Transplantationen

Organspende-Skandal führt zu immer längeren Wartezeiten

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Foto: Reto Klar

Betrug ließ die Bereitschaft zur Organspende drastisch sinken. Einige wenige Ärzte hätten zerstört, was mühevoll aufgebaut wurde, sagt die Vorsitzende eines Berliner Verbandes von Betroffenen.

Es wurde viel berichtet über das System der Organtransplantation und über die Mediziner, die dieses System durch Manipulation von Patientendaten in Verruf gebracht haben. Ab Montag wird vor dem Göttinger Landgericht der Skandal um Organverpflanzungen an der Göttinger Universitätsklinik verhandelt. Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie des Krankenhauses muss sich wegen versuchten Totschlags in elf sowie Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen verantworten (Az 6 Ks 4/13).

Er soll bei der Meldung von Daten seiner Patienten an die zentrale Vergabestelle von Spenderorganen Eurotransplant absichtlich falsche Angaben gemacht haben, sodass die Kranken auf der Warteliste weit nach oben rückten. Der 46-Jährige sitzt seit Jahresbeginn in Untersuchungshaft. Für das Verfahren sind zunächst 42 Verhandlungstage angesetzt.

Aber was denken die Betroffenen darüber, jene Menschen, die selbst mit einem Spenderherzen oder einer transplantierten Leber leben? Morgenpost-Redakteur Wolfgang W. Merkel sprach darüber mit Ute Opper. Sie ist Vorsitzende der Interessengemeinschaft Organtransplantierter Patienten e.V. (IOP) mit Sitz in Berlin. Sie hat selbst im Jahr 1993 das Herz eines hirntoten Organspenders bekommen.

Berliner Morgenpost: Frau Opper, ist der Organspendeskandal in Ihrem Verein ein Thema? Sie haben ja „die Hürde schon überwunden“, ihre Mitglieder sind nicht mehr unmittelbar betroffen, weil sie bereits transplantiert sind.

Ute Opper: Das ist schon ein Thema. Wir betreuen nicht nur Transplantierte, sondern auch Patienten auf der Warteliste. Wir besuchen diese Menschen alle zwei bis vier Wochen, sprechen ihnen Mut zu und versuchen ein Vorbild zu sein, nach dem Motto „Du kannst das schaffen, so wie wir das geschafft haben“. Aber wir stellen fest, dass die Wartezeiten immer länger werden und Patienten auf der Warteliste häufiger sterben, weil es infolge des Skandals weniger Organspender gibt. Grob gesagt haben Angehörige von hirntoten potenziellen Spendern früher in 50 Prozent der Fälle einer Organentnahme zugestimmt, heute sind es nur noch etwa 30 Prozent. Das Vertrauen der Bürger in das System der Transplantationsmedizin ist ruiniert, und es geht kaputt, was mühevoll aufgebaut wurde.

Was glauben Sie, welche Motive die Mediziner hatten, die ihre Patienten auf der Warteliste nach oben „geschoben“ haben?

Ich kann natürlich nicht in ihre Köpfe schauen. Aber es soll ja angeblich kein Geld geflossen sein, also hat es wohl keine Bestechung gegeben. Deshalb nehme ich an, dass mit den betreffenden Medizinern das Mitgefühl durchgegangen ist. Transplantationsmediziner machen einen schweren Job. Sie betreuen ihre Patienten oft über Jahre hinweg und sehen viel menschliches Elend. Sie müssen zusehen, wie die Patienten vom Tod bedroht sind und dass diese alle Hoffnung in sie setzen. Da mag bei einzelnen Ärzten die Entscheidung gefallen sein, ihre Patienten nach oben zu mogeln, so dass sie Organe erhalten haben, obwohl es noch dringlichere Fälle gegeben hat. Aber es darf natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass das unterbunden werden muss.

Was bedeutet das für Sie persönlich als Organempfängerin?

Wir Organtransplantierte wollen natürlich auch weiter vertrauen können. Ich persönlich will und muss daran glauben, dass mein transplantiertes Herz auf ethisch einwandfreiem Weg zu mir gelangt ist. Alles andere würde mir mein Leben schwer machen. Dabei ist es schon frustrierend, dass zwei oder drei betrügerische Ärzte einen Schatten auf das ganze System werfen. Man muss das noch einmal deutlich sagen: In Deutschland wurden in den vergangenen Jahrzehnten etwa 100.000 Organe transplantiert, und in 18 Fällen gab es Unregelmäßigkeiten. Es betrifft also wenige Einzelfälle. Noch eine Sache muss man klarmachen: Auch wenn man die Organe falsch vergeben hat, so wurden sie doch nicht verkauft, verschwendet oder zerstört. Sie gingen trotz allem an schwer kranke Empfänger, die damit vor dem Tod bewahrt wurden. Die Empfänger wurden vertauscht, aber die Organe wurden dennoch dafür verwendet, wofür sie gedacht waren.

Was können Sie tun, um das aus Ihrer Sicht schiefe Bild wieder geradezurücken?

Wir haben seit vielen Jahren Stände auf Gesundheitsmessen und Tagen der Offenen Tür in Kliniken. Dort versuchen wir, die Menschen mit unseren Schicksalen zu sensibilisieren. Zu meinem eigenen Fall sage ich: „Ohne einen Organspender, dessen Herz ich bekommen habe, wäre mein Mann seit 20 Jahren Witwer“. Wir stoßen natürlich auch auf Kritik, einige sagen uns: „Ihr müsst das ja toll finden, ihr habt ein Organ bekommen“. Wir versuchen dann klarzumachen, dass es überall schwarze Schafe gibt, das System als Ganzes aber nützlich ist. Es verlangt ja auch niemand ernsthaft, den Autoverkehr zu verbieten, weil einige Unvernünftige Unfälle verursachen. Wir drehen den Spieß auch um und fragen: „Wie wäre das, wenn Sie ein Organ bräuchten?“ Wir machen an unseren Ständen ein kleines Spiel mit roten und grünen Bällen, die stehen dafür, ein Organ zu bekommen beziehungsweise weiter auf der Warteliste zu stehen. Wir hoffen jetzt, dass das Gericht die vergleichsweise kleine Dimension der Betrugsfälle und die Hintergründe klarmacht.

Kontakt zur IOP:

Tel. 76404593, info@iop-berlin.de, www.transplantiert.info