Ist es die größte Entdeckung des 21. Jahrhunderts oder hysterische Schatzsuche? Seit zwei Monaten hält der britische Ägyptologe Nicholas Reeves die Fachwelt rund um den Globus mit seiner Theorie in Atem, die Mumie der Nofretete liege seit 3300 Jahren ungestört mit im weltberühmten Grabkomplex von Tutanchamun. „Ich bin zu 70 Prozent sicher, dass wir eine weitere Kammer finden werden – und ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie Nofretete gehört“, stimmte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Kairo Antikenminister Mamdouh Eldamaty in den Chor der Enthusiasten ein. Zwei Tage lang hatten er und Reeves im Tal der Könige noch einmal das KV 62 untersucht, wie das Grab des jugendlichen Pharaos unter Fachleuten heißt. Es ist das einzige ägyptische Königsgrab, das weitgehend intakt geblieben ist.
Die unterirdische Anlage, die seit Kurzem für den Publikumsverkehr komplett gesperrt ist, sei größer als bisher bekannt, argumentiert Reeves. Ihr Design gleiche eher einer Königinnengruft. Ein noch unentdeckter Raum hinter der Westwand könnte weitere Grabbeigaben Tutanchamuns enthalten, hinter der Nordwand könnte sich das „ungeplünderte Grab“ der Nofretete verbergen, glaubt der renommierte Amarna-Experte, der an der Universität von Arizona lehrt.
Dreidimensionale Scans geben Hinweise auf Doppelgrab
Im Jahr 1912 entdeckte der deutsche Forscher Ludwig Borchardt die Büste der weltberühmten Schönheit. Das verschollene Grab der Gattin von „Ketzerkönig“ Echnaton dagegen zählt bis heute zu den großen Rätseln der Ägyptenforschung.
Reeves ist nun überzeugt, dass der komplette Schacht ursprünglich für Nofretete gedacht war. Die außergewöhnliche Frau sei von Amarna nach Theben zurückgekehrt, habe sich mit der Amun-Priesterschaft ausgesöhnt und Ägypten noch einige Jahre als Königin Smenkhkare regiert. Als ihr Stiefsohn und Nachfolger, der 19-jährige Tut, überraschend starb, habe man hastig die beiden vorderen Kammern zu dessen Grab umgewidmet, die hintere von Nofretete abgetrennt und zugemauert. Der 59-jährige Brite stützt seine Doppelgrab-Theorie auf dreidimensionale Scans, die die spanische Firma Factum Arte vor einigen Jahren anfertigte. Auf den Präzisionsfotos, die Strukturen unter Putz und Bemalung sichtbar machen, fielen Reeves Linien, rechtwinkelig verlaufene Risse und Schatten auf, die er als zugemauerte Türöffnungen zu zwei zusätzlichen Felskammern deutete.
Zusammen mit Antikenminister Eldamaty fand der britische Experte, wie er in Kairo berichtete, jetzt vor Ort weitere Anhaltspunkte für seine Vermutung. So habe die Untersuchung ergeben, dass sich die Decke des Tut-Grabes hinter der mit Malereien dekorierten Nordwand fortsetze. Daraus schließt Reeves, dass die Nordwand nicht aus massivem Fels besteht, sondern eine nachträglich eingezogene Mauer aus Sandstein ist, in der die auf den Scans sichtbare „Servicetür“ eingelassen war. Diesen großen, später zugemauerten Durchgang deutet er als Indiz, dass sich in der verborgenen Kammer dahinter – ähnlich wie bei Tutanchamun – ein mit mehreren goldenen Holzschreinen ummantelter Sarkophag für eine „Super-Königin“ befinden muss.
Nächste Herausforderung ist, die Felskammern zu öffnen
Klarheit sollen in den nächsten drei Monaten Radarscans der Wände und Analysen mit Wärmebildkameras bringen. Sollten sich tatsächlich Hohlräume nachweisen lassen, stehen die Entdecker vor ihrer nächsten Herausforderung. „Dann müssen wir Wege finden, diese Felskammern zu öffnen, ohne das Grab des Tutanchamun zu beschädigen“, erläuterte Eldamaty, der an der Universität Trier promovierte. Die unentdeckte Grablege könne auch die von Meritaton, der Tochter Nofretetes, oder die von Kiya, der leiblichen Mutter des Tut, sein.
Nicholas Reeves beschäftigt sich überwiegend mit der Amarna-Zeit und dem Tal der Könige. Im Jahr 2002 geriet er in die Schlagzeilen, weil ihm Ausgrabungsarbeiten in Ägypten untersagt wurden. Es gab Gerüchte von Antiquitätenschmuggel, die aber entkräftet werden konnten.
Wenn Reeves das Grab der Nofretete wirklich finden sollte, wäre dies eine der größten Sensationen in der Archäologiegeschichte.
Die weltbekannte Büste der schönen Nofretete, die 1912 entdeckt wurde, ist auf der Museumsinsel ausgestellt und hat in den vergangenen Jahren Millionen Besucher angezogen.





