Analphabeten haben einen schlechteren Gesundheitszustand als Menschen, die lesen und schreiben können. Auf dieses Problem machen Internisten von der US-Universität Miami jetzt im "New England Journal of Medicine" aufmerksam. Wer des Lesens nicht kundig sei, könne geschriebene Anweisungen von Medizinern zu Hause nicht mehr nachvollziehen und nehme dadurch Medikamente häufig falsch ein. Viele vermeiden zudem den Arztbesuch, damit ihr Unvermögen nicht entdeckt werde, so die Autoren.
In den USA ist einer Umfrage des National Assessment of Adult Literacy (NAAL) zufolge jeder neunte Einwohner Analphabet. Knapp jeder fünfte Staatsbürger kann dort nicht genug lesen, um Formulare auszufüllen oder einfache Rechenaufgaben zu lösen. Forscher sprechen deswegen von einer "stillen Epidemie", die weitreichende Auswirkung auf die Gesundheitsversorgung habe.
In Deutschland ist das Problem zwar vorhanden, aber geringer ausgeprägt. Hierzulande können Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung zufolge rund vier Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. Ob auch sie eine schlechtere Gesundheitsversorgung bekommen, ist unklar: "Daß sogenannte bildungsferne Schichten häufiger Diabetes, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, ist uns bekannt", heißt es aus dem Bundesministerium für Gesundheit in Berlin. "Der konkrete Zusammenhang zwischen Analphabetismus und ärztlicher Versorgung wurde hier aber noch nicht untersucht."
In den USA fordern nun Ärzte, mit jedem Patienten einen Test zu dessen Lesefähigkeiten durchzuführen, um gegebenenfalls besser auf einen Analphabeten eingehen zu können. Denn viele Mediziner vernachlässigen die Tatsache, daß ihr Gegenüber eventuell nicht lesen oder schreiben kann.




