Medizin

Fettsucht stößt auf natürliche Grenzen

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Anja Gröber

Foto: picture-alliance / Sven Simon / dpa

Fettleibigkeit ist gesundheitsschädlich und immer mehr Menschen sind betroffen. Eine regelrechte "Fettsucht-Epidemie" halten einige Forscher jedoch für ein übertriebenes Szenario. Vielmehr würde sich die Anzahl der krankhaft Dicken auf einen konstanten Wert einpendeln. Für Entwarnung ist es jedoch zu früh.

Der Anteil der stark übergewichtigen Menschen in den Industrieländern ist dabei, eine natürliche Grenze zu erreichen und wird sich in Zukunft nicht mehr weiter erhöhen. Dies berichtet der australische Wissenschaftler Michael Gard von der Charles-Sturt-Universität in Australien. "Wir stellen langsam einen ersten Rückgang der Zahl der Fettleibigen fest, vor allem unter den Mitgliedern der Mittelschicht in den Industriestaaten", sagte er der englischen Tageszeitung "The Telegraph". Die katastrophalen Szenarien von einer grassierenden Fettsucht seien falsch, und würden "oftmals absichtlich überzeichnet, um das Gehör der Politik zu bekommen."

Michael Gard hat Studien zur Entwicklung der Fettleibigkeit aus den USA, Australien, Schottland und Singapur ausgewertet und festgestellt, dass dort die Anzahl der Fettleibigen nicht weiter zunahm. Prognosen einer drohenden "Fettsucht-Epidemie", welche die Gesundheitssysteme in eine Krise stürzen könnten, hält er daher für falsch. Erst kürzlich hatte der britische Gesundheitsminister Alan Johnson behauptet, bis zum Jahr 2050 könnten neun von zehn Erwachsenen fettleibig sein, wenn sich nichts an der gegenwärtigen Situation ändere. Anlässlich dieser Befürchtung hatte die britische Regierung in einem sehr teuren und groß angelegten Programm vor allem der Fettleibigkeit unter Kindern und Jugendlichen den Kampf angesagt.

Experten warnen allerdings vor einer vorschnellen Entwarnung - auch wenn sich die schlimmsten Prognosen nicht bewahrheiten würden. "Nicht jeder Mensch hat das Potenzial fettleibig zu werden, daher ist es gut möglich, dass sich die Anzahl der schwer Übergewichtigen auf einen konstanten Wert einpendelt. Auch glaube ich nicht, dass einmal 90 Prozent der Bevölkerung fettleibig sein werden", sagt Michael Boschmann vom Klinikum der Charité in Berlin. "Doch eine Prognose wie es sich tatsächlich entwickeln wird, ist schwer zu treffen." Selbst wenn in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein Plateau an Fettleibigen erreicht werde, bliebe das Problem der Folgeerkrankungen und die damit verbundenen Belastungen des Gesundheitssystems auch in Deutschland weiterhin bestehen. Eine wirkliche Verbesserung könne nur erreicht werden, wenn die bereits vorhandenen fettleibigen Menschen ihr Gewicht reduzieren.

Nach Angaben der deutschen Adipositas Gesellschaft sind nach WHO-Standards etwa 20 Prozent aller deutschen Männer stark übergewichtig, bei den Frauen sind es sogar 21 Prozent. Auch Kinder sind betroffen. Hier sind, mit steigender Tendenz, etwa sechs Prozent zu dick. Die Hauptgründe liegen laut Robert-Koch-Institut bei Kindern und Erwachsenen vor allem in mangelnder Bewegung und ungesunder Ernährung.

Als Folge nehmen Krankheiten zu, die mit der Fettleibigkeit in Verbindung stehen. Bluthochdruck und Diabetes des Typs 2 gehören dazu und treten nun auch bei Kindern und Jugendlichen auf - eine Entwicklung die noch vor einigen Jahrzehnten kaum abzusehen war.

Auch bei Erwachsenen kommen Diabetes, Herzerkrankungen und Krankheiten der Gelenke sehr viel häufiger vor. Etwa 70 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für die Fettsucht-Therapien ausgegeben.