Extreme Fürsorge

Hightech-Medizin lässt Haustiere steinalt werden

Bei der medizinischen Versorgung von Tieren können sogar Menschen oft nicht mithalten: Haustiere erreichen deswegen heute oft ein biblisches Alter.

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Der Kater heißt Maxi, er ist sieben Jahre alt. Wäre Maxi ein Mensch, würden wir von einem jung gebliebenen Mittvierziger reden. Früher lebte er im Tierheim, heute ist Thomas sein Besitzer, ein Student aus Hannover.

Der liebt seinen Kater so sehr, dass er für eine Nierentransplantation aufkam, als Maxi tödlich krank war. Kosten: 15.000 Euro inklusive Flug, das Organ verpflanzten Tierärzte in den USA. „Maxi stand mir bei, als ich selber schwer krank war“, sagte Thomas der „Bild“-Zeitung, „er ist mein zweites Ich.“

Katzen-Niere für 15.000 Euro

Eine neue Katzen-Niere für 15.000 Euro, die Chemo- und Strahlentherapie für einen krebskranken Hund liegt bei etwa 18.000 Euro, das neue Hüftgelenk aus Titan ist mit bis zu 5000 Euro ist dagegen fast schon ein Sonderangebot, und angesichts solcher Aufwendungen erscheinen die Kosten für die anschließende Physiotherapie geradezu nebensächlich.

Augenlinsen? Bandscheibenoperationen? Künstliche Gelenke? – es gibt so gut wie nichts, was die Ärzteschaft im Operationssaal eines guten Krankenhauses in Angriff nimmt und was nicht Veterinärmediziner in Tierkliniken ebenso fertigbringen. Hunde und Katzen können für ihren Halter sehr oft in eine Rolle schlüpfen, auf die nicht einmal nahe Verwandte kommen.

„Pelzbabys“ nennt der amerikanische Autor Michael Schaffer sie. Er berichtet, dass sich in den USA acht von zehn Haustierbesitzern als deren „Mummies“ und „Daddies“ verstehen. Mittlerweile unterscheiden sich Menschen und ihre tierischen Mitbewohner in einem entscheidenden Punkt tatsächlich nicht mehr: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen sozialem Status und der Lebenserwartung – bei Mensch und Tier.

Man mag es empörend, unmoralisch oder komisch finden, dass es Haustiere gibt, die vom Futter bis zur medizinischen Versorgung einen Lebensstandard haben, mit dem viele Menschen nur wenige Kilometer weiter nicht mithalten können.

Ist es anfechtbar, in einem Tier doch noch etwas mehr zu sehen als das Gesetz, das es juristisch als Gegenstand behandelt? Ist es nicht angebracht, den altersschwachen Hund in der Handtasche mitzutragen, statt ihn einschläfern zu lassen oder im Tierheim abzugeben, weil er verschlissen ist, ausgedient hat?

Lebenserwartung binnen weniger Jahrzehnte fast verdoppelt

Jedes vierte Haustier in Deutschland lebt in einem Ein-Personen-Haushalt. Hunde und Katzen legen ihre Biografien oft länger mit ihren Besitzern zusammen, als eheliche Gelöbnisse in der Praxis halten. Es ist kein Zufall, dass sich die Lebenserwartung von Haustieren innerhalb von Jahrzehnten fast verdoppelt hat.

Wilfried Kraft, emeritierter Professor und ehemaliger Leiter der medizinischen Kleintierklinik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat diese Entwicklung dokumentiert. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von zehn Jahren erreichen Hunde heute ein doppelt so hohes Alter wie noch in den Jahren der Nachkriegszeit.

Noch drastischer verläuft die Alterskurve bei Katzen. Im Jahr 1967, sagt Kraft, sei nicht einmal ein Fünftel aller Katzen und Hunde in der Klinik älter als zehn gewesen. Dreißig Jahre später ist es gut die Hälfte. „1983 lag das Durchschnittsalter der Katzen, die bei uns vorgestellt wurden, bei 3,8 Jahren, im Jahr 1995 waren es bereits 7,5 Jahre.“

In der Regel werden Katzen älter als Hunde. Unter guten Umständen können es sogar mehr als 20 Jahre werden. Hunde erleben diese Altersgrenze eher selten, erreichen mit 17 oder 18 Jahren (umgerechnet etwa 120 Menschenjahre) aber dennoch ein biblisches Alter.

Zudem kommt bei Hunden eine natürliche Variable hinzu, die die Statistik dramatisch verfälscht: Bei keinem Tier hängt die Lebenserwartung so eng mit der Größe zusammen wie beim Hund: Je größer er ist, desto früher stirbt er. Dafür haben auch Tiermediziner bis heute keine biologische Erklärung, außer der eher hilflosen Vermutung, dass sicher die Gene eine Rolle spielten.

Der Mops lebt am längsten

Denn trotz bester medizinischer Versorgung altern nicht alle Hunderassen gleich: Im Durchschnitt, so hat die deutsche Zoologin Helga Eichelberg herausgefunden, werde ein Rottweiler sieben Jahre alt. Ein Schäferhund wird neun, ein Dackel elf und ein Pudel 13. Mit 18 Jahren Lebenserwartung wird der Mops mit am ältesten.

Der Berner Sennenhund stirbt statistisch zuerst. Das Tier ist mit Erbkrankheiten gestraft. Während jeder zweite Cockerspaniel an Krebs stirbt, wird dem Yorkshireterrier überdurchschnittlich oft sein Temperament zum Verhängnis: Mit Beißereien, Autounfällen und Vergiftungen steht er der Hunde-Unfallstatistik vor.

Grundsätzlich erleiden Hunde doppelt so häufig einen Unfall mit tödlichem Ausgang wie Menschen. Nach dieser Statistik schweben Mischlingshunde praktisch ständig in Lebensgefahr – die Annahme, dass sie zäher, widerstandfähiger, langlebiger seien als reinrassige Hunde, bestätigt auch Tierarzt Nolte, trifft nicht zu: „Tatsächlich brechen sich Mischlinge sogar öfter ein Bein.“ Warum? Sie werden schlechter beaufsichtigt als Rassehunde.

Das verlängerte Leben geht bei Mensch wie Tier mit denselben Beschwerden einher, Verschleißerscheinungen wie nachlassende Spannkraft, schmerzende Gelenke, Temperaturempfindlichkeit, Weitsichtigkeit, verengtes und getrübtes Blickfeld, poröse Gebisse, schwache Blasen. Dazu die Klassiker: Diabetes, Arthrose, Fettleibigkeit, Krebs. Es gibt Infarkte, Verkalkungen – und Demenz.

Tiermedizin ist ein Markt ohne sozialpolitische Pflicht zur Grundversorgung – es braucht ein Motiv für die medizinische Versorgung von tierischen Lebensgefährten. Und Tierliebe ist ein enorm starkes Motiv, das manchen Tieren fast alles angedeihen lässt, was die medizinische Forschung hergibt – koste es, was es wolle.

Behandlung kennt keine Grenzen

Davon sind auch alternative Behandlungsmethoden nicht ausgenommen. Tatsächlich gibt es Angebote für Akupunktur bei Hunden, Aufbaupräparate und Wellness-Spaziergänge. Und für jene, die kaum noch humpeln können, gibt es maßgefertigte Kunstgelenke oder Rollhilfen.

Viele Tierhalter lassen die Tumore ihrer Hunde, Katzen oder Pferde bestrahlen, wobei die Erforschung von Krebskrankheiten beim Hund nach Ansicht des Tierarztes Professor Ingo Nolte von der Hochschule Hannover den Kollegen von der Humanmedizin weiterhilft.

„Die Erkenntnisse am Tumorpatient Hund können auf den Tumorpatienten Mensch übertragbar sein“, erklärt Nolte. Die Tumore bei Hunden und Menschen seien sehr ähnlich, weil Tier wie Mensch durch das Zusammenleben denselben Lebensbedingungen ausgesetzt sind. So erforschen Veterinäre Tumore der Brustdrüse und der Prostata beim Hund.

Eine US-Studie vom Minnesota Stroke Institute hat einen weiteren, überraschenden Gewinn aufgedeckt. So absurd es klingt: Wer einen Hund oder einen Hamster hat, lebt – statistisch belegt – mit dem deutlich verminderten Risiko, einen Infarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Spitz formuliert: Lieber ein Hund als einen Lebenspartner, das ist gesünder. Warum? Der Hund widerspricht seltener, witzeln die Forscher.