Althaus' Verletzungen stellten seine politische Zukunft wochenlang infrage, bis Weggefährten jetzt in der „Bild“ seine Rückkehr ankündigten. Was genau ist ein „Schweres Schädel-Hirn-Trauma“? Und weshalb sind seine Folgen kaum kalkulierbar?
Von einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) spricht man, wenn der gesamte Kopf oder Teile davon – also Schädelknochen, Gehirn, Hirnhäute oder Blutgefäße – bei Gewalteinwirkungen geschädigt wurden. In Europa gehört das SHT zu den häufigsten Todesursachen bei Menschen unter 45, bei Teenagern ist es sogar die häufigste Todesursache.
„Wie schwerwiegend die Folgen sind, hängt davon ab, wo im Gehirn Störungen oder Blutungen waren“, sagt Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik in Siegen im AP-Gespräch. Blutergüsse im Bewegungszentrum beispielsweise könnten zu Lähmungen führen. Ob die Lähmung bleibe, hänge davon ab, „ob die Zellen nur vorübergehend in der Funktion beeinträchtigt wurden, oder ob sie einen dauerhaften Schaden abbekommen haben“.
„Vorhersagen kann man den Krankheitsverlauf nie“
Die einfachste Form des Schädel-Hirn-Traumas ist die Gehirnerschütterung: Hier ist das Gehirn nur für einige Tage beeinträchtigt. Ein mittleres Schädel-Hirn-Trauma führt zu einer kurzen oder auch länger anhaltenden Bewusstlosigkeit und teilweise zu Lähmungen und Gefühlsstörungen, die über Wochen anhalten können. Starke Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsschwierigkeiten können den Patienten auch länger quälen.
Ein Schädel-Hirn-Trauma 3. Grades geht oft mit einem Hirnödem - einer gefährlichen Flüssigkeitsansammlung – und erheblichen nervlichen Störungen oder Ausfällen einher. Überlebt der Patient, hat er nicht selten auf Dauer mit Krampfanfällen und Lähmungen zu kämpfen. Auch psychische Veränderungen sind möglich.
Der Grad der Schädigung ist kurz nach einem Unfall nie sicher vorherzusagen, nicht einmal mit modernsten Methoden: „Auch nach einer Kernspintomographie kann man die Folgen von Schädel-Hirn-Traumen allenfalls abschätzen“, erklärt Braun, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie ist.
„Man muss Geduld haben“
Althaus, so berichteten seine Ärzte Mitte Januar, habe immer wieder Phasen, in denen er „zeitlich und örtlich nicht vollständig orientiert“ sei. „Diese Diagnose kann bedeuten, dass der Patient nicht weiß, was für ein Wochentag ist oder wo er sich gerade befindet“, erklärt Braun. Vergleichbar sei der Zustand mit den ersten Sekunden nach einem extrem tiefen Schlaf: „Auch da dauert es, bis man sich sortiert hat, bis man wieder klar denken und Fragen beantworten kann.“
Zwar könnten sich Ärzte und Angehörige oft fast normal mit Schädel-Hirn-Trauma-Patienten unterhalten. „Doch es kann sein, dass sich der Patient schon zehn Minuten später nicht mehr an das Gespräch erinnern kann“, berichtet Braun. Wann sich die zeitliche und örtliche Orientierung wieder einstelle, lasse sich nie genau vorhersagen: „Je nach Grad der Verletzung kann sie schnell zurückkehren oder auch erst nach Monaten.“
Der Rat des Praktikers: „Man muss Geduld haben, das ist oft das Entscheidende.“ Keinesfalls dürften Patient und Angehörige die Flinte zu schnell ins Korn werfen: „Viele Betroffene haben einen Marathonlauf vor sich und nicht bloß einen 100-Meter-Sprint. Es kommt darauf an, nicht zu schnell aufzugeben, dann kann man eine ganze Menge rausholen“.
Fortschritte auch noch nach Monaten oder Jahren
Mit welchen Folgen sich der Patient herumschlagen muss, zeigt sich meist im Laufe der Reha – bei Althaus begann sie am 16. Januar, gut zwei Wochen nach dem Skiunfall. „Während einer Reha versuchen wir, dem Patienten die Funktionen wieder zurückzugeben, die gestört sind - sei es die Bewegung, die Sprache oder das Gedächtnis. Und das geht nur mit spezifischem Training“, erklärt Neurochirurg Braun.
Nur selten könne man zu Reha-Beginn sagen, welche Schäden für immer blieben: „Manchmal ist man sehr skeptisch. Und dann kommt der Patient nach drei Monaten wieder in die Sprechstunde, und man ist äußerst erstaunt, wie er sich entwickelt hat.“ Andersherum gebe es das natürlich auch: „Da denkt man: 'Er hat Potenzial' – und dann tut sich kaum noch etwas.“
Kein Arzt könne deshalb einfach sagen: „'Nach drei Wochen muss alles in Ordnung sein, sonst wird das nichts mehr'.“ Selbst nach Monaten oder Jahren machten manche Patienten noch stückchenweise Fortschritte.



