Blutvergiftung

Sepsis - tödliches Risiko

60.000 Menschen sterben jährlich an einer Blutvergiftung.

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Häufig, tödlich – und ziemlich unbekannt: Weltweit sterben mehr Menschen an einer Sepsis als an den Krankheiten Aids, Brust- und Prostatakrebs zusammen.

150.000 Bundesbürger erkranken jedes Jahr in Deutschland, bei 60.000 Patienten endet sie tödlich. Dennoch wissen nur wenige, was man unter einer Sepsis versteht und wie man sie bekommen kann. „Hier besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen der Bekanntheit und der Häufigkeit“, sagt Konrad Reinhart, Direktor der Jenaer Universitätsklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie und Vorsitzender der Global Sepsis Alliance.

Doch das soll sich am Donnerstag endlich ändern. Das Ziel des ersten Welt-Sepsis-Tages ist es, möglichst viele Menschen über die schwere Erkrankung zu informieren. Von London über New York bis Neu-Delhi und Peking wird es zu diesem Zwecke Konferenzen und Info-Veranstaltungen geben. In Berlin soll am Abend ein Lichtermeer am Brandenburger Tor entstehen – je eine Kerze für 100 der 60.000 Sepsis-Toten jährlich. „Die Sepsis muss stärker ins Bewusstsein der Patienten, aber auch der Ärzte rücken. Nicht zuletzt entscheidet die rechtzeitige Behandlung über Leben und Tod“, sagt Reinhart.

In Zahlen heißt das: Mit jeder Stunde, in der die Therapie eines septischen Schocks verpasst wird, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um mehr als sieben Prozent. Die Initiatoren des Welt-Sepsis-Tages haben sich deshalb ein hohes Ziel gesetzt: „Wir möchten, dass jeder Patient innerhalb von einer Stunde Antibiotika bekommt“, sagt Reinhart. Die Medikamente sollen das bewerkstelligen, wozu der Körper in diesem Moment selbst nicht fähig ist – nämlich eine sich rasant ausbreitende Infektion einzudämmen.

Jeder Sepsis liegt ein lokaler Entzündungsherd zugrunde, von dem aus eine große Menge an Erregern direkt in die Blutbahn gestreut wird. Meistens sind das weitverbreitete Bakterien wie Staphylokokken, Streptokokken oder stäbchenförmige Darmbakterien. Zum Streuherd kann prinzipiell jede Lungenentzündung und jede infizierte Wunde werden, aber genauso gut kann auch ein eitriger Zahn dahinterstecken. Voraussetzung ist allein, dass der Erreger die lokalen Abwehrmechanismen an dieser Stelle überwindet.

Warnzeichen ernst nehmen

Normalerweise wird jede Entzündung sofort vom Immunsystem eingekesselt. Geronnenes Blut, das sich um den Infektionsherd herum sammelt, bildet eine Barriere, die Krankheitskeime davon abhalten soll, sich mitsamt giftigen Stoffwechselprodukten auszubreiten. Versagt dieser Schutzmechanismus allerdings, kann daraus ein „systemisches inflammatorisches Response-Syndrom“ (SIRS) entstehen. Bei dieser generalisierten Entzündungsreaktion fühlt sich der Betroffene plötzlich schwer krank, nicht selten ist er geistig verwirrt. Eine deutliche Veränderung der Körpertemperatur, schneller Pulsschlag und Atemnot sind zusätzliche Warnzeichen und sollten – insbesondere bei einem bestehenden Infektionsherd – zum sofortigen Krankenhausbesuch veranlassen.

Zögert man zu lange, wird der Zustand des Patienten schnell dramatisch. Lebenswichtige Organe wie Herz, Niere und Leber können ihrer Funktion immer schlechter nachkommen, bis sie schließlich ganz versagen. Im septischen Schock kann der Körper weder einen normalen Blutdruck noch die Herz-Kreislauf-Funktion aufrechterhalten. Zu diesem Zeitpunkt hilft oft auch eine Intensivtherapie nicht mehr. Viele Patienten versterben in diesem Stadium trotz Antibiotika, Sauerstoffmaske und Flüssigkeits-Infusionen. Gerade weil die Sepsis so schnell voranschreitet und so schwer zu behandeln ist, legt Reinhart daher großen Wert auf die Prophylaxe. „Die Erreger der Lungenentzündung, die Pneumokokken, sind besonders häufig Ursache einer Sepsis. Würden sich mehr Risikopatienten dagegen impfen lassen, könnten viele Todesfälle verhindert werden“, sagt der Sepsis-Experte. Gefährdet sind vor allem Menschen über 60 Jahre und Patienten mit einer schweren Grunderkrankung wie Krebs oder einer Immunschwäche.

Allerdings kann durch die Impfung nicht jede Sepsis verhindert werden. Der zweite Rat des Experten lautet daher, Warnsymptome ernst zu nehmen, um so die frühestmögliche Behandlung sicherzustellen. Das gelte für Patienten, Angehörige und Ärzte. Denn die Entwicklung ist dramatisch: Zwischen 2000 und 2008 nahm die Zahl der registrierten Sepsisfälle um über 100 Prozent zu. Paradoxerweise sei daran laut Reinhart die verbesserte medizinische Versorgung schuld. „Es gibt einfach mehr Risikopatienten. Selbst Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen erreichen oft noch ein sehr hohes Lebensalter. Ihr Körper ist dabei aber anfälliger für schwere Infektionskrankheiten“, sagt Reinhardt.

Die modernen medizinischen Mittel sorgen dafür, dass zumindest ein Teil der schwer erkrankten Sepsis-Patienten gerettet werden kann. Doch selbst wenn sie die lebensbedrohliche Phase überstehen sollten, kann sie die Sepsis noch lebenslang verfolgen. Wissenschaftler der Universitätsklinik für Neurologie in Bonn haben herausgefunden, dass ein septischer Schock die Gedächtnisfunktion dauerhaft stören kann.