Forensik

Perfekte Morde gibt es praktisch nicht

Im Jahr 1957 wurde in Frankfurt am Main das "Edel-Callgirl" Rosemarie Nitribitt ermordet. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Heute wäre das wahrscheinlich, denn die wissenschaftlichen Methoden der Forensiker werden immer raffinierter. Mit Hilfe von DNA-Mustern, Isotopenanalysen oder Maden können Kriminelle schnell überführt werden.

Der eingeschlagene Schädel, der bis vor Kurzem in einer Glasvitrine des Frankfurter Kriminalmuseums aufbewahrt wird, kündet von einem der spektakulärsten Mordfälle der Wirtschaftswunderzeit. Er gehörte der prominenten Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Ihre Leiche fanden Polizeibeamte am 1. November 1957 in ihrer Frankfurter Wohnung. Da hatte die Verwesung bereits eingesetzt. Der Kopf ist nun mit den anderen sterblichen Überresten, die auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf, ihrer Geburtsstadt, beigesetzt wurden, wieder vereint worden. Den Mord an der legendären Edelhure, die erst erschlagen und dann noch erwürgt wurde, hat die Polizei nie aufklären können.

Ein perfekter Mord? Nicht ganz – perfekt wäre er gewesen, wenn der Mord gar nicht als solcher erkannt worden wäre. Heute würde er vielleicht aufgeklärt, moderne forensische Methoden machen es möglich, die genauen Tatumstände – und den Täter – zu entlarven. Bei der Obduktion der Leiche von Rosemarie Nitribitt wurden Fliegenlarven in den Nasenlöchern gefunden. Möglicherweise hätten sie den entscheidenden Hinweis liefern können. Insekten, die sich von Leichen ernähren, besiedeln tote Körper. „Zuerst kommen die Schmeißfliegen, dann die Fleischfliegen, die Käsefliegen und am Ende die Käfer“, erläutert Richard Zehner vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt/Main.

Die Tiere legen Eier in der Leiche ab, die sich dann zu Larven und schließlich zum fertigen Insekt entwickeln. „Aus der Art der Larven und dem Entwicklungsstadium lässt sich bis zu vier Wochen lang auf den Tag genau feststellen, wann der Tod eingetreten ist“, erklärt Jens Amendt vom Zentrum für Rechtsmedizin in Frankfurt. Manchmal kann selbst das geschulte Auge des Experten nicht die sich stark ähnelnden Larven einer bestimmten Art zuordnen. Dann greifen Rechtsmediziner zu molekularbiologischen Methoden: Ein genetischer Fingerabdruck wird von den Insektenlarven genommen. Der anschließende Vergleich mit den in einer Datenbank gespeicherten DNA-Mustern verraten die Art und das genaue Entwicklungsstadium.

Maden lassen sich weitere erstaunliche Geheimnisse entlocken

Die Eingeweide von Maden bergen mitunter noch nicht verdaute Reste vom Leichenschmaus. Das ist etwa dann von Nutzen, wenn die Leiche vom Täter weggeschafft wurde, dort aber noch Maden entdeckt werden. DNA-Analysen des Kropfinhalts der Tiere können dann Aufschluss über das Geschlecht des verschwundenen Opfers geben. Durch einen DNA-Abgleich mit möglichen Verwandten lässt sich sogar die Identität nachweisen.

Denkbar wäre sogar, dass sich unter den unverdauten Resten aus dem Magen der Maden auch DNA-haltiges Material vom Täter befindet, etwa wenn dieser sein Opfer vergewaltigt hat. Mit diesem Ansatz versuchten 2002 Spezialisten des Bundeskriminalamtes (BKA) im Falle der ermordeten 16jährigen Jennifer Haack den Tatverdächtigen, einen Sexualstraftäter, zu überführen.

In den Leibern der Larven werden auch Gifte, Drogen und Medikamente, die das Opfer eingenommen hat, gespeichert. Häutet sich Larve, bleibt ein Teil der Substanzen in der alten Hülle zurück. „Die chemischen Substanzen werden oft in den Puppenhüllen der Fliegen, in denen die Umwandlung zum erwachsenen Tier erfolgt, eingelagert. Die Puppenhüllen sind extrem witterungsbeständig und können noch Jahre später am Ort der Entwicklung nachgewiesen werden“, berichtet Amendt. Eine Methode, die einen Giftmord noch entlarven kann, wenn vom Opfer schon lange nichts mehr übrig ist.

Dank ausgefeilter molekularbiologischer Methoden kann die Polizei scheinbar perfekt geplante Gewaltverbrechen nicht nur öfter aufklären, sie bekommt die Täter auch schneller zu fassen. Im Falle des zunächst rätselhaften Mordes an dem Münchner Modeschöpfer Rudolph Moshammer dauert es nicht einmal 48 Stunden, bis das Verbrechen aufgeklärt war. An dem Telefonkabel, mit dem das Opfer erdrosselt wurde, fand die Spurensicherung auch winzige Hautfetzen mit der DNA des Mörders.

DNA überfüht mit 99,9999prozentiger Sicherheit

Bei Schwerverbrechen gehört die Suche danach zum Standardrepertoire der Ermittler. Kein Wunder, kein Indiz überführt den Verbrecher so eindeutig wie dessen einzigartiger Erbgut-Code – mit 99,9999prozentiger Sicherheit. Als die Ermittler das DNA-Identifikationsmuster zum Abgleich in die zentrale DNA-Analysedatei des BKA eingaben, lieferte ihnen der Computer prompt den Volltreffer: Der aus dem Irak stammende Tatverdächtige war bereits mit seinem genetischen Fingerabdruck wegen eines früheren Sexualdelikts gespeichert. Wenige Stunden später nahm ihn dann ein Sondereinsatzkommando fest.

Rund eine halbe Million solcher Datensätze sind in der Datenbank des BKA in Wiesbaden gespeichert. Jeden Monat kommen einige tausend hinzu. Es dürfen nur die DNA-Daten von Straftätern gespeichert werden, wenn sie Verbrechen „von erheblicher Bedeutung“ begangen haben und Wiederholungsgefahr besteht. Dazu zählen Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung, Sexualstraftaten, Raub, Bandendiebstahl und Erpressung. Fast jede fünfte Abfrage bringt inzwischen einen Treffer. Mit Hilfe der Datenbank konnten bereits über 10000 Täter überführt werden. Damit lassen sich auch Verbrechen aufklären, bei denen die Ermittler die Akten mangels Beweise schon geschlossen hatten.

So geschehen im Falle des 1991 in seinem Düsseldorf Haus ermordeten Treuhandchefs Carsten Rohwedder. Die Kugel trifft ihn durch das Fenster seines Arbeitszimmers in den Rücken. Er ist sofort tot. Fieberhaft suchen die Fahnder nach Spuren. Am Tatort finden sie außer einem Bekennerbrief der RAF und leeren Patronenhülsen noch ein blaues Handtuch. Spezialisten des BKA untersuchen das Handtuch, finden darin Haare, die vom Täter stammen könnten. Doch bei den Haaren handelt es sich um ausgefallene, die scheinbar keine verwertbare DNA mehr bergen. Damit scheint das wichtigste Beweisstück der Polizei unbrauchbar – landet aber immerhin in der Asservatenkammer des BKA.

Das nimmt sich zehn Jahre später den Fall noch einmal vor. Spurenexperten untersuchen das Handtuch erneut mit einem von ihnen selbst entwickelten, hochsensiblen DNA-Analyseverfahren. Das bestimmt auch bei ausgefallenen Haaren, an denen nur geringste Spuren von zellkernhaltigem Material erhalten geblieben sind, ein DNA-Muster. Der Durchbruch: Es stellt sich heraus, dass der RAF-Terrorist Wolfgang Grams an der Ermordung von Rohwedder beteiligt war.

Nicht nur den Tätern kommen moderne Hochleistungstechniken auf die Spur. Sie helfen auch, die Identität von unbekannten Toten zu lüften und können so raffiniert geplante Verbrechen aufklären. So lassen sich mit Hilfe der Isotopenanalyse aus einigen Haaren, Zähnen oder einem Stück Knochen Hinweise zur geografischen Herkunft des Opfers gewinnen.

Geochemischer Fingerabdruck zeigt Herkunft des Opfers

Das Verfahren nutzt, dass Wasser und Nahrungsmittel einen unauslöschlichen „geochemischen Fingerabdruck“ aufgeprägt bekommen, in dem sich die natürlichen Verhältnisse der Herkunftsregion ausdrücken. Darin variiert der Anteil leichter und schwer Atomsorten ein und desselben Elements, die sogenannten Isotope. Da Menschen meist Stoffe aus ihrer Umgebung aufnehmen, spiegelt sich dieses Muster auch in ihrem Gewebe wider. Der Vergleich mit einem Isotopenatlas, der die Unterschiede für viele Regionen der Welt verzeichnet, gibt dann Aufschluss, wo sich das Opfer in den letzten Wochen und Monaten aufgehalten hat.

Mit Hilfe dieser Isotopenanalyse gelang es nicht nur, verkohlte Leichenteile von Opfern des Terroranschlages auf das World Trage-Center einander zuzuordnen und zu identifizieren. Die Polizei setzt das Verfahren auch zur Aufklärung von Gewaltverbrechen ein. Wie in dem Fall einer brutal ermordeten Frau, die Ende 2001 auf einer abgelegenen Straße bei Garmisch Partenkirchen unkenntlich entstellt gefunden wurde. Niemand schien sie zu vermissen. Mithilfe später gefundener Kleidung versuchten die Ermittler, die Identität zu klären – ohne Erfolg. Auch eine Gesichtsrekonstruktion, mit der sich die Polizei an die Öffentlichkeit wandte, brachte keine Anhaltspunkte.

Erst der Einsatz der Isotopenanalyse konnte schließlich das Geheimnis um die Tote lüften. Die Analyse von Haar und Fingernagel ergaben, dass die Frau die letzten Wochen ihres Lebens in Italien gelebt hatte. Sogar auf die Region legt sich das Verfahren fest. Dort wird ihr Mörder wenig später gefasst: Francesco A. wollte die ihm lästig gewordene Geliebte loswerden und hat sie deshalb ermordet.