Gesundheit

Die meisten Nierenschäden bleiben unerkannt

Das Problem chronischer Nierenerkrankungen wird unterschätzt: Da eine Erkrankung der Niere erst im Endstadium Schmerzen verursacht, wird sie oft nicht erkannt. Experten vermuten eine Dunkelziffer von mehreren 100.000 Betroffenen – ihnen drohen erhöhter Blutdruck und Herzleiden.

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Als Folge der „Volkskrankheiten“ Diabetes und Bluthochdruck steigt die Zahl der Menschen mit dauerhaften Nierenerkrankungen ständig. Darauf machte die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie während ihrer Jahrestagung in Göttingen aufmerksam.


Mehr als 80.000 Menschen sind hierzulande von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen, schätzt Professor Jan Galle, Nierenspezialist und Pressesprecher der Gesellschaft. Derzeit müssten sich rund 67.000 Patienten einer Dialyse unterziehen. Für diese „relativ teuren Therapien“ würden pro Jahr 2,5 bis drei Milliarden Euro ausgegeben.


„Die Zahl der Patienten in Behandlung ist nur die Spitze eines Eisbergs. Vermutlich sind mehrere 100.000 Menschen betroffen“, merkt Galle an. Viele würden nicht bemerken, dass sie erkrankt sind, da eine chronische Nierenerkrankung erst im Endstadium – wenn nur noch zehn Prozent der Niere funktionieren – Schmerzen verursache.

Auch geschwächte Niere arbeitet noch zuverlässig


Die Niere sei ein „großzügiges Organ“ und würde auch bei starker Schwächung weiterhin zuverlässig arbeiten. Patienten sind deshalb auf ihre Hausärzte angewiesen, die den Eiweißwert im Urin untersuchen. Experten empfehlen ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Vorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen. Für bestimmte Risikogruppen (zum Beispiel bei einem sehr hohen Blutdruck oder Diabetes mellitus) sei eine Untersuchung auch bereits eher anzuraten.

Ein hoher Blutdruck und erhöhte Blutzuckerwerte führen zu einer Beschädigung der Blutgefäße in den Nieren. Das Organ erfüllt im Körper jedoch eine sehr wichtige Funktion: Es sorgt dafür, dass Abfallprodukte, wie beispielsweise Karbamid, aus dem Blut gefiltert werden. Karbamid entsteht, wenn Zellen Eiweiß umwandeln. Zuviel Karbamid kann zu Erbrechen und Durchfall führen. Außerdem reglementieren die Nieren den Flüssigkeitsgehalt im Blut.


Eine Fehlfunktion der Niere kann eine Gewebewassersucht zur Folge haben. Wenn sie nicht ausreichend arbeitet, droht eine Erhöhung des Blutdrucks. Dadurch wiederum wird das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Herzbeschwerden sind die häufigste Todesursache von Patienten mit einer dauerhaften Nierenerkrankung.

In Deutschland wäre zurzeit für ungefähr 65.000 Nierenkranke ein Spenderorgan die einzige Lösung, um dauerhaft auf die Dialyse, die regelmäßige Blutwäsche, verzichten zu können. „Es sind jedoch nur ein Viertel oder sogar nur ein Fünftel der Patienten für eine Nierentransplantation geeignet“, kommentiert Professor Galle die Zahl.

Viel zu wenige Spendernieren


Bei den anderen sei das hohe gesundheitliche Risiko einer Operation nicht gerechtfertigt. Insbesondere für ältere Menschen wären die Nebenwirkungen von Immunsuppressiva verheerend. Außerdem gäbe es viel zu wenige Spendernieren. Im Durchschnitt müsse zurzeit sieben Jahre auf ein Leichenspenderorgan gewartet werden. Die Stiftung Transplantation will deshalb die Bereitschaft zur Organspende erhöhen. Auch für die katholische Kirche befürwortet Kardinal Lehmann prinzipiell Organverpflanzungen zur Heilung von Krankheiten. „Die Organspende nach dem Tod sei eine edle und verdienstvolle Tat“, urteilt Lehmann. Allerdings seien Transplantationen sittlich unannehmbar, wenn der Spender nicht seine ausdrückliche Zustimmung gegeben hätte.


In Deutschland erfolgt die Spende deshalb freiwillig und erfordert in jedem Fall die Zustimmung der Angehörigen des Verstorbenen. Wer jedoch einen Spenderausweis bei sich trägt, kann von vornherein selber darüber entscheiden, ob er die Spende beispielsweise auf bestimmte Organe und Gewebe einschränkt oder sie gänzlich ablehnt.

Die einzige Alternative zum langen Warten ist es, einen Lebendspender zu finden. Für gesunde Menschen sei eine funktionstüchtige Niere vollkommen ausreichend, erklärt Professor Galle. Als Spender kämen beispielsweise Verwandte und nahe Freunde infrage.


„Eine alternative Behandlungsmethode zu Dialyse und Transplantation wird dennoch dringend benötigt“, sagt Professor Gerhard Müller von der Georg-August-Universität Göttingen. Derzeit werde eine Therapie chronischer Nierenerkrankungen mit Stammzellen entwickelt. Die Ergebnisse der bisherigen Forschung mit Stammzellen – vor allem bei Mäusen – seien vielversprechend. Ein Einsatz der Therapie beim Menschen sei aber derzeit noch nicht möglich.

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