Tierpsychologie

Wie Hunde und Tauben Menschen erkennen

In den Augen der Tiere: Hunde können ihren Besitzer auf Fotos identifizieren, Pferde erkennen Menschen am Schritt – was Tieren sonst noch so an uns auffällt.

Das klingt nicht gut: Zu Beginn der Urlaubszeit haben viele Menschen ihren Hund ausgesetzt oder auf der Straße zurückgelassen. Für die polizeilichen Ermittlungen nach den Tätern hätten Tierpsychologen eine wirksame Empfehlung für einen raschen Fahndungserfolg: Ziemlich eindeutig können Hunde ihre Halter auf Fotos erkennen. Das ist Pech für die Tierquäler – und für die Biologen ist es ein Sonderfall.

Der Hund, das ist wissenschaftlich inzwischen vielfach erwiesen, ist der beste Menschenkenner in den Reihen der Tierwelt. Die Gesichter von Menschen auf Fotos auszuwerten bringen nicht einmal Primaten zustande.

Zeigt man dagegen Hunden die Porträt-Bilder, schauen sie sich die Fotos aufmerksam an. Erkennen sie ein Gesicht, lassen sie es rasch links liegen – um sich mit den Porträts von Menschen und Hunden zu beschäftigen, die ihnen weniger bekannt vorkommen. Die sind offensichtlich interessanter.

Kein Tier lebt länger mit uns zusammen als der Hund. Er bekommt Futter, Streicheleinheiten, manchmal Prügel. Es lohnt sich für ihn, sich mit Menschen auszukennen und zurechtzukommen.

Doch was ist mit den anderen Tieren? Den wilden und den nützlichen? Als was betrachten sie den Menschen: als ihresgleichen, als gefundenes Fressen, als höhere Macht? Viele Menschen sind Tierfreunde. Können Tiere eigentlich auch von Menschen bezaubert sein?

Konrad Lorenz war einer der Ersten, die diesem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gegangen sind. Der Begründer der Verhaltensforschung beschrieb schon in den 1950er-Jahren in seinen Studien, wie er eine Schar Wildgänse begeisterte.

Lorenz' Lieblingsgans Martina hatte große dunkle Augen. Mit denen blickte sie, gerade aus dem Ei geschlüpft, ins bärtige Gesicht des Forschers – im festen Glauben, ihre Mutter zu sehen.

„Lange, sehr lange sah mich nun das Gänsekind an. Und als ich eine Bewegung machte und ein kurzes Wort sprach, löste sich mit einem Male die gespannte Aufmerksamkeit, und die winzige Gans grüßte“, schrieb Lorenz 1983 in seiner Autobiografie „Eigentlich wollte ich Wildgans werden“.

Konrad Lorenz adoptierte das auf ihn geprägte Grauganskind und zog es auf. Martina durfte in seinem Schlafzimmer übernachten und meldete sich stündlich („wiwiwi“) aus dem Korb, während Lorenz verschlafen aus dem Bett beruhigte („gagaga“). Die Gans hielt ihr Leben lang an dem Irrtum fest.

Solche wilden Stiefkinder finden sich unter ihresgleichen meistens kaum zurecht. Geschöpfe, die von Geburt an unter Menschen leben, sehen uns als ihresgleichen – unter Artgenossen dagegen fremdeln sie.

Wachsen die Tiere dagegen in Freiheit in der Nähe des Menschen auf, schärfen sie ihren Blick für Zweibeiner, ohne an ihnen zu kleben. Sie fangen an, sich für uns zu interessieren – vor allem dann, wenn unser Alltag relevant für sie ist.

So haben sich Stadttauben ein gutes Auge für menschliche Gesichter angeeignet. Das fanden Forscher Anfang Juli bei einem Experiment mit frei lebenden Tieren in Paris heraus. Selbst von wechselnder Kleidung ließen sich die Vögel nicht beirren.

Die Forscher von der Universität Paris schickten zwei Kolleginnen in verschiedenfarbigen Laborkitteln in einen zentralen Stadtpark. Beide gaben den Tauben Futter. Die eine ließ die Tiere in Ruhe fressen, während die andere die Vögel immer wieder verjagte. Nach kurzer Zeit stellten die Forscher fest, dass die Tauben auch dann der bösartigen Person auswichen, wenn diese sie gar nicht verscheuchte.

Auch von einem Kittel-Tausch ließen sich die Vögel nicht in die Irre führen. „Die Tauben orientierten sich allein an den Gesichtern“, berichteten die Forscher auf der Jahreskonferenz der Society for Experimental Biology in Glasgow.

Pferde dagegen finden sich Menschen gegenüber nicht so gut zurecht. Vor mehr als 50 Jahren ging Bernhard Grzimek der Frage nach, wie Pferde uns Menschen sehen. Für seine Tests suchte er Tiere aus, die so scheu waren, dass sie nur ihren Pfleger an sich heranließen. Gegen Fremde reagierten sie aggressiv. Doch das Bild ihrer vertrauten Bezugsperson war offensichtlich verzerrt.

Wenn der Stallbursche ihres Vertrauens sich – auf Grzimeks Anweisung – mit einem langem Mantel und Hut verkleidete, griff das Pferd ihn an – so wie alle anderen Fremden. Eine Karnevals-Maske vorm Gesicht hatte dagegen keine Wirkung.

Was sind wir in den Augen der Pferde? Wandelnde Kleiderständer? Anziehpuppen? „Pferde orientieren sich wie die meisten Tierarten anhand von Schlüsselreizen“, sagt der Verhaltensforscher Norbert Sachser. Sie sehen schlecht – und orientieren sich daher vor allem an Geräuschen und Gerüchen.

Die Mitglieder einer Herde erkennen einander am Wiehern, wie Forscher erst kürzlich herausfanden. Bernhard Grzimek konnte es seinerzeit also nicht wissen. Heute wäre ihm klar, dass Pferde ihre Halter nicht Aug in Aug erkennen. Aber am Schritt und mit größter Sicherheit an der Stimme.

Auch die Körpersprache spielt in der Mensch-Tier-Begegnung eine wichtige Rolle. Verhaltensbiologen unterziehen Hunde, Wölfe, Affen und andere Arten den immer gleichen Tests: Unter Bechern verstecken sie Futter. Ein Mensch deutet mit dem Finger auf den Becher. Wölfe und Affen verstehen den Hinweis nicht. Anders die Hunde: Schon als Welpen begreifen sie, was ein Fingerzeig bedeutet.

Über die Jahrtausende des Zusammenlebens haben Hunde gelernt, Mimik und Gestik des Menschen zu lesen. Dieses Wissen geben sie offensichtlich mit dem Erbgut weiter. Anders als der Mensch. Er muss in der Hundeschule lernen, was ein Hund mit seiner Körpersprache sagen will.

Den meisten Menschen geht bei tierischer Kontaktaufnahme das Herz auf. Forscher der American Heart Association haben vor etwa knapp zwei Jahren ergründet, dass New Yorker Devisenhändler, die sich eine Katze hielten, Stress besser bewältigten als ihre Kollegen ohne Miezekatze. Die Blutdruck- und Pulswerte seien herzerfrischender gewesen und Infarkte geradezu eine Seltenheit.

Dass es auch Haustieren gut bekommt, wenn sie sich in der Nähe des Menschen aufhalten, hat vor Kurzem ein Team von Biochemikern bei Hunden bewiesen. Der südafrikanische Wissenschaftler Johannes Odendaal und seine amerikanische Kollegin Rebecca Johnson untersuchten Paare aus Mensch und Hund.

Wenn sie sich zwanzig Minuten lang still in demselben Raum befanden, stieg bei beiden der Glückshormonspiegel an: Es wurden Oxytocine, Prolactine, Endorphine und Phenylethylamine ausgeschüttet.

Wenn Hund und Mensch sich dann auch noch Zuwendung schenkten, stiegen die Stimmungsaufheller um ein Weiteres an. Nicht nur beim Menschen, sondern eben auch beim Hund.

Unsere Tiere haben sich uns angepasst. Dass der Meister der Anpassung aber immer noch der Mensch ist, zeigt ein bizarres Experiment in den 1930er-Jahren: Damals nahm der Psychologe Winthrop Kellogg das Schimpansen-Baby Gua in seine Familie auf. Er wollte den Affen zusammen mit seinem zehn Monate alten Sohn großziehen und behandelte beide Kinder als Menschen.

Die Schimpansin war die Anführerin, wusste mehr mit Spielzeug anzufangen und gehorchte besser als Donald. Doch Donald war der bessere Nachäffer. Schon bald konnte er quäken wie ein Affe, er hüpfte umher und konnte perfekt Schimpansen-Laute ausstoßen, aber nur wenige menschliche Worte sprechen.

Nach einigen Monaten brach Kellogg sein Experiment ab. Er wollte einen Affen zum Menschen erziehen. Stattdessen machte er einen Menschen zum Affen.