Forschung

Bombenentschärfung soll künftig schneller gehen

Wissenschaftler aus Cottbus arbeiten an einem Verfahren zur schnelleren und preiswerteren Entschärfung von Blindgängern. Vor allem Oranienburg könnte dadurch entlastet werden.

Foto: ZB / ZB/DPA

Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg sorgen auch jetzt noch für Unruhe. Wo die Blindgänger entdeckt werden, beginnt für die Betroffenen meist eine Zitterpartie. Mit neuen, ganz speziellen Methoden könnten Bombenblindgänger in Städten wie Oranienburg (Oberhavel) oder Berlin künftig schneller und preiswerter entschärft werden. Wissenschaftler der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU) haben dafür ein Konzept entwickelt, das sie am Mittwoch bei einem Workshop vorstellten. Bessere Entschärfungstechnik soll dafür sorgen, dass der sogenannte Sperrradius um den Fundort verringert werden kann. Dadurch müssten weniger Betroffene die Wohnungen, Schulen, Betriebe, Kindergärten oder Krankenhäuser verlassen.

Das Thema der Cottbuser Expertenrunde lautet „Bombenforschung in Oranienburg“. Beteiligt sind unter anderem Vertreter des Lehrstuhls Altlasten mit seinem Leiter Professor Wolfgang Spyra sowie Fachleute des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Brandenburg und der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. In Oranienburg, wo bis zum Kriegsende wichtige Rüstungsbetriebe angesiedelt waren, werden noch immer sehr oft Blindgänger gefunden. Zuletzt wurde am 5. Mai 2011 eine amerikanische Zehn-Zentner-Bombe mit einem Langzeitzünder entschärft, 4000 Menschen mussten zeitweise ihre Wohnungen verlassen.

„Wir bieten ein Plasmaverfahren an, wonach die Bombe in der jeweiligen Fundsituation entschärft werden kann“, sagte Spyra. „Der Blindgänger wird nicht wie bei anderen Verfahren bewegt, um an den Zünder zu kommen.“ Vielmehr werde die Bombe durch einen ferngesteuerten Plasmabrenner geöffnet, um den Sprengstoff anzuzünden und abbrennen zu lassen. „Bei diesen Arbeiten soll eine Vorrichtung eingesetzt werden, die im Falle einer Detonation die Wucht mindert und alle Splitter auffängt“, erklärte Spyra. „Dieses Verfahren wollen wir als Patent anmelden.“

Mit dem Verfahren sollten die Belastungen der Bewohner von Städten wie Oranienburg und Berlin, aber auch Hamburg oder Dresden verringert werden, sagte er. In den Stunden bis zur Entschärfung kommt das Leben am Fundort in einem Umkreis von zwei Kilometern regelmäßig zum Erliegen – was auch zu wirtschaftlichen Verlusten führt.

Die Forschungsergebnisse der BTU basieren auf einem 2008 vom Potsdamer Innenministerium in Auftrag gegebenen Gutachten. Darin sollten die Kampfmittelbelastung von Oranienburg wissenschaftlich untersucht und Hinweise für ein Konzept zur Räumung der Blindgänger gegeben werden.

Allein beim Angriff am 15. März 1945 auf Oranienburg fielen 4000 Bomben auf die Stadt. Zahlreiche Sprengkörper detonierten nicht, darunter viele mit chemischen Langzeitzündern. Allein seit der Wende wurden in Oranienburg laut dem Brandenburger Innenministerium 159 Blindgänger unschädlich gemacht.

Obwohl bereits viele Blindgänger entschärft wurden, liegen unter Oranienburg nach BTU-Angaben noch mehr als 300 Bomben, unter Berlin etwa 3000 bis 4000.

Professor Spyra stößt bei seiner Arbeit auf enorme Informationsdefizite. Die Bundesrepublik hat zwar bereits vor Jahren Luftbildaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg für viel Geld von der University of Keele in England gekauft. Diese Abzüge, die von den Kampfmittelräumdiensten ausgewertet wurden, haben aber nicht die gleiche Qualität wie die Originale. Dadurch ergibt sich ein Informationsverlust. Die Angriffsplanungen der Alliierten, aus denen weitere Schlüsse über Blindgänger gezogen werden könnten, befinden sich in Archiven in England und den USA und wurden bislang nicht systematisch ausgewertet.