Lungenkrankheit

Virologe: „Wir müssen uns auf eine Epidemie einstellen"

Drosten ist Leiter der Virologie an der Charité. Er schätzt, dass sich bis zu 70 Prozent der Deutschen mit dem Coronavirus infizieren.

So will der neue Krisenstab das Coronavirus bekämpfen

Die Bundesregierung hat einen Krisenstab eingerichtet. Das Ziel: Infektionsketten unterbinden und das Coronavirus in Deutschland eindämmen.

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Ende Dezember tritt in der zentralchinesischen Stadt Wuhan eine mysteriöse Lungenkrankheit auf. Wenig später ist klar: Es handelt sich um ein neuartiges Coronavirus. Seitdem haben sich Zehntausende mit Sars-CoV-2 angesteckt, Tausende sind an der Atemwegserkrankung Covid-19 gestorben.

Der Erreger breitet sich auch in Deutschland immer weiter aus. Christian Drosten ist Leiter der Virologie an der Charité. Er gehört zu den Mitentdeckern des Sars-Virus, das mit dem neuen Coronavirus eng verwandt ist. Drosten gehört weltweit zu den führenden Wissenschaftlern, wenn es um das neue Coronavirus geht.

Wie verbreitet sich das Coronavirus, was wissen wir Stand heute darüber?

Christian Drosten Wir glauben, dass dieses Virus vor allem über eine Tröpfcheninfektion übertragen wird. Das heißt: Es repliziert, wie viele Erkältungsviren auch, im Rachen. Es ist dann, wie wir in der Wissenschaft sagen, ein grobes Aerosol. Wenn man spricht oder hustet, gibt man Tröpfchen von sich, die fliegen circa eineinhalb Meter weit und fallen dann relativ schnell zu Boden. Das Einatmen einer solchen Wolke infiziert einen.

Kann man das Coronavirus mit einer Influenza vergleichen?

Wir müssen uns auf ein epidemisches Geschehen einstellen. Corona ist ein neues Virus. Großflächiger betrachtet kann man das auch als Pandemie ansehen. Aber die saisonale Influenza ist ganz einfach nicht so ein Geschehen. Die saisonale Influenza hat eine Bevölkerungsimmunität und ist eben kein neues Virus.

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Dadurch laufen viele Dinge in Übertragungsvorgängen, aber auch viele Dinge in der krank machenden Wirkung ganz anders. Wir müssen also vergleichen mit der pandemischen Influenza.

Das sind große Epidemien, die alle paar Jahre auftreten: 1957, 1968 und kleinere Pandemien 1977 und 2009 – darauf müssen wir uns beziehen. Zahlen und Anfangsdaten, die wir jetzt in ersten Studien aus China sehen, deuten ein bisschen darauf hin, dass es so kommen könnte wie bei einer der großen klassischen Pandemien, also 1957 oder 1968. Dass es so schlimm wird wie die Spanische Grippe 1918, glaube ich aber nicht.

Gibt es Schätzungen, wie viele Menschen sich in Deutschland anstecken könnten?

Die Zahl der Infizierten bei solchen Erkrankungen liegt im Durchschnitt bei 60 bis 70 Prozent. Aber mit einer solchen Zahl kann man eigentlich gar nicht viel anfangen. Denn als Nächstes müssen wir darüber reden: Ist das schlimm oder nicht? Da könnte man jetzt sehr lange diskutieren.

Es ist leider nicht so, dass man ohne intensive Fachkenntnisse solche Zahlen verstehen kann, deshalb ist es problematisch, solche Zahlen in verkürzter Form zu diskutieren. Aber eine Sache kann ich noch dazu sagen: Es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit.

Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger. Und damit wird das dann etwas, was wir kaum noch bemerken werden. Problematisch wird es nur, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftritt. Darum sind auch im Moment die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

60 bis 70 Prozent könnten sich anstecken. Laut bisheriger Statistik verläuft das Coronavirus bei rund einem Prozent der Erkrankten tödlich. Das klingt beängstigend.

Das ist richtig – und genau deshalb ist es ein Problem, wenn man solche einfachen Berechnungen anstellt, ohne eine Fachkenntnis zu haben. Ich kann Ihnen nur sagen: Diese Berechnungen sind auf alle Fälle falsch, die darf man so nicht anstellen! Das wird so nicht sein.

Was wäre denn die richtige Einstellung zu der Krankheit?

Die richtige Einstellung zum Coronavirus ist, sich Gedanken zu machen, was da eigentlich auf uns zukommt – und vor allem: in welcher Zeit. Die Zeitkomponente ist eine sehr wichtige Komponente. Im Moment ist es so, dass wir eine sehr gute Chance haben, die einstweilige Verbreitung des Virus deutlich aufzuhalten. Dann kommen wir in die wärmeren Monate, und es werden bestimmte Umgebungseffekte hinzukommen: die Sommerwärme, UV-Strahlung.

Und auch die Tatsache, dass Menschen im Sommer vermehrt draußen sind und sich weniger aneinander infizieren können. Das ist sicherlich ganz wichtig für die akute Wahrnehmung. Denn so kann man sich klarmachen, wie unsinnig es ist, sich jetzt Desinfektionsmittel zu kaufen oder irgendwelche Lebensmittel in Konservenbüchsen.

Das ist hier überhaupt nicht die Situation. Das ist ungefähr so schlau, wie wenn man sagen würde: Ich verlasse das Haus nicht mehr, denn es passieren Verkehrsunfälle. Und so ein Unfall könnte mir passieren, wenn ich rausgehe.

Auf dieser „rationalen“ Ebene leben wir dann, wenn wir sagen, wir machen jetzt Hamsterkäufe. Und ich weiß trotzdem: Es kommt zu Hamsterkäufen. Wenn wir es schaffen, die ganze Sache bis zum Sommer deutlich zu verlangsamen – und das ist sehr realistisch, dass wir das in Europa auch schaffen –, müssen wir uns natürlich auch auf die zweite Jahreshälfte einstellen, in der es wieder kälter wird und der positive Zusatzeffekt „Warmes Wetter“ wegfällt.

Was muss in der zweiten Hälfte 2020 dann getan werden?

Es muss klar sein, dass wir die gewonnene Zeit bis dahin nicht vertrödeln dürfen, dass in der zweiten Jahreshälfte nicht die Wahrnehmung herrscht: Ach, man hat schon so lange nichts mehr gehört, das ist jetzt bestimmt vorbei. Auf der Planungsebene muss es dazu kommen, dass bis dahin die Entscheidungen und Investitionen gemacht worden sind.

Also zum Beispiel Personalpläne so ausrichten, dass im Versorgungsbereich mehr Personal zur Verfügung steht – weil man auch hier mit erhöhten Krankheitsausfällen rechnen muss. In der Medizin: dass bestimmte Geräte gekauft werden, auch für schwer kranke Fälle, die man sonst in dieser Zahl nicht vorrätig hätte.

Dass man sich aber auch in der Industrie auf einen erhöhten Bedarf nach bestimmten Produkten einstellt. Das geht bis in die Forschung hinein, dass man jetzt mit Hochdruck versucht, Medikamentensubstanzen, die schon in weiteren Entwicklungsstufen sind, in eine klinische Zulassung zu bringen. Und dann auf der höchsten Ebene, der Politikebene, muss gefragt werden: Wie muss man jetzt ganz weit vorausplanen, auch gesetzlich? Damit all diese Dinge in der Gesellschaft und Industrie möglich sind.

Ist Deutschland aktuell auf die bevorstehende Epidemie vorbereitet, gibt es genügend Ärzte oder Krankenbetten?

Das ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn Sie fragen würden: Ist unser Land auf Heuschrecken vorbereitet? Und ich frage Sie zurück: Meinen Sie eine Heuschreckenplage oder ein einzelnes Tier? Und wenn Sie eine Heuschreckenplage meinen: Wie schnell? Das zählt doch. Wir sind hervorragend vorbereitet, das kann ich ohne Einschränkung sagen – wenn es ein Geschehen ist, das sich über eine gewisse Zeit hinzieht.

Wenn sich das ganze Pandemie-Geschehen innerhalb von zwei Jahren abspielt, bevor das Virus zu einem normalen, landläufigen Erkältungsvirus wird und nicht mehr weiter auffällt. Dann sage ich: Damit können wir umgehen.

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Wenn es ein Jahr ist, wird es deutlich schwerer. Weil es dann in derselben Zeit deutlich mehr Fälle geben wird. Die Krankenbetten werden zwar dann auch noch ausreichen, denke ich. Aber die Therapiebetten für die schweren Fälle, also auf den Intensivstationen – da muss man jetzt vorplanen. Ich will nicht sagen, dass die nicht ausreichen werden. Aber wir müssen uns jetzt klarmachen: Wenn wir jetzt nichts tun, werden die vielleicht nicht ausreichen.

Wir werden das Coronavirus in nächster Zeit also nicht so schnell los?

Ich glaube, dass wir das hier bei uns auf sehr, sehr kleiner Flamme halten können. Vielleicht sogar auf so kleiner Flamme, dass wir es kaum noch bemerken im Alltag. Das heißt aber deswegen nicht, dass es weg ist. Es kann eben sein – und da müssen wir den Überblick behalten –, dass es eine Zeit geben wird, in der man denkt, es sei weg. Aber dann müssen wir gezielt danach suchen mit Labortests, um einen Überblick zu behalten.

Trotzdem stellt sich die Frage: Wann sollte man denn zum Arzt gehen? Wenn man das erste Kratzen im Hals spürt?

Im Moment gibt es kein Risiko. Wer jetzt ein Kratzen im Hals bekommt, für den ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Coronavirus ist, unheimlich klein. Nur in Kontaktsituationen gibt es ein reales Risiko. Wenn ich also weiß, ich war mit einem Infizierten in Kontakt – man spricht auch von einer Viertelstunde, in der man mit einem Infizierten gesprochen haben muss –, wenn man dann Symptome bekommt in den nächsten zwei bis zehn Tagen, dann müsste man bei den geringsten Symptomen einer Erkältungskrankheit, wie Halsschmerzen, zum Arzt gehen und sich testen lassen.

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Oder auch beim Arzt anrufen und sagen: Ich hatte einen Kontakt, bin jetzt zu Hause und will nicht im Wartezimmer herumsitzen. Können Sie vielleicht einen Hausbesuch machen, kann der ärztliche Notdienst vorbeikommen? Soll vielleicht gleich jemand vom Gesundheitsamt vorbeikommen für einen Abstrich?

Das ist dann aber auch wieder von Ort zu Ort unterschiedlich. Da sind gerade die Gesundheitsämter dabei, das mit den niedergelassenen Ärzten abzustimmen, wie man das in Deutschland macht.

Natürlich gibt es dabei große regionale Unterschiede. Denn wir leben nicht alle in Berlin oder auf dem flachen Land, sondern auch dazwischen. Und da sind die Umgebungsbedingungen sehr unterschiedlich. Das Nächste ist dann: Wenn es zu einer weiteren Verbreitung gekommen sein sollte in zwei bis drei Monaten – also noch vor dem Sommer –, müsste man umschalten auf einen Modus, dass jeder, der zum beginnenden Sommer Symptome bekommt, sich gleich testen lassen muss. Obwohl wir bis dahin schon gelernt haben: Da stirbt nicht gleich jeder daran, sondern das ist im Prinzip nur eine Erkältung. Trotzdem müsste man sich dann bei ersten Symptomen gleich testen lassen.

Kann man sich denn zweimal am Coronavirus anstecken?

Ich würde es biologisch nicht komplett ausschließen, dass das möglich sein könnte, aber ich halte es für extrem selten. Und wahrscheinlich auch nicht relevant für die Übertragung dieser Krankheit. Und im Moment, wo es dazu nur Einzelfallmeldungen gibt, halte ich es für wahrscheinlicher, dass sich da jemand getäuscht hat und dass es in Wirklichkeit doch nur eine Krankheit war: Vielleicht war mal jemand im Krankenhaus, war aber gar nicht richtig krank und wurde wieder entlassen.

Wurde dann aber richtig krank und ging in ein anderes Krankenhaus und hat dann gesagt: Ich war doch schon im Krankenhaus, jetzt bin ich wieder im Krankenhaus. Damals war der Test positiv und ist jetzt wieder neu positiv. Dabei ist der Test gar nicht neu positiv, sondern war schon die ganze Zeit positiv und ist in der Zwischenzeit einfach nicht neu gemacht worden.