Gerichtsmediziner beschäftigen sich täglich mit Toten. Im sterilen Sektionssaal müssen sie herausfinden, wie der Mensch zu Tode kam – wurde er Opfer einer Gewalttat oder ist er vielleicht nur unglücklich gestürzt. Dabei ertönt im Hintergrund manchmal noch klassische Musik.
Liegt Fremdverschulden vor, versuchen sie dann, an den ermittelnden Kriminalisten vorbei den Kriminalfall auch gleich selbst noch zu lösen. Der Chef der Rechtsmedizin der Universität Bonn, Burkhard Madea, hört dieses Klischee, das durch die vielen Krimiserien im Fernsehen offenbar weit verbreitet ist, oft.
„Unser Beruf wird in den Medien völlig falsch dargestellt“, sagt der 53-Jährige. Seinem sehr bekannten „Tatort-Kollegen“ Karl-Friedrich Boerne alias Jan-Josef Liefers, der so manchen Sonntag ein Millionenpublikum vor den Bildschirm zieht, hat er nur einmal in der ARD zugeschaut, beteuert Madea. „Rechtsmediziner, die sich intensiv in die Ermittlungen einmischen und den Kommissar auf die Spur des Mörders führen, bringen wenig von unserer wirklichen Arbeit rüber“, stellt er klar. Madea leitet seit fast 15 Jahren die Bonner Rechtsmedizin.
Um einen Einblick in das eigentliche Schaffen seiner Berufsgruppe zu geben, brachte Madea – unterstützt von einem Dutzend Fachleuten aus ganz Deutschland – jetzt sein erstes populärwissenschaftliches Buch „Von den Maden zum Mörder“ (Militzke Verlag) heraus.
Anhand authentischer Fälle beschreiben darin die Autoren detailliert ihre akribischen Ermittlungsmethoden. Dabei geht es unter anderen um Fragen wie Selbstmord oder Mord, was können Insekten über Tote verraten oder Serientötungen in der Altenpflege.
„Wir wollen den Lesern vermitteln, dass unsere Routinetätigkeit sich gerade nicht in der praktischen Bearbeitung der Fälle erschöpft, sondern unverzichtbare Grundlage für Lehre und Forschung ist“, sagt Madea, der in dem Buch überwiegend selbst erlebte Fälle der vergangenen 25 Jahre beschreibt. „Wir beschäftigen uns zahlenmäßig viel mehr mit lebenden Tatverdächtigen als mit Toten.“
Die Untersuchungen verlagerten sich „immer öfter aus dem Sektionssaal ins Labor.“ So müssen die Mediziner an einem Tatort entdeckte Haare oder Sperma einem Tatverdächtigen zuordnen, aber auch Blutproben auf Drogen und Medikamente untersuchen.
Ein Arbeitsschwerpunkt in Bonn ist das Geschehen im Straßenverkehr: So werden Madea zufolge in seinem Institut jährlich bis zu 5.000 Proben auf Blutalkohol bei gestoppten, auffällig gefahrenen Autofahrern untersucht, zudem 4.000 Fälle, wo Männer und Frauen am Lenkrad unter Drogen oder Medikamenten standen. „Dabei geht es etwa um Fahrtauglichkeit oder Schuldfähigkeit“, erläutert der Fachmann.
Aber auch mit der zunehmenden Brutalität im Alltag werden Madea und seine Mitarbeiter immer öfter konfrontiert. „Wir sehen Veränderungen in der Art der Gewalt, so etwas wie das Eintreten auf ein am Boden liegendes Opfer oder gar das Tottreten hat es früher vergleichsweise selten gegeben, dass ist uns in unseren Untersuchungen schon aufgefallen“, sagt der Chef der Uni-Rechtsmedizin. Er fügt hinzu: „Das Hemmungsvermögen ist nicht mehr da, wenn auf einen, der wehrlos ist, weiter Gewalt ausgeübt wird“.
Ein relativ neues Kriminalitätsphänomen sind auch die vor allem durch eine umfangreiche Prozessberichterstattung bekanntgewordenen Serien von unnatürlichen Todesfällen in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen, wie Madea berichtet. „Diese Tötungsserien werden meist zufällig entdeckt, obwohl sich in der kritischen Nachbetrachtung schon frühzeitig Verdachtsmomente gegen Pfleger oder medizinisches Personal zeigen.“ So sei dabei aufgefallen, dass beispielsweise während des Dienstes einer bestimmten Pflegekraft mehr Patienten versterben als bei den Kollegen.
„Die Täter sind meist jung und engagiert, nehmen aber unter den Kollegen häufig eine Außenseiterrolle ein“, erklärt der Rechtsmediziner mit Blick auf Untersuchungen von Kollegen. Diese Fälle stellten auch für Gerichtsmediziner eine Herausforderung dar: Da die Verdachtsmomente manchmal erst Jahre später auftauchten, „müssen die Untersuchungen in der Regel an exhumierten Verstorbenen durchgeführt werden“.
Auch in vielen anderen Todesfällen sehen die Gerichtsmediziner genauer hin. Seit Jahren schon beklagen sie, dass bei den ärztlichen Leichenschauen unmittelbar nach dem Tod „vielfach nur geschaut wird statt zu untersuchen“. Madea mahnt: „Viele unnatürliche Todesfälle bleiben damit unentdeckt.“
dapd/fp




















