Es gibt Empfindungen, die Menschen allzu menschlich erscheinen. Fremdscham, zum Beispiel, oder Mitleid. Doch je genauer Verhaltensbiologen die Tierwelt erforschen, umso mehr schwinden diese Grenzen.
Spätestens, seitdem im Jahr 1996 die Gorilladame Binti im Zoo von Chicago ein verletztes, in den Wassergraben gefallenes Menschenkind rettete. Sie ließ dafür alles stehen und liegen, sogar ihren eigenen Nachwuchs, sprang auf und zog das Kind aus dem Wasser.
Auch Tests von Lisa Parr vom Primatenforschungszentrum Yerkes in Atlanta bestätigten diese Einzelbeobachtung. Sie prüfte vor gut zehn Jahren, ob Tiere sich in ihre Artgenossen hineinversetzen: Wurden Primaten am Fernseher Bilder von Artgenossen vorgespielt, die scheinbar gequält oder verängstigt wurden, so verzogen auch die tierischen TV-Gucker ihre Mienen voller Furcht – und zeigten Mitgefühl.
Inbal Ben-Ami Bartal von der Universität Chicago sperrte in einer Studie Ratten in viel zu enge Käfige. Durch einen Hebeltrick konnten andere Ratten die eingesperrten befreien. Siehe da: Auch sie ertrugen das Leid nicht, sondern setzten alles daran, die Gefangenen zu befreien.
Haustiere wie Hunde lesen in dem Verhalten von Menschen, mit denen sie eine lange Zeit der Co-Evolution teilen, wie in einem offenen Buch. Hundehalter kennen die tröstende Nase, die sich bei Trauer unversehens aufs Knie des Herrchens schiebt – meist kombiniert mit dem treuen Hundeblick.
Bleibt die Frage, ob sich Tiere auch für andere schämen können. Hier gibt es noch keine expliziten Antworten aus den Forschungslabors oder Freilandbeobachtungen. Doch eine Untersuchung an Menschen lässt uns eine Antwort ahnen: Sören Krach und Frieder Paulus von der Universität Marburg konnten zeigen, dass bei uns Menschen, wenn wir beispielsweise „Deutschland sucht den Superstar“ ("DSDS") ansehen, automatisch eine Hirnregion aktiv wird, die immer auch dann anspringt, wenn andere Menschen unser Mitleid erregen.
Wenn nun Fremdscham und Mitleid so eng gekoppelt sind, könnte man vermuten, dass unser Fremdschämen auch bei den Tieren ausgeprägt ist.




