Psychische Proleme

Wenn das Sammeln von Tieren zur Sucht wird

Es gibt Menschen, die horten Tiere, bis alles außer Kontrolle gerät und ihre Lieblinge zu Opfern werden. Aulöser für die Tiersammelwut sind meist psychische Probleme.

Foto: © epd-bild / Deutsches Tierschut / © epd-bild / Deutsches Tierschut/Deutsches Tierschutzbüro

Karsten Plücker erinnert sich noch gut an den Fall: 300 Meerschweinchen mussten er und seine Mitarbeiter vom Kasseler Tierheim „Wau-Mau-Insel“ aus einer Wohnung befreien. Die Tiere lebten unter schlimmen Bedingungen; ein typischer Fall von „Animal-Hoarding“, dem Horten oder Sammeln von Tieren. „Hoarder“ sind Menschen, die viele Tiere halten, sie aber nicht versorgen können.

„Bei uns in der Stadt handelt es sich meist um Kleintiere“, erzählt Tierheimleiter Plücker. Mit drei bis vier „Hoarding“-Fällen pro Jahr hat das Kasseler Tierheim zu tun, Tendenz steigend. „Vor zehn Jahren gab es das gar nicht“, meint Plücker. Er sieht gesellschaftliche Veränderungen als Ursache: „Die ganze Gesellschaft ist verroht. Und jeder muss sofort alles haben.“

In grob zwei Gruppen lassen sich „Hoarder“ unterteilen: Einmal die selbst ernannten Retter, wie sie Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund in Bonn nennt. Sie nehmen Tiere auf und verstehen dies als Mission. Daneben gibt es Züchter, die ursprünglich züchten und verkaufen wollten, sich aber nicht von ihren Tieren trennen können und dann den Überblick über den Tierbestand verlieren. „Die Leute haben das Gefühl, nur sie könnten Tiere retten und schützen“, fasst Tünte zusammen.

Tierärztin Kerstin Herfen überlegt eine Weile, bevor sie über den einen großen Fall spricht. Sechzig Hunde musste das Veterinäramt im Kreis Limburg-Weilburg befreien. „Die Leute züchteten Hunde, aber das wuchs ihnen über den Kopf.“ Sie hatten exorbitante Vorstellungen, was ihre Kleinhunde kosten sollten – bevor einer der Jungen verkauft war, bekam die Mutter schon wieder Nachwuchs.

Die Tiere lebten unter katastrophalen Bedingungen, aber auch die Menschen hatten ihr Leben nicht mehr im Griff: „Das Tierschutzproblem ist eigentlich das nachrangige Problem“, sagt die Amtstierärztin. Oft sei die Tiersammelsucht verbunden mit einem Hang zum „Messietum“: Messies können die Wohnung nicht in Ordnung halten und ihren Alltag nicht organisieren.

Auslöser für „Animal-Hoarding“ sind meist psychische Probleme beim Tierhalter. In Deutschland gebe es bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, erklärt Tünte vom Tierschutzbund. Es existieren auch keine Zahlen. Doch immerhin habe 2009 jedes zweite der 514 deutschen Tierheime Tiere aus einem „Animal-Hoarding“ aufgenommen.

Zwar berichten Medien immer wieder über spektakuläre Fälle, doch bisher stammen alle Studien zum Thema aus den USA. Danach sind drei Viertel der Sammler Frauen, meist ältere Menschen, oft alleinlebend. „Häufig finden sich massive seelische Verletzungen und Kränkungen in der Krankheitsgeschichte des Hoarders“, schreibt der Deutsche Tierschutzbund mit Sitz in Bonn in einer Broschüre. „Beim Tier wird zunächst Trost und Ersatz gesucht, bis das Tier selber zum Opfer wird.“

„Die Leute müssten an die Hand genommen und geleitet werden, weil sie lebensuntüchtig sind oder geworden sind“, sagt Tierärztin Herfen. In den USA ist „Animal-Hoarding“ als psychische Erkrankung anerkannt. Häufig würden die „Hoarder“ rückfällig, beklagt Herfen, wie in ihrem Fall bei den Hundezüchtern: „Die Leute waren nicht einsichtig.“

Auch die Kasseler Tierheimmitarbeiter mussten zwei Jahren später erneut 150 Meerschweinchen aus demselben Haushalt abholen. „Die Leute gehören in Behandlung, sonst ist die Rückfallquote hoch“, fordert Herfen. Der Tierschutzbund konstatiert: „Ohne professionelle Therapie ist die Tiersammel-Sucht nicht zu stoppen.“

„Hoarding“-Fälle könnten ein Tierheim schon mal lahmlegen, sagt Plücker. Er half mit seinen Mitarbeitern deshalb in Mecklenburg-Vorpommern aus, wo dreißig Hunde in einer Wohnung lebten. „Sie waren noch nie spazierengegangen, kannten keine Leine, konnten nicht allein bleiben.“ Auf die Tierheime kommen dann enorme Kosten für die Unterbringung und den Tierarzt zu. Solche Tiere seien nur in hundeerfahrene Hände zu vermitteln, sagt Tünte. Tierheimleiter Plücker fordert daher ein Heimtierschutzgesetz, das festlegt, unter welchen Voraussetzungen man Tiere halten darf.