Globalisierung

Klimawandel bringt exotische Viren nach Europa

Tropische Virusinfektionen bei Menschen, fremde Krankheiten bei Tieren: Mit dem Klimawandel kommen Erreger nach Deutschland, die es bisher nur in wärmeren Gefilden gab. "Wir werden andere Krankheiten bekommen", warnt der Chef des Friedrich-Loeffler-Instituts auf einer Tagung internationaler Forscher in Greifswald.

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Durch Klimawandel und Globalisierung werden sich nach Ansicht von Virologen bisher in Mitteleuropa unbekannte und für Mensch und Tier gefährliche Infektionskrankheiten ausbreiten. Krankheitsüberträger wie verschiedene Mückenarten würden zum einen ihre Lebensräume verschieben, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI), Thomas Mettenleiter, auf einer Tagung in Greifswald. Zum anderen könnten heimische Arten Überträgerkompetenz entwickeln und kämen als Überträger in Betracht, wenn neue Erreger eingeschleppt werden.


„Die Blauzungenkrankheit hat uns vor Augen geführt, dass wir mit solchen Problemen und mit einer explosionsartigen Ausbreitung rechnen müssen“, sagte Mettenleiter. So sei nicht auszuschließen, dass auch das Westnil-Fieber bald in Süddeutschland auftreten könne. Es stehe mit Nachweisen in Österreich, Ungarn und Bulgarien „quasi vor der Haustür.“ Die Krankheit wird durch Stechmücken von Vögeln auf den Menschen übertragen und kann zu Fieber, Muskelschmerzen oder auch Hirnhautentzündung führen.


„Durch das Ansteigen der Temperaturen werden Bedingungen geschaffen, unter denen sich eingeschleppte Organismen länger halten werden“, sagte Horst Aspöck, Experte für medizinische Entomologie und Parasitologie aus Wien, der dpa. Seit der Eiszeit vor 10.000 Jahren sei die Temperatur in Europa um durchschnittlich sechs Grad angestiegen, innerhalb dieses Jahrhunderts werde mit einem Anstieg von weiteren drei Grad gerechnet. Dies werde enorme Auswirkungen auf die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern haben. So seien Insekten wie Mücken Organismen, deren Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängig ist, führte Aspöck aus. Dies erleichtere ihre Ausbreitung in nördlicheren Arealen. Zudem führe die Globalisierung dazu, dass Erreger problemlos über Tausende Kilometer verschleppt werden können.


Nach Angaben des Virologen Matthias Niedrig vom Robert-Koch-Institut Berlin steht auch die Gelbfiebermücke Aedes aegypti mit ihrem Auftreten auf Madeira „an der Pforte zu Europa“. Es sei eine Frage der Zeit, dass die Mücke, laut Niedrig „ein hervorragender Überträger von Dengue oder Gelbfieber“, über Schiffe nach Spanien eingetragen werde. Auch die asiatische Tigermücke gilt als „Kandidat“ für die Übertragung neuer Infektionskrankheiten.


Die Forscher forderten einen seit Jahrzehnten vernachlässigten Forschungszweig, den der Entomologie (Insektenforschung), wieder zu stärken. Das erfordere langfristige Strategien. „Man kann Kompetenz nicht mit viel Geld aus dem Boden stampfen. Kompetenz muss wachsen“, sagte Mettenleiter. Zudem sollten die Ausbildungspläne für Medizinstudenten angepasst und Fortbildungen angeboten werden, um diese neuen Infektionskrankheiten schnell identifizieren zu können. Am FLI auf der Insel Riems hat vor kurzem eine Arbeitsgruppe veterinärmedizinische Entomologie ihre Arbeit aufgenommen.


In Greifswald diskutieren bis Donnerstag rund 100 Wissenschaftler aus Europa, Indien und den USA über die Zusammenhänge zwischen den klimatischen Veränderungen und der Verbreitung von Infektionserregern und Krankheitsüberträgern.