Psychische Störungen

Psychologen finden oft Warnsiganle in der Kindheit

Depression, Schizophrenie, Borderline-Syndrom oder antisoziale Persönlichkeitsstörung: Es sind Männer und Frauen in ihren besten Jahren, die unter solchen psychischen Störungen leiden. Die Warnsignale für spätere seelische Erkrankungen identifizieren Psychologen allerdings schon in der Kindheit.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Die Wurzeln für seelische Leiden reichen meist weit zurück. „50 Prozent aller psychischen Erkrankungen beginnen im Kindes- und Jugendalter“, sagt Beate Herpertz-Dahlmann vom Universitätsklinikum Aachen auf dem internationalen Kongress zur Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. Ihre Äußerung birgt Zündstoff, bedeutet sie doch, dass psychisch Kranke offenbar teilweise schon als Kinder aus dem Raster fallen.


„Es gibt Kinder, bei denen sich andeutet, dass sich etwas nicht günstig entwickelt“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. Kinder, die als Säuglinge extrem viel schreien, sich kaum beruhigen lassen, nie zur Ruhe und nicht in den Schlaf finden, die auf kleine Veränderungen im Alltag sehr empfindlich reagieren, die Probleme mit der Nahrungsaufnahme haben.



Aber sie betont: Ein Schreikind alleine macht noch lange keinen späteren Patienten. Hinzu kommen gravierende psychosoziale Belastungen etwa Vernachlässigung, Gewalt im Elternhaus oder ein sehr harter Erziehungsstil.


Die Psychiaterin bringt auf den Punkt, was in den Vorträgen auf der Berliner Konferenz immer wieder anklingt. Borderline-Patienten sind in der Kindheit häufiger Gewalttaten ausgesetzt gewesen oder sogar sexuell missbraucht worden, schildert ihre Schwester Sabine Herpertz, Psychiaterin am Universitätsklinikum Heidelberg. Eine spätere Schizophrenie kündigt sich bei Jugendlichen in Sprachtests an, erwähnt Tilo Kircher von der Universität Marburg.


Es sind sowohl frühe Anzeichen einer Veranlagung als auch Einflüsse aus jungen Jahren, die auf eine spätere seelische Erkrankung hindeuten können. Bei allen psychischen Krankheiten spielen dabei Erbgut und Umwelt zusammen.


Herpertz-Dahlmann selbst erforscht eine Persönlichkeitsstörung, bei der die Betroffenen im Extremfall weder Mitgefühl noch Angst kennen und als Erwachsene gehäuft Gewalttaten begehen. Das kann sich schon bei Kleinkindern anbahnen, warnt sie. „Bei Kindern, die Gleichaltrige quälen, die Tiere grundlos töten, die ständig Prügeleien anzetteln.“ Dagegen brauche man sich bei Heranwachsenden, die erst in der Pubertät über die Stränge schlagen, weniger Sorgen machen. Bei ihnen ist ein derartiges Verhalten normal.

Gleichzeitig mahnt sie zur Vorsicht. All diese Symptome seien unspezifisch. Auf ähnliche Weise kündigen sich spätere Depressionen an. Außerdem können die Umweltbedingungen aus jedem Haudegen einen sozial integrierten Erwachsenen formen. „Nur ein Drittel bis ein Viertel der auffälligen Kinder entwickelt eine antisoziale Persönlichkeitsstörung“, sagt sie. Frühe Zuwendung und Förderung können helfen, den vorgezeichneten Weg zu durchbrechen. So gesehen ist das schwierige Kind ein Hilferuf an Eltern, Erzieher und Mitmenschen, sich besonders intensiv zu kümmern.


Dass Kindheit und Jugend über das spätere Seelenwohl mitbestimmen, kristallisiert sich auch bei anderen psychischen Erkrankungen heraus. Sogar bei stark genetisch bedingten Leiden wie der Schizophrenie können die jungen Jahre prägend sein.

Aus finnischen Adoptionsstudien weiß man aber auch, dass die Gene alleine die schwere Erkrankung nicht zum Ausbruch bringen. Vielmehr müssen sich Einflüsse aus dem Elternhaus zur erblichen Belastung hinzugesellen. Gefühlsarme Familien, häufiger Streit oder ständige Regelüberschreitungen sind solch gefährliches Beiwerk. Genetisch belastete Kinder blieben gesund, wenn sie in intakten Familien aufwachsen.


Die Botschaft aus der Forschung ist klar: Auffällige Kinder und Jugendliche haben eine große Chance, sich vollkommen normal zu entwickeln, wenn nur ihr Umfeld günstig ist. Herpertz-Dahlmann fordert besser ausgebildete Erzieher, problembewusstere Lehrer und mehr Ganztagsschulen.


Doch werden die derart betreuten Kinder nicht viel zu früh und zu Unrecht als künftige Kranke stigmatisiert? „Wir möchten keine Pathologisierung“, so Herpertz-Dahlmann. Sie räumt aber ein, dass man sich auf einem schmalen Grat bewegt. Es geht darum, die Auffälligkeiten der Heranwachsenden ernst zu nehmen, ohne sie wie Verhaltensgestörte zu behandeln.