Ernährung

Vegetarier sind die besseren Menschen

Heutige Pflanzenköstler schwanken zwischen esoterischem Humbug und vernünftigen Umweltargumenten. Beim jüngsten Welt-Vegetarier-Kongress in Dresden waren obskure Glaubensvertreter in der Minderheit. Vielmehr gehört wohl den Wenig-Fleisch-Essern die Zukunft.

Links sieht man die Kuppel der Frauenkirche. Deshalb schaut niemand nach rechts, wenn der Zug in Richtung Hauptbahnhof über die Elbe fährt. Rechts ragt ebenfalls eine Kuppel über die Wipfel der Parkbäume. Auf ihr sitzt ein kleiner Turm, aus dem wiederum ein Schornstein lugt. Das imposante Dach gehört zum früheren Kesselhaus des neuen Schlachthofs, der den alten in der Leipziger Straße ablöste. Als er 1910 eröffnet wurde, ließen dort täglich 550 Rinder, 3450 Kälber und Schafe sowie 2500 Schweine ihr Leben. Der Dresdner Tierschutzverein ließ eine Schriftplatte am Hauptgebäude anbringen, die die Schlachter aufforderte, ihr Amt möglichst schonend auszuüben. "Wünschest du selbst ja auch, käme doch sanft mir der Tod", heißt es in der letzten Zeile. 1994 wurde der neue Schlachthof geschlossen. Die Fleischereien der Stadt müssen ihren Rohstoff von außerhalb ordern.

Dass Dresden keinen Schlachthof mehr besitzt, bedauert nicht jeder. Es gibt auch Menschen, die das ausgesprochen zukunftsweisend finden. Bereits als der Schlachthof noch in Bau war, gab es vier vegetarische Restaurants und ein vegetarisches Sanatorium in der damals viertgrößten deutschen Stadt. 1908, der Großschlachthof war seit zwei Jahren in Bau, tagte in Dresden der erste vegetarische Weltkongress. Damals kamen nur ein paar Dutzend Teilnehmer. Ziemlich genau 100 Jahre später trafen sich knapp 700 Menschen aus 33 Ländern, um gemeinsam eine Woche lang über Fleischlosigkeit zu sprechen. "100 Jahre Ernährungsrevolution" war das Motto des Welt-Vegetarier-Kongresses, der heute zu Ende geht.

Die Bibel der Fleischverächter

Damals war der Dresdner Arzt Heinrich Lahmann einer der führenden Köpfe der Bewegung gegen den Fleischverzehr. Er vertrat eine selbst entwickelte Heilkunde, die er "diätetische Blutentmischung" nannte. Vegetarismus war Teil der gegen Ende der Monarchie aufblühenden Lebensreformbewegung, zu der auch Freikörperkultur, Feuerbestattungsvereine und die Wandervögel gehörten. Die Bibel der Fleischverächter schrieb Gustav Struve, der 1848 in Baden eine führende Rolle in der demokratischen Revolution gespielt hatte, später dann die Pflanzenkost zur Grundlage einer neuen Weltanschauung erhob. Sie sollte den Menschen veredeln. "Der Vegetarismus ist die Erlösung, der Vegetarismus ist das Heil", schreibt der Lebensreformer Gustav Schlickeysen.

Lahmann, Struve und Schlickeysen wären auch im Dresdner Kulturpalast nicht weiter aufgefallen unter den bärtigen Herren in Sandalen und den Damen mit wallendem grauem Haar. Deplatziert wirkte allenfalls das Wandgemälde von 1969, auf dem Kosmonauten nach den Sternen greifen. Auch die Mitarbeiter des Kulturplastes schienen etwas irritiert durch Plakate wie "Falls ihr Fleisch essen wollt, beißt doch in den eigenen Arsch". Die militanten Veganer, die sich mit solchen Sprüchen brüsten, waren auch nach Dresden gekommen, bildeten aber eine Minderheit unter den sanftmütigen Delegierten.

Kein bösartiger Linienstreit

Trotz teilweise heftiger Glaubensdifferenzen ("Darf man Hefe essen?") herrscht bei den Pflanzenköstlern nicht der bösartige Linienstreit, wie bei anderen politischen oder religiösen Minderheiten. Der Vegetarierbund Deutschland nimmt gern auch Veganer auf. Obwohl Veganer von Vegetariern so viel halten wie Kommunisten von Sozialdemokraten. Denn die vegetarische Mehrheit isst Eier und Milchprodukte. Ein Ei zu kochen kommt nach veganer Moral jedoch einer Abtreibung gleich und Milch wird aus dieser Sicht durch "Folter" gewonnen. Aber das sind nur zwei der vielen Varianten von Fleischlosigkeit, die in Dresden vertreten waren.

Da waren die "Urchristen" der Sekte "Universelles Leben", die auf Stadtplätzen und Bahnöfen mit pflanzlicher Kost missionieren. Sie sind davon überzeugt, dass Hieronymus im Jahr 383 die Bibel gefälscht hat, um zu verheimlichen, dass Jesus und die Propheten des Alten Testaments in Wahrheit Veganer waren. Auch Gesandte von Ching Hai, der höchsten Meisterin, waren da, eine Vietnamesin, die auf Pilgertour im Himalaya-Gebirge erleuchtet wurde. Per Internet-TV werden ihre Botschaften 24 Stunden täglich in alle Welt verbreitet. Ein pfälzisches Eventbüro warb für ungekochtes Gemüses und rief zu "Rohvolution" auf. Nebenan protestierten österreichische Tierrechtler gegen staatliche Repression, die einige ihrer militanten Aktivisten in Untersuchungshaft befördert hat. Andere Erleuchtete priesen Dr. Mauchs Gesundheitsdeodorant an. Dr. Mauch ist der Mann, der das Buch "Die Bombe unter der Achselhöhle" verfasste. Die Schauspielerin und Landtagsabgeordnete Barbara Rütting berichtete, dass der Bayerische Landtag dank ihrer Initiative nun täglich ein Vollwertgericht anbietet.

"Das tägliche Brot gib uns heute"

Und auch Eugen Drewermann war mit dabei. In seinem "alternativen Vaterunser" heißt es "Verbiete uns, Herr, das tägliche Fleisch. Das tägliche Brot gib uns heute". Es gab Vorträge, wie man nach Wurst quengelnde Kleinkinder doch noch zu guten Veganern erzieht. Und wie man durch das Schwingungspotenzial ungekochter "Sonnenkost" zu "strahlendem Wohlbefinden und klarem Geist" kommt. "Leben und leben lassen" lautet das Motto des Vegetarier-Bundes Deutschlands (VEBU), und offenbar gilt das "leben lassen" auch für die schrillen Ränder der Bewegung.

Der stellvertretenden Vorsitzende Sebastian Zösch trägt keine Sandalen und wirkt ziemlich aufgeräumt. Er spricht darüber, wie man den "Veggie Lifestyle" marketingmäßig besser rüberbringt und ob man die "aktive Mitgliederwerbung outsourcen" sollte. Der VEBU zählt etwas über 2000 Mitglieder, mit, so der Vorsitzende Thomas Schönberger, "leicht steigender Tendenz". Bei einer internationalen Runde aus Vertretern von Vegetarier-Organisationen berichteten die meisten von stagnierenden Mitgliederzahlen. Und auch insgesamt wächst der Anteil der Pflanzenköstler in der Bevölkerung kaum. In Großbritannien, dem Mutterland des Vegetarismus, wo 1847 der erste Vegetarierverein gegründet wurde, liegt er stabil bis etwa 2,5 Prozent.

Hauptsächlich junge Frauen verzichten

Schönfelder wartet mit besseren Zahlen für Deutschland auf. Das Institut Forsa hat acht Prozent Vegetarier ermittelt, das Institut "Produkt und Markt" sogar neun Prozent. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schätzt, dass die Zahl wohl eher zwischen sechs und sieben Prozent der Bevölkerung liegt. Es sind nur 1,5 Prozent, sagt das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Unstrittig ist, dass hauptsächlich junge Frauen auf Fleisch verzichten.

Global betrachtet geht der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Jeden Tag überschreiten Tausende Menschen in China, Indien, Brasilien und anderswo die Schwelle von der Armut in einen bescheidenen Wohlstand. Und als Erstes gönnen sich die meisten von ihnen mehr Fleisch. Während der Konsum von tierischen Produkten in den alten Industriestaaten leicht zurückgeht oder auf hohem Niveau stagniert, verzeichnen die nachholenden Länder dramatische Wachstumsraten beim Verbrauch von Fleisch, Milch und Eiern.

Tiere verpesten den Planeten

Die Begleiterscheinungen des rasant ansteigenden Konsums sind ethisch fragwürdig und ökologisch desaströs. Die globale Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Nutztiere übersteigt bereits 20 Milliarden, darunter 1,4 Milliarden Rinder und eine Milliarde Schweine. Das hat Folgen für den Planeten, die gravierender sind als die Belastungen durch Industrie, Kraftwerke oder Autoverkehr. Tierhaltung verbraucht riesige Flächen für den Futteranbau. Tierische Ausscheidungen belasten Böden, Gewässer und Luft. Aus den Mägen der Kühe entweichendes Methan wirkt über zwanzigmal stärker auf das Klima als Kohlendioxid.

Vor 100 Jahren waren solche Probleme noch unbekannt. Die Fakten sprechen heute deutlicher für Fleischverzicht als damals. Warum bleibt Vegetarismus dennoch ein Minderheitenprogramm? Thomas Schönberger schlägt vor, das durch staatliche Intervention zu ändern. So wie die Ökosteuer den Energieverbrauch verteuert, solle eine "Fleischsteuer" den Appetit auf Braten und Buletten drosseln. "Das ist noch nicht populär", räumt er ein.

Geklärte Butter bei den Indern

Die niedrigen Preise für tierische Produkte lassen jeden Gedanken an Massenvegetarismus völlig illusionär erscheinen. Doch es gibt noch tiefere Gründe für die Anziehungskraft der Fleischtheken. "Die Gier nach Fleisch", sagt der Lebensmittelchemiker und Bestsellerautor Udo Pollmer, "ist nicht kulturell bedingt, sondern ein biologischer Mechanismus."

Den meisten Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ihnen der Geruch gegrillter Steaks um die Nase weht - und nicht, wenn sie einen Marktstand mit Karotten sehen. Weltweit lebt nur eine winzige Minderheit der Menschen freiwillig vegetarisch - und nicht aus Armut. Selbst in Indien, wo die hinduistische Religion den Fleischverzicht predigt, richtet sich nur eine strenggläubige Elite danach. Milch, Butter und Käse sind auch dort beliebte Speisen. Zum Braten nimmt man geklärte Butter (Ghee), und viele Hindus verschmähen selbst Fisch und Huhn nicht, manche essen sogar Lamm. "Sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht bleibt tierische Nahrung besser als pflanzliche Nahrung", schreibt der amerikanische Anthropologe Marvin Harris.

Anzeigen für fleischähnliche Ersatzprodukte

Pflanzen (mit Ausnahme der Sojabohne) enthalten die essenziellen Aminosäuren, die der menschliche Organismus besonders dringend braucht, in zu geringen Mengen. Der kurze Dickdarm des Menschen entspricht eher dem alles fressender als dem vegetarischer Tiere. Das große Gehirn des Homo sapiens konnte nach Ansicht von Biologen nur entstehen, weil fleischliche Nahrung die zum Aufbau nötigen Phosphorverbindungen enthält.

Sogar die Zeitschrift des Vegetarierbundes steckt voller Anzeigen für vegetarische Würste und vegetarische Schnitzel. Das Bedürfnis nach tierischer Kost - oder zumindest fleischähnlichen Ersatzprodukten - kann nicht einfach durch eine rationale Entscheidung abgeschaltet werden.

Thomas Schönberger sieht das ganz realistisch. Er glaubt, dass dem Wenig-Fleisch-Essen die Zukunft gehört. Die Macht des Teilzeitvegetarismus ist erheblich. In den vergangenen 20 Jahren sank der deutsche Fleischkonsum um etwa zehn Prozent. Er liegt jetzt bei 60 Kilo im Jahr. Es bleibt also noch viel zu tun. Auch wenn in den Dresdener Schlachthäusern kein Blut mehr fließt, so wurden doch in Woche des Welt-Vegetarier-Kongresses laut Statistik über eine Million Tiere in Deutschland getötet. Geflügel nicht mitgerechnet.