Psychologie

"Ein Gefühl, als würde einem die Luft abgedreht"

Ihre Regulation der Gefühle ist gestört. Sie reagieren sehr empfindlich auch emotionale Reize, die andere mehr oder weniger wegstecken können: Bis zu zwei Prozent der Deutschen leiden an der Borderline-Störung. In einer neuen Spezialstation können sie lernen, ihre Erkrankung wieder in den Griff zu bekommen.

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Ein Schnippen mit dem Gummiband oder das Essen einer scharfen Peperoni – für Borderline-Patienten können dies Hilfsmittel sein, um ihre inneren, quälenden Spannungsgefühle abzubauen. In einer neuen Spezialstation an der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im nordhessischen Bad Emstal-Merxhausen lernen Borderline-Patienten Techniken und Fähigkeiten, ihre Erkrankung wieder in den Griff zu bekommen.

„Die Borderline-Störung geht auf eine Störung der Gefühlsregulation zurück“, erklärt der Ärztliche Direktor Michael Franz. Die Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen und Anspannungszuständen, die sie nicht richtig kontrollieren können. Immer wiederkehrende emotionale Krisen sind die Folge. Typische Symptome sind Selbstverletzungen wie Ritzen in den Armen oder unkontrollierte Wutausbrüche. Auf diese Weise versuchen die Betroffenen das bestehende Spannungsgefühl abzubauen. 80 Prozent der Patienten verletzen sich selbst, manche unternehmen Suizidversuche.

„Wenn bei mir die Spannungszustände innerlich stark ansteigen, ist das ein so beklemmendes Gefühl, als würde einem die Luft abgedreht“, sagt die 22-jährige Nadine J. aus Kassel. Bereits mit 16 Jahren habe sie gemerkt, dass sie anders sei als Gleichaltrige. „Mit 18 wurde dann nach einem Nervenzusammenbruch meine Borderline-Störung diagnostiziert“, schildert die junge Frau.

Essstörungen und Probleme, mit anderen Menschen stabile Beziehungen aufzubauen, begleiten ebenfalls oft das Krankheitsbild. „Viele Patienten haben auch eine große Angst, verlassen zu werden, gleichzeitig fürchten sie aber auch die Nähe zu anderen Menschen“, sagt Martine Micol-Grösch, Psychiaterin und Oberärztin an der neuen Borderline-Spezialstation.

Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden an der Störung, die große Mehrheit von ihnen sind Frauen. Studien legen nahe, dass eine Ursache der Krankheit in den Genen liegt. „Wahrscheinlich wird ein überempfindliches Nervensystem vererbt“, sagt Franz. Kommen noch ungünstige Umwelteinflüsse hinzu, kann die Störung entstehen. „Solche Umwelteinflüsse können erlittene Kindheitstraumata wie sexueller Missbrauch oder die Trennung der Eltern sein“, sagt Micol-Grösch.

Nadine J. setzt ihre Hoffnungen nun in ein spezielles Verfahren, die sogenannte Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT). Die in den 80er Jahren von der US-Psychologin Marsha Linehan entwickelte Behandlung basiert auf einer Verhaltenstherapie, die Elemente aus der Hypno- und der Gestalttherapie sowie des Zen-Buddhismus einbezieht.

Dabei werden die schädlichsten Verhaltensweisen der Patienten wie Suizidgefahr oder schweres selbstverletzendes Verhalten zuerst angegangen. Während der meist zweijährigen Therapie werden die Patienten die ersten drei Monate stationär und danach ambulant behandelt. „Jeder Patient hat hier eine Pflegeperson, die für sie zuständig ist“, erklärt Micol-Grösch.

In Einzel- und Gruppentherapien sollen die Borderliner scheinbare Gegensätze in ihrem Verhalten erkennen und zugleich lernen, diese auch auszuhalten und zu akzeptieren. Dazu gehören beispielsweise ausgeprägte Gefühlsgegensätze wie „Ich hasse dich, aber verlass mich nicht“, die für Borderliner typisch sind. „Letztlich wollen wir mit der DBT negative Denkstrukturen und Verhaltensmuster erkennen und anschließend verändern“, sagt Micol-Grösch.

Individuell angepasster Notfallkoffer

So erlernen die Patienten besondere Fähigkeiten, um ihre Borderline-Störung besser in den Griff zu bekommen. „Das können bestimmte Entspannungsübungen sein oder ein individuell angepasster Notfallkoffer“, sagt Micol-Grösch. In einem solchen Koffer ist beispielsweise ein kleines Gummi enthalten. Verspüren die Patienten, dass ihr Spannungsgefühl wieder ansteigt, können sie das Gummi mit den Fingern schnippen, um wieder eine Entspannung zu erreichen.

„Das soll verhindern, dass die Patienten sich stattdessen mit dem Messer im Arm ritzen“, sagt die Psychiaterin. Denn hat das Spannungsgefühl erst einmal einen bestimmten Grad erreicht, können die Betroffenen ihr Verhalten nicht mehr richtig kontrollieren. Um genau zu erkennen, wann dieser Punkt erreicht ist, lernen die Borderliner auch, ein Spannungstagebuch zu führen, in dem sie das eigene Befinden möglichst präzise aufzeichnen.

„Bislang ist die DBT die am besten untersuchte und erfolgversprechendste Behandlungsmethode bei Borderlinern“, sagt Franz. Bei fast zwei Dritteln der Patienten gebe es eine deutliche Besserung. Nadine J. hat mittlerweile ein besseres Selbstbewusstsein und erfolgreich gelernt, wie sie ihre Spannungen abbauen kann. „Ich gehe jetzt viel joggen“, sagt die 22-Jährige. „Und sobald ich merke, dass dieses unangenehme Spannungsgefühl zunimmt, presse ich einen Kunststoffigelball zusammen.“