Imkerei

Bienen sollten den Menschen als Vorbild dienen

Einen Wert von 100 Milliarden Euro erzielt die Arbeitsleistung der Bienen. Diese Bilanz erzielen sie mit Fleiß und Sparsamkeit – vorbildlich.

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Das süße Leben begann 1801. Damals eröffnete in Schlesien die erste Rübenzuckerfabrik und Zucker wurde zum Massenprodukt. Bis dahin gab es nur den sündhaft teuren Rohrzucker aus fernen Tropenländern. Weitere 700 Jahre zurück war auch Rohrzucker in Europa unbekannt. Könige und Bauern hatten nur einen einzigen Stoff, um Speisen zu versüßen: Honig. Ohne Bienen nichts Süßes. Bienen waren deshalb als Haustiere so wichtig wie Kühe. Wo Milch und Honig fließt, war das gelobte Land. Nach minoischer Mythologie wurde Zeus als Kind von Bienen ernährt.

Honig ist immer noch beliebt, aber längst nicht mehr so heiß begehrt wie in den zuckerlosen Jahrtausenden. Dennoch sind die Menschen abhängig von den Bienen geblieben. Als Bestäuber sorgen sie dafür, dass Obst und Gemüse gedeiht. In Kalifornien und anderen großen Obstanbaugebieten der Welt fahren Wanderimker mit ihren Lastwagen von Plantage zu Plantage und vermieten ihre Völker. Der Honig spielt dabei keine wirtschaftliche Rolle mehr.

Nach Schätzungen der Universität Hohenheim beträgt der Wert der Bestäubung weltweit 70 bis 100 Milliarden Euro. Allein in Deutschland erwirtschaften die Bienen 2,5 Milliarden Euro auf Obstplantagen, Rapsfeldern, Tomatenbeeten und in vielen anderen Kulturen. Nicht eingerechnet ist dabei die Bestäubung der Wildkräuter, die wiederum Tieren als Nahrung dienen. Dafür nehmen die Bienen nur ein wenig Pollen und Nektar als Lohn.

Kein Wunder also, dass die Öffentlichkeit höchst alarmiert reagiert, wenn Bienen plötzlich massenhaft sterben. So war es im Jahr 2007, als Hunderte amerikanische Wanderimker ihre Völker durch eine Virusinfektion verloren. Und 2008, als die fehlerhafte Anwendung eines Beizmittels den Bienen am Oberrhein zum Verhängnis wurde. Im harten Winter 2009/2010 starb in Deutschland jede fünfte Biene, ergab eine Umfrage unter Imkern, die Schlagzeilen machte. Das Aussterben der Bienen wurde bei solchen Anlässen oft vorausgesagt. Doch Totgesagte summen länger. Viel eher droht ein Aussterben der Imker – zumindest für Deutschland. Die Bienenhaltung ist zu einem Altmännerhobby geworden und der Nachwuchs bleibt aus.

Ohne die Dienstleistung der Honigbienen und Wildbienen würde die Welt anders aussehen. Viele Bäume und Blumen hätten es schwer, sich zu vermehren. Die globale Symbiose zwischen Flora und Fauna wäre empfindlich gestört. In Zeiten, in denen die Schuldenkrise die Welt erschüttert, erscheint die Wirtschaftweise der Bienen in neuem Glanz. Im Gegensatz zu vielen menschlichen Staatswesen beruhen Bienenstaaten auf Fleiß und Sparsamkeit. Das Anlegen von Vorräten ist ihr oberstes Gebot. Deshalb verzierte man früher die Fassaden der Sparkassen mit Darstellungen von Bienenkörben: eine Mahnung zum klugen Wirtschaften.

Würden Bienen keine Apfelbäume bestäuben und keinen Honig produzieren, wären sie dennoch bewundernswert. Denn nicht nur ihre Ökonomie, sondern auch ihre Kommunikation und ihr Sozialleben gehören zum Erstaunlichsten, was die Natur zu bieten hat. Es war der Zoologe Karl von Frisch, der in den Vierzigerjahren herausfand, dass Bienen eine Sprache besitzen. In seinem Institut am Wolfgangssee stellte er Schalen mit Zuckerlösung auf, eine heiß begehrte Delikatesse für Bienen. Nachdem sie die Futterplätze entdeckt hatten, beobachtete er das Verhalten der Sammlerinnen bei ihrer Rückkehr zum Bienenstock.

Tanz als Botschaft

Am Einflugloch führten sie Tänze auf und bewegten dabei heftig ihren Hinterleib. Woraufhin die anderen starteten und auf geradem Wege zur Futterquelle flogen. Offenbar enthielt der Tanz eine Botschaft mit genauer Ortsangabe. Später konnte er nachweisen, dass Bienen sich bei ihrer Navigation an der Sonne orientieren und sie dabei nicht als Fixpunkt betrachten, sondern ihre scheinbare Wanderung über den Himmel mit einkalkulieren. 1973 erhielt von Frisch für die Entschlüsselung des Schwänzeltanzes den Nobelpreis.

Eine andere Fähigkeit der Bienen, der feine Geruchssinn ihrer Fühler, brachte heutige Wissenschaftler auf die Idee, sie in einem ganz neuen Feld einzusetzen: im Anti-Terror-Kampf. In dem Forschungsinstitut Inscentenial bei London werden die Insekten darauf trainiert, Sprengstoffe zu erschnüffeln. Das geht erstaunlich schnell. Es genügen drei Trainingseinheiten, in denen ihnen TNT-Geruch über die Fühler gepustet wird, während sie gleichzeitig mit Zuckerwasser belohnt werden.

Danach sind sie auf Sprengstoff geprägt und strecken ihre Zunge heraus sobald sie ihn riechen. Den Wissenschaftlern schwebt vor, Bienen in kleinen Kästen von einer Computerkamera überwachen zu lassen, die ihr Züngeln registriert und meldet. Mit solchen Biodetektoren könnte man das Gepäck auf Flughäfen prüfen. In Kroatien wurden ähnliche Versuche unternommen, um mit Hilfe von Bienen alte Landminen aus dem Balkankrieg zu finden.

Bienen sind nicht nur Honiglieferant

Der Londoner Versuch zeigt: Nach 7000 Jahren Imkerei entdecken Menschen noch neue Arbeitsfelder für ihre kleinstes und genügsamstes Nutztier. Anders als viele andere Haustiere sind Bienen jedoch nie abhängig von Menschen geworden. Sie können auch nach all den Jahrtausenden unter menschlicher Obhut weiterhin in der Wildnis leben. Und wenn die Imker nicht aufpassen, tun sie das gelegentlich auch, verlassen ihr Bienenhaus uns siedeln sich in Baumhöhlen an.

Ihre Erfolgsrezepte sind Arbeitsteilung und Kooperation bis zur Selbstaufgabe. Bienenstaaten sind in Altersklassen eingeteilt; jede von ihnen hat eine andere Aufgabe. Eine Arbeitsbiene fängt als Reinigungskraft an. In ihren ersten drei Lebenstagen muss sie Müll heraustragen. Danach versorgt sie als Brutamme den Nachwuchs. Es folgt eine Phase als Bauarbeiterin, in der sie gemeinsam mit den Gleichaltrigen Waben errichtet. Nach drei Wochen wird jede für kurze Zeit Wächterin am Einflugloch. Den Rest ihres Lebens verbringen sie als Sammelbienen.

Das Erstaunliche dabei: Die Abfolge dieser Berufe ist zwar genetisch festgelegt. Sie ist jedoch nicht so fixiert, dass plötzlich Mangel an Spezialistinnen eintreten könnte. Frisch und sein Schüler Martin Lindauer haben das herausgefunden, indem sie alle Altbienen wegfliegen ließen und verhinderten, dass sie zurückkehren konnten. So bestand das Volk plötzlich nur noch aus den jungen Brutammen. Innerhalb von drei Tagen entwickelten sich ein Teil der Jungebienen zu Sammlerinnen.

Anpassung an Bedürfnisse der Gesellschaft

Dafür mussten sie die Altersklasse der Baubienen und der Wächterbienen überspringen. Sie sind also nicht programmiert wie Roboter, können sich den Bedürfnissen der Gemeinschaft anpassen und alle Aufgaben übernehmen, die benötigt werden. Diese Fähigkeit funktioniert sogar in umgekehrte Richtung. Wenn man aus einem Volk die Jungbienen entfernt, durchlaufen die alten Sammelbienen eine Verjüngungskur und fangen wieder als Brutammen an. Dafür gehen die an die Pollentöpfe, lassen sich hochwertiges Futter geben und fangen ihren Lebenszyklus mit neuer Kraft von vorn an.

Weniger flexibel sind die männlichen Bienen, die Drohnen. Sie haben nur die einzige Aufgabe, die Königin zu begatten. Wenn die jungen Königinnen ausfliegen, sammeln sich alle Drohnen aus mehreren Kilometern Umgebung an einem Ort. Dort bilden sie etwa zehn Meter über dem Boden einen Schwarm und warten auf die Ankunft der Königinnen. Ein Drohnenschwarm kann aus mehreren Tausend Einzelinsekten bestehen. Die Chance, dass eine männliche Biene tatsächlich zur Paarung kommt, ist minimal. Gelingt es ihr, schießt sie ihren kompletten Geschlechtsapparat in die königliche Stachelkammer. Danach fällt sie tot zu Boden. Die Erfolglosen sind ebenfalls todgeweiht. Sie werden von den Arbeiterinnen aus dem Stock vertrieben und verhungern, da sie sich nicht selbstständig ernähren können.

Die Spermien, die eine Königin beim Hochzeitsflug aufnimmt, reichen für ihr ganzes vier- bis sechsjähriges Leben. Aus befruchteten Eiern entstehen Arbeiterinnen. Sie legt jedoch auch unbefruchtete, aus denen Drohnen schlüpfen. Weil die Königin sich mit mehreren Drohnen paart, werden die Nachkommen genetisch nicht allzu einförmig.

1500 Eier täglich

So ist für eine gewisse Variationsbreite von Eigenschaften gesorgt, auch wenn die Königin das einzige vermehrungsfähige Weibchen eines Volkes ist. Denn Arbeiterinnen sind unfruchtbar. Königinnen legen im Laufe ihres Lebens eine halbe Million Eier. Während die Arbeiterinnen sie unentwegt füttern und putzen, produzieren sie etwa 1500 Eier täglich. Das entspricht ungefähr ihrem eigenen Körpergewicht. Jedes Ei platzieren sie in eine der sechseckigen Wachskammern. Dort reifen dann die Larven heran, die von den Arbeiterinnen mit Pollennahrung versorgt werden. Nachdem sie dick und fett geworden sind, beginnt ihre Verwandlung zur Biene.

Damit die Metamorphose ungestört ablaufen kann, verschließen Ammen die Waben mit einem Deckel. Zwölf Tage dauert die Verwandlung, dann öffnet die junge Biene den Verschluss und beginnt sofort, sich in das Arbeitsleben des Staates einzugliedern.

Als Einzelwesen können Bienen nicht existieren. Ihr ganzes Leben steht im Dienst der Volksgemeinschaft, die einem Superorganismus gleicht. Deshalb wurden Bienen gern von totalitären Ideologen als vorbildliche Sozialwesen gelobt. Es gibt jedoch ein Ereignis im Leben eines Bienenvolkes, bei dem es nahezu demokratisch entscheidet: das Ausschwärmen auf der Suche nach einer neuen Wohnstatt. Von Zeit zu Zeit sucht ein Teil des Volkes gemeinsam mit der alten Königin ein neues Zuhause. Der andere Teil bleibt zurück und schart sich um eine frisch geschlüpfte neue Königin. Der Umzug wird durch einen fein abgestimmten Einigungsprozess organisiert.

Diskussion um die besten Nistplätze

Es hat den Anschein, als würden die Bienen Vor- und Nachteile neuer Nistplätze regelrecht diskutieren. Zunächst suchen Späher nach geeigneten Nistplätzen in der Umgebung. Bei ihrer Rückkehr informieren sie die anderen durch Schwänzeltanz über Richtung, Entfernung und Qualität des möglichen neuen Quartiers. Dabei verfolgen sie auch die Tänze der anderen Spurbienen. Wenn diese bessere Plätze anzubieten haben, lassen sie sich umstimmen. Sie fliegen zu der Stelle, von der ihre Schwestern berichten, und inspizieren sie. Ist sie besser als ihr eigener Vorschlag, unterstützen sie die Werbung für den alternativen Nistplatz. So setzt sich der beste Vorschlag durch, wie in einer demokratischen Debatte.

Bienenforschung bringt auch heute noch Überraschungen zutage. Kürzlich brachte Adrian Dyer von der amerikanischen Monash Universität Bienen bei, Menschen zu erkennen. Durch Belohnung mit Zuckerwasser konnte er sie darauf trainieren, Gesichter zu unterscheiden. Denken Sie daran, bei der nächsten Begegnung mit einer Biene: Lächeln Sie!