkennt der Arzt einen Gichtanfall sicher, und was kann er hinterher tun? Die Europäische Rheumaliga hat bereits 2006 Empfehlungen und die britische Rheumagesellschaft hat 2007 Leitlinien publiziert, die auf aktuellen internationalen Daten beruhen. Diese Leitlinien werden von Experten zwar als sehr gut eingestuft, allerdings sind in ihnen nicht die Erfahrungen von Ärzten aus der Allgemeinmedizin enthalten. Und genau diese sind die ersten Anlaufstellen für Patienten, die das erste Mal einen Gichtanfall erleiden. Deshalb haben Rheumatologen aus Dresden, Gießen und Leeuwarden in den Niederlanden nun eine umfangreiche Literaturauswertung vorgenommen. Sie suchten in den Fachdatenbanken nach randomisierten und kontrollierten Therapiestudien und arbeiteten deren Ergebnisse dann in die bestehenden Gicht-Empfehlungen ein.

Zuerst die Entzündung lindern

Als Ergebnis veröffentlichen sie nun im „Deutschen Ärzteblatt“ Richtlinien, die sich explizit an die hausärztliche Praxis wenden. Solange der Zusammenhang zwischen einem deutlich erhöhten Bier- und Fleischkonsum mit nachfolgendem Zehgelenksschmerz und erhöhten Harnsäurewerten im Blut nicht offensichtlich ist, gibt es ein gutes Mittel der Diagnose: Die Experten empfehlen dann unbedingt eine Gelenkpunktion. Dabei wird ein wenig Gelenkflüssigkeit entnommen, die hinterher dann im Labor genauer untersucht wird. Bei einem Gichtpatienten finden die Ärzte unter dem Mikroskop die charakteristischen Gichtkristalle. Die auskristallisierte Harnsäure, die innerhalb und außerhalb der Zellen liegt. Damit ist die Diagnose sicher gestellt.

Zur Therapie muss der Arzt zunächst natürlich die schmerzhafte Entzündung in den Gelenken behandeln. Dazu muss der Patient die schmerzende Hand, den Fuß oder den Ellenbogen ruhig halten und kühlen. Darüber hinaus sollte der Patient entzündungshemmende und schmerzstillende Arzneien nehmen.

Doch das Zipperlein, wie der typisch ziehend-reißende Gichtschmerz früher meistens genannt wurde, nur akut zu behandeln, wäre fahrlässig. Denn nicht nur das Symptom, sondern die Ursachen sollten behoben werden. Zudem erleiden 90 Prozent aller Patienten, die einmal einen Anfall hatten, in den nächsten fünf Jahren einen weiteren. Deshalb müssen zunächst die Gichtkristalle aufgelöst werden. Wenn das gelingt, so gilt die Gicht als heilbar. Allerdings geht das geht natürlich nur, wenn die Harnsäurekonzentration im Blut sinkt. Um das zu erreichen, gilt vor allem eines: Die Lebensweise ändern. Purinhaltige und damit harnsäuresteigernde Lebensmittel wie Innereien und Meeresfrüchte sollten die Patienten unbedingt vermeiden. Auch Softdrinks sind ein Gift für Gichtkranke. Denn sie enthalten viel Fructose, die wiederum verhindert, dass über die Nieren Harnsäure ausgeschieden wird.

Weniger Fleisch und mehr Milch

Aber die Patienten sollten nicht nur bestimmte Lebensmittel meiden, sondern auch andere verstärkt konsumieren: Milch, Milchprodukte und pflanzliche Eiweiße senken den Harnsäuregehalt im Blut beträchtlich. Auch Abnehmen hilft gegen Gicht. Allerdings sprechen sich die Mediziner hier ausdrücklich dafür aus, dass es nicht mehr als ein Kilogramm pro Monat sein sollte. Leichtes körperliches Training sei das beste Mittel. Denn über eine raschere Gewichtsabnahme können neue Gichtanfälle auslösen. Auch auf Bier sollten die Patienten möglichst ganz verzichten, da es zu viele Harnsäurevorläufermoleküle enthält. Mindestens an drei Tagen pro Woche sollte kein Alkohol getrunken werden, ein Glas Wein ist in der Regel allerdings unbedenklich.

Allerdings, und das ist die schlechte Nachricht der Neubewertung gängiger Therapien: Auch wenn eine Änderung des Lebensstils notwendig ist, kann sie die Harnsäurewerte im Blut maximal um zehn bis 15 Prozent senken. Ein Harnsäurespiegel von acht Milligramm pro Deziliter würde dann also höchsten auf 6,7 Milligramm pro Deziliter gesenkt. Und das liegt noch immer über dem für Gichtpatienten erforderlichen Wert. Deshalb wird empfohlen, dass Gichtpatienten, die innerhalb von einem Jahr zwei Anfälle hatten, Medikamente nehmen sollten. Das, so betonen die Autoren der neuen Gichtempfehlungen, muss von Arzt und Patient durchaus ernsthaft verfolgt werden.

Neuere Daten aus Deutschland zeigen nämlich, dass nur 30 Prozent aller Gichtpatienten nach drei Monaten ihre harnsäuresenkenden Mittel weiter einnehmen. Wenn nichts schmerzt, wird ein Medikament vergessen. Doch nur durch diese Mittel kann oft erreicht werden, dass sich alle Kristalle in den Gelenken auflösen und sich keine weiteren mehr bilden. Erst dann sollten Patienten wieder mal (in Maßen) grillen.