Mit dem Kugelschreiber in der Hand schaut Tomas Sik auf das Papier mit den leeren Kästchen. "Was soll das heißen?", murmelt er und buchstabiert langsam: "V-e-r-w-e-n-d-u-n-g-s-z-w-e-c-k". Er trägt ein: "Mite August". Dass für die "Miete" das e fehlt, merkt er nicht. Der 41-jährige Berliner braucht lange, bis der Schein ausgefüllt ist. Ihm graut vor den nächsten Formularen, Hartz-IV-Anträgen und Meldebescheinigungen. Tomas Sik ist Analphabet.
Rund vier Millionen erwachsene Deutsche können nach Schätzungen des Deutschen Volkshochschul-Verbandes weder schreiben noch lesen. Die meisten sind funktionale Analphabeten: Sie erkennen und schreiben zwar einzelne Buchstaben und Wörter, sind dabei aber schlechter als Drittklässler. Wollen sie dann einen Alphabetisierungskurs besuchen, müssen sie sich zu ihrer Schwäche bekennen. Doch das fällt schwer.
Weltweit wird die Zahl der Analphabeten auf 780 Millionen geschätzt. Auf ihre Lage soll der heutige Weltbildungstag aufmerksam machen. Das Bundesbildungsministerium fördert Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene mit 30 Millionen Euro. "Gesellschaftspolitisches Ziel muss es sein, die Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland in den nächsten fünf Jahren zu halbieren", sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan.
"Meist sind verschiedene Faktoren für den funktionalen Analphabetismus verantwortlich", erklärt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. "Nicht alle Kinder lernen ohne Weiteres lesen und schreiben. Einige brauchen deutlich mehr Unterstützung von Eltern und Lehrern. Wenn die ausbleibt, sind die Probleme vorgezeichnet." Die Lehrer von Tomas Sik wussten, dass er langsamer lernte als seine Mitschüler, im Unterricht nicht mitkam. Was nicht erstaunlich war: "Ich verbrachte bis zum achten Lebensjahr mehr Zeit im Krankenhaus als in der Schule", sagt er. Doch Extrastunden gab es für ihn nicht.
Kam er mit den Hausaufgaben nicht voran, schlug sein alkoholkranker Stiefvater zu, "mit der Faust ins Gesicht", sagt Sik. Er spricht offen über seine Kindheit. Aber er weiß nicht, wie die Worte aussehen, die er benutzt, wie man sie buchstabiert. Trotz seiner Schwäche schaffte er nach fünf Jahren Sonderschule und zahlreichen Abendkursen seinen Hauptschulabschluss, "mit Biegen und Brechen", wie er sagt. Und vor mehr als 20 Jahren bekam er so auch Jobs, war mal Forstarbeiter, mal Bauhelfer. Zuletzt arbeitete er bei Ford als Staplerfahrer.
Tomas Sik hatte seine Tricks, um 41 Jahre lang durchzukommen. "Vor Eignungstests oder theoretischen Prüfungen habe ich mir den Arm gegen die Tischkante geschlagen, bis er angeschwollen war. Dann bin ich zum Arzt und habe mir ein Attest geben lassen", sagt er. Die Prüfungen machte er mündlich. Doch vor zwei Jahren verlor Tomas Sik seine Arbeit als Fahrer. Er wurde Hartz-IV-Empfänger und musste ins Jobcenter. "Denen war es egal, ob ich lesen und schreiben kann", erzählt er.
"Die Jobcenter sagen: Das ist Sache der Schulen, die sollen sich darum kümmern. Und die Schulen schieben das Problem zurück: Die Zeit ist um, ihr hattet eure Chance, jetzt seht, wir ihr damit fertig werdet", erklärt Urda Thiessen, Lehrerin beim Verein Lesen und Schreiben. "Sie sind in einer Lücke, und keiner fühlt sich zuständig." Und ob ihnen mit dem Tipp des SPD-Bildungsexperten Dieter Rossmann geholfen ist, lässt sich bezweifeln. Rossmann hat die rund 130 000 Analphabeten in Schleswig-Holstein zum E-Learning per Computer auf dem Portal www.ich-will-lernen.de aufgerufen. Allerdings muss man dazu die Internetadresse eintippen und Sätze wie diesen verstehen können: "Klicken Sie mit der linken Maustaste auf das Lautsprechersymbol, wenn Sie sich den Text vorlesen lassen wollen."
Tomas Sik ging einen anderen Weg. Ihm schlug ein neuer Mitarbeiter des Jobcenters vor: "Gehen Sie zum Verein Lesen und Schreiben nach Neukölln." Dort lernt Tomas Sik neben 20 anderen Erwachsenen seit Februar, was sie als Kinder versäumt haben. Die Lehrer bringen ihnen bei, warum man nicht "Farheder" schreibt, sondern "Fahrräder", warum nicht "osterhassen", sondern "Osterhasen". Tomas Sik steht vor der Klasse, die Kreide hält er in der Hand. Er soll den Satz aufschreiben, den seine Mitschülerin Natalia ihm vorliest. Er stoppt nach jedem Wort, spricht es leise nach. Dann steht an der Tafel: "Das lächelde mächen ist als nechste fällig." - "Tomas, lies noch mal laut, was du geschrieben hast", sagt die Lehrerin. "Von welchem Wort kommt {sbquo}nächste’?" - "Von {sbquo}nach’", sagt Tomas und korrigiert. "Hier bist du nicht mehr nur ein Mensch zweiter Klasse", sagt Sik. "Ich bin schon frecher geworden und fühle mich viel selbstbewusster, wenn ich auf der Straße bin."
Im kommenden Februar geht sein Kurs zu Ende. "Die Jobchancen sind nicht gut", weiß seine Lehrerin. "Denn auch wenn die Schüler hier viel gelernt haben, gibt es da draußen eine große Anzahl von Arbeitslosen, die immer noch besser lesen und schreiben können. Aber Selbstvertrauen hilft, neue Herausforderungen anzunehmen."




