Drogen

Amerikaner kiffen – Deutsche trinken

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Wolfgang W. Merkel

Nicht die Niederländer konsumieren das meiste Cannabis, sondern die Amerikaner. Gut 42 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal zu Cannabisprodukten gegriffen. Damit nicht genug, auch in Sachen Kokain liegen die USA vorn. Aber in Sachen Alkoholkonsum können sie den Deutschen nichts vormachen.

Richtig ist: Die Niederlande haben eine liberale Drogengesetzgebung. Falsch ist: In den Niederlanden konsumieren anteilsmäßig die meisten Menschen Cannabis. Vielmehr liegt unser Nachbarland in diesem Punkt deutlich abgeschlagen hinter den USA und Neuseeland.

Das ist ein Ergebnis einer in 17 Staaten durchgeführten Erhebung. Die Frage, die das Forscherteam insgesamt gut 54 000 Menschen stellte, lautete: "Haben Sie jemals die legalen und illegalen Drogen Alkohol, Tabak, Cannabis oder Kokain konsumiert?" Die Studie der Universität Neusüdwales in Sydney basiert auf den Ergebnissen einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation zur geistig-seelischen Gesundheit. Neben westlichen Industrieländern sind auch afrikanische, asiatische und südamerikanische Schwellen- und Entwicklungsländer vertreten.

Demnach haben in den USA gut 42 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal zu Cannabisprodukten gegriffen, in Neuseeland knapp 42 Prozent. Die Niederlande liegen bei knapp 20 Prozent, Deutschland belegt mit 17,5 Prozent den fünften Platz. Bei Kokain liegen die USA ebenfalls mit einem "Riesenvorsprung" vorn: Etwa jeder Sechste hat Erfahrung mit Kokain. Hier belegt Deutschland Platz sechs (1,9 Prozent), beim legalen Tabak Platz acht und bei der Erfahrung mit Alkohol wird die Bundesrepublik (95,3 Prozent) nur von der Ukraine übertroffen.

Dafür, dass die USA so weit oben rangieren, gibt es laut Jim Anthony von der Michigan State University zwei Gründe: Zum einen seien die finanziellen Mittel vorhanden, sich Genuss- und Suchtmittel zu kaufen, zum anderen habe sich die Meinung durchgesetzt, dass Cannabis nicht schädlicher sei als Tabak und Alkohol. Beim Kokainanteil spiele die Nähe zu den Kokaproduzenten in Lateinamerika eine Rolle.

Mit seinen Ergebnissen liegt Deutschland im oberen Drittel; die wenigsten Kontakte zu Drogen haben - mangels Verfügbarkeit sowie aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen - Menschen in Afrika (Tabak und Alkohol) beziehungsweise in China (Cannabis und Kokain).

Auch sozioökonomische Faktoren haben die Forscher erkundet. So hatten durchweg mehr Männer als Frauen Erfahrung mit Drogen, ebenso mehr Wohlhabende als Prekäre. Außerdem hatten mehr Ledige und Geschiedene illegale Drogen genommen als Verheiratete. Jüngere Erwachsene waren allen vier Drogenformen eher zugetan als ältere.

Die Forscher wissen um die Grenzen ihrer Arbeit: Mit nur 17 Ländern ist kein flächendeckendes Bild entstanden. Außerdem ist schwer abzuschätzen, wie viele Befragte unrichtige Angaben machten. Ein Blick in die Zahlen lässt da Zweifel aufkommen: Sollten tatsächlich nur 40 Prozent der Südafrikaner Alkohol getrunken haben, aber 57 Prozent der überwiegend muslimischen Nigerianer? Und 95 Prozent der Deutschen, aber nur 73 Prozent im Land des Barolo? Dennoch: Zu erkunden, welche Menschen in welchen Kulturkreisen Erfahrung mit Drogen haben, sei wichtig für die Drogenprävention.