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40 Jahre "Tatort" – Warum es zu viele Krimis gibt

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Peter Zander

Foto: dpa / dpa/DPA

Am Sonntag feierte der "Tatort" seinen Geburtstag. Gunther Witte gilt als der Erfinder der Serie. Jetzt verrät er das Erfolgsgeheimnis.

Er hat die „Lindenstraße“ mit auf den Weg gebracht. Und Wolfgang Petersens umstrittenes Schwulendrama „Die Konsequenz“ in die ARD gestemmt. Außerdem war Gunther Witte 20 Jahre lang Fernsehspielchef des WDR.

Aber all das verblasst; stets wird er nur als „Vater“ des „Tatort“ wahrgenommen. Und muss bei jedem „Tatort“-Jubiläum Rede und Antwort stehen. So auch jetzt, zum 40-Jährigen des Formats. Am 29. November 1970 wurde die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ ausgestrahlt.

Morgenpost Online: Ist es schlimm für Sie, wenn man Sie immerzu nur auf den Vater des Tatorts reduziert?

Gunther Witte: Ach, ich bin schon stolz darauf. Und das darf man ja auch sein. Ich wüsste nicht, welches Format über so eine lange Zeit so erfolgreich gelaufen ist – und ja immer noch Perspektiven hat. Aber stimmt schon: Ich bin auch etwas traurig darüber, dass vieles, was ich sonst noch gemacht habe, nicht mehr so wahrgenommen wird.

Morgenpost Online: Sie sind zum Tatort gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Sie hatten überhaupt keine Krimi-Affinität.

Witte: Nein, gar nicht. In der Jugend vielleicht ein paar Edgar-Wallace-Filme, aber auch da habe ich lieber Karl May geguckt. Als die Offerte kam, habe ich das auch durchaus zu bedenken gegeben, aber dann als Herausforderung angenommen.

Morgenpost Online: Es gab da diesen berühmten Stadtwald-Spaziergang in Köln mit dem damaligen WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach.

Witte: Ja, wann gibt es das schon, dass der Chef mit zwei Redakteuren spazieren geht? Und Peter Märtesheimer und ich, wir hatten ja keine Ahnung, was das sollte.

Morgenpost Online: Heute würde man fürchten, der will einen feuern und es einem schonend beibringen.

Witte: Aber doch nicht beim Fernsehen! Nein, damals musste man dem ZDF etwas entgegensetzen. Rohrbach kam dann auch sehr schnell zur Sache. Er wollte, dass Märtesheimer eine Familienserie und ich eine Krimiserie entwickeln sollte. Bei Märtesheimer wurde daraus Fassbinders „Acht Stunden sind ein Tag“, das hat allerdings etwas länger gedauert als der „Tatort“.

Morgenpost Online: Wie dürfen wir uns das vorstellen? Sie standen unter Erwartungsdruck, setzen sich an den Schreibtisch – und dann kommt so ein Konzept heraus?

Witte: Schön wärs. Nein, das trieb mich schon ganze eine Weile um. Und nicht nur am Schreibtisch. Die wichtigste Frage war dabei ja: Wer soll das bezahlen? Wenn der WDR eine Krimi- und eine Familienserie produzieren soll, dann ist der Etat weg, dann geht nichts anderes mehr.

Also kam sehr früh der Gedanke, man müsste das föderale Prinzip der ARD nutzen und alle Landessender einspannen. Und dann habe ich mich an eine Rias-Serie erinnert, die ich damals, als ich noch in Ost-Berlin gelebt habe – in Ost-Berlin war der Rias ja noch wichtiger als in West-Berlin – jeden Samstagabend so gern gehört habe: „Es geschah in Berlin“.

Das war spannend, dokumentarisch, realistisch und ortsbezogen. Die Ansiedlung in einer Region fand ich besonders reizvoll. So kam auch die Idee zum Titel. Das sollte, je nach Sender, mal „Tatort Köln“, „Tatort Hamburg“, „Tatort Berlin“ heißen. „Tatort“ allein war dann aber so stark, dass wir es dabei belassen haben.

Morgenpost Online: Trotzdem wollte die Serie erst mal keiner haben.

Witte: Rohrbach war sofort begeistert. Und hat das auch gleich auf der nächsten Koordinationssitzung vorgebracht, bei der sich alle ARD-Senderchefs treffen. Aber das ging total schief, die konnten überhaupt nichts damit anfangen. Rohrbach war noch enttäuschter als ich. Der ist aber ein zäher Mensch und hat das bei der nächsten Sitzung einfach noch mal vorgebracht. Und plötzlich waren alle begeistert. Das Schreckliche war nur, die wollten es dann sofort! So eine Reihe muss man doch erst einmal entwickeln, das braucht schon so anderthalb Jahre. Aber nein, das sollte gleich losgehen. Und so haben wir alle erst mal Projekte aufgegriffen, die sowieso schon in der Schublade lagen.

Morgenpost Online: Obwohl Sie Ihrem Konzept eigentlich gar nicht entsprochen haben.

Witte: Es begann mit „Taxi nach Leipzig“, ein Krimi, der schon fertig entwickelt war. Der wurde sofort umgesetzt. Am peinlichsten war mir, was wir vom WDR als erstes einbrachten. Meine Kriterien waren ja grob: Es muss sich um einen Kommissar drehen, es muss regional und es muss realistisch sein.

In unserer Schublade lagen aber Drehbücher mit Kressin. Das war ein Zollfahnder und kein Kommissar, das war ein deutscher Bond und keineswegs eine realistische Polizeifigur. Ich war da auf schlimmste Diskussionen vorbereitet, aber es hat keiner gemault.

Morgenpost Online: Hätten Sie sich je auch nur im Geringsten vorstellen können, dass die „Tatort“-Reihe ein solcher Erfolg werden könnte?

Witte: Im Gegenteil. Anfangs hatte ich ganz schön Muffensausen. Wir waren dann erst mal froh, dass wir überhaupt das erste Jahr hinbekommen haben. Das zweite Jahr hat die Direktorenrunde dann aber schon ganz schnell abgenickt, und ab dem dritten wurde gar nicht mehr darüber geredet. Das lief dann einfach so weiter.

Morgenpost Online: Wenn man ein Baby wie den „Tatort“ aus der Taufe hebt und großzieht, fällt es dann schwer, irgendwann loszulassen?

Witte: Ich habe es ja noch lange begleitet, als „Tatort“-Koordinator. Und man weiß ja auch, die Leistung bleibt bestehen, die Herstellung lag ja weiter bei den richtigen Redakteuren. Der Abschied hat mich dann nicht so betrübt. Aber natürlich ist ein solcher Schritt schwer.

Morgenpost Online: Gucken Sie denn nach wie vor regelmäßig „Tatort“?

Witte: Als Opernfan, der ich bin, bin ich nicht jeden Sonntag daheim. Aber wenn, ja, dann schaue ich den schon. Dann gehe ich auch nicht ans Telefon, wenn’s klingelt. Leute, die mich kennen, wissen das.

Morgenpost Online: Wer sind Ihre Lieblingskommissare?

Witte: Bei den aktiven liebe ich vor allem die Münsteraner. Aber als besten Kommissar empfinde ich nach wie vor den Schimanski.

Morgenpost Online: Gab es mal eine Zeit, wo Sie dachten, jetzt läuft der „Tatort“ aus?

Witte: Nein, nie. Natürlich gab es immer mal wieder Schwächephasen, manchmal gibt es so drei Folgen hintereinander, die nicht gut sind, was man dann auch ungern verteidigen möchte. Aber es ist absurd, wenn dann gleich geunkt wird: Ist der Tatort am Ende?

Das ist wie im Leben: Es gibt Schwächephasen, und dann erholt man sich wieder. Und die Reihe lebt halt ganz wesentlich davon, dass es erstens so viele Kommissare in unterschiedlichen Regionen gibt. Und dann, dass es da auch ständig Neuzugänge gibt, die immer wieder für frisches Blut sorgen.

Morgenpost Online: Ketzerische Frage: Wenn Sie heute noch einmal ein solches Format entwickeln würden, könnte man das noch durchbringen? Heutzutage lassen die Sender ihre neuen Serienprojekte ja allzu schnell wieder fallen.

Witte: Als wir angefangen haben, hat glücklicherweise noch keiner auf die Quoten geachtet. Da wurde man noch nach Qualitätskriterien beurteilt. Da war sicher noch mehr möglich als heute. Andererseits: Der „Tatort“ war ja von Anfang an ein absoluter Zuschauererfolg, mit sagenhaften Quoten. Das würde man auch heute jederzeit durchbekommen.

Morgenpost Online: Gibt es heute zu viele Krimis im Fernsehen?

Witte: Insgesamt? Ja. Sowohl das Geld als auch die Sendetermine für die fiktionalen Formate sind ja begrenzt. Da finde ich es schon ein bisschen schade, dass das Programm manchmal so krimi-lastig ist.

Morgenpost Online: Gibt es womöglich auch zu viele Tatorte? Auf den Dritten Programmen wird ja praktisch täglich einer wiederholt.

Witte: Ja, da besteht die Gefahr der Inflation. Ich finde es völlig okay, dass es am Freitagabend diesen prominenten Platz im Ersten gibt. Aber die vielen Wiederholungen in den Dritten machen mir Sorge. Ich war von jeher dafür, den Tatort nicht zu häufig zu bringen.

Anfangs gab es ja nur einen pro Monat. Und ich habe mich ja sehr widersetzt, als es mehr werden sollten. Ich habe damals noch durchsetzen können, dass das nur 20 im Jahr werden. Als ich dann weg war, waren es aber ganz schnell 30. Aber tatsächlich hat sich das nicht ausgereizt. Offenbar gibt es ein großes Nachholbedürfnis gerade bei jüngeren Zuschauern, die die früheren Folgen nicht kennen können.