Aufklärung

Umstrittene Ansichten einer Therapeutin

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Ina-Maria Philipps hat in einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Kindesmissbrauch geschrieben. In guter Absicht. Der Inhalt steht jedoch in der Kritik. Pädophile könnten sich durch ihre Thesen bestätigt und ermutigt fühlen, heißt es.

Ina-Maria Philipps hatte sicher nicht die Absicht, ein Klima zu fördern, das Kindesmissbrauch begünstigt. Dennoch hat sie es getan. In einer 650.000 mal verteilten Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat die Düsseldorfer Sexualtherapeutin zum Beispiel Folgendes geschrieben:

Damit auch weibliche Kleinkinder Stolz auf ihre Geschlechtlichkeit entwickelten, sollten "Scheide und vor allem Klitoris" der Kleinkinder stärkere "Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührungen" erfahren. Wohlgemerkt: Weder "seitens des Vaters noch der Mutter" erfahre das Geschlechtsteil des weiblichen Kleinkinds genügend Aufmerksamkeit. Außerdem empfiehlt Frau Philipps, "das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, indem das Kind beim Saubermachen gekitzelt, gestreichelt, liebkost, an den verschiedensten Stellen geküsst wird" - und zwar ausdrücklich an allen Körperstellen.

Kurz und schlecht: Frau Philipps rät, auch Väter sollten die Scheide ihrer Töchter küssen und liebkosen, damit die Tochter sexuell gedeihen könne. Und damit erhebt die Sexualpädagogin die sexuelle Grenzüberschreitung zwischen Eltern und Kind von Anfang an zur erzieherischen Pflicht.

Natürlich ist es vorherrschende Meinung unter Experten, dass ein kindliches Genital von den Eltern nicht schamhaft wie Luft behandelt werden dürfe. Aber die frühkindliche Sexualität zum Gemeinschaftserlebnis mit den Eltern umzuwandeln - dieser Rat ist alles andere als vorherrschende Meinung.

Außerdem: Welcher Pädophile der Welt würde sich durch diese Worte nicht gerechtfertigt, ja ermutigt fühlen? Immerhin schreibt da ja eine erfahrene Therapeutin, obendrein eine Mitarbeiterin der evangelischen Kirche, im Dienste Gottes!

Dass Missbrauchstäter sich auf solche Gewissensentlastungen geradezu stürzen, ist übrigens bekannt. Zumindest gebildete Pädophile haben laut allen Untersuchungen ein starkes Bedürfnis, ihr Handeln vor sich und anderen zu rechtfertigen. Ihnen konnte Frau Philipps kaum einen größeren Gefallen tun. Immerhin: Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat nun reagiert und die Broschüre über frühkindliche Sexualität aus dem Verkehr gezogen, weil mehrere Formulierungen darin "missverständlich und zweideutig" seien. Der Kinderschutzbund und Familienrechtler applaudierten der wachsamen Ministerin dazu. Nur Frau Philipps zeigte sich unbeirrt. Sie nannte die Kritik an der Broschüre "an den Haaren herbeigezogen".