Archäologie

Moorleiche soll letzte Geheimnisse preisgeben

Mord oder Unfall? Um "Bernie", eine 1200 Jahre alten Moorleiche, ranken sich viele Rätsel. Jetzt wird die Leiche erstmals digital seziert.

Niedersachsens berühmteste Moorleiche „Moora“ starb schon früh als Teenager, dagegen war „Bernie“ in Ostfriesland ein etwas längeres Leben vergönnt. Doch mit rund 30 Jahren kam auch für ihn der Tod, und wahrscheinlich kam er mit Gewalt. Im achten Jahrhundert nach Christus wurde „der Mann vom Bernuthsfeld“ erschlagen und im Moor begraben. Erst gut 1000 Jahre später, am 24. Mai 1907, entdeckten Torfstecher die Leiche, die seitdem im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden ausgestellt ist. Jetzt soll der Tote - ähnlich wie „Moora“ - ein Gesicht bekommen.

Hunderte von Schulklassen haben schon mit Schaudern im Museum vor der Glasvitrine gestanden, in der „Bernie“ ausgestellt ist. Bei der „Nacht im Museum“ können sie sich gruseln und mit Taschenlampen ein Skelett mit lädiertem Schädel und bröckelnden Knochen beleuchten. Doch es ergeben sich immer wieder neue Fragen: „Woher kam er, war er Jäger oder Bauer, was machte er im Moor, woran ist er genau gestorben, und wer hat ihn dort begraben?“

Direkt nach der Aufsehenerregenden Entdeckung hatte vor mehr als 100 Jahren der Auricher Hobby-Altertumsforscher Franz Wachter die Leiche und ihren Fundort akribisch untersucht. Die Torfstecher hatten ihren Fund zunächst geheim gehalten, weil sie an ein aktuelles Verbrechen dachten. So gingen einige Details verloren. Als Todesursache wurde ein stumpfer Schlag auf die linke Schädelhälfte angenommen.

Mord oder vielleicht doch ein Unfall durch einen Sturz vom Pferd? Der Tote nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Das bestand aus einer ausgehobenen Grube, die mit Moos ausgekleidet war. Das Besondere an „Bernie“: Das Skelett war vollständig bekleidet und in eine Decke eingehüllt. Ein langärmeliges Hemd ging als Ärmelrock bis über die Knie, darüber kam ein bunter Poncho, alles aus Schafwolle.

“Dieser Ärmelrock ist schon erstaunlich“, sagt Bär, „er besteht aus zahlreichen Flicken und war vielfach ausgebessert. Ein richtiges Patchwork-Stück im Hippie-Stil.“

So interessant die Kleidung, so wenig Vorstellung haben Bär und seine Museumskolleginnen jedoch vom Körper des Toten. Das soll sich in wenigen Wochen ändern: „Bernie“ soll im März in einem hochmodernen Computertomographen im Emder Klinikum scheibchenweise digital „seziert“ werden. Milliarden von Körperdaten werden auf DVDs gebrannt und danach auf Großrechnern im Emder VW-Werk projiziert. So soll ein dreidimensionales Bild der Moorleiche entstehen. Zwei niederländische Experten, als anthropologische Bildhauer bekannt, wollen dann anhand des 3-D-Bildes eine realistische Skulptur von „Bernie“ modellieren.

“Das wird eine aktuelle Interpretation sein: Wie stelle ich mir heute diesen Mann vor?“, sagt Bär. Bei früheren Rekonstruktionen von Germanen etwa hätten Künstler in der Vergangenheit gerne ein Bild von edlen, biblischen Gestalten gezeichnet. In zwei Jahren soll „Bernie“ dann in neuem Outfit glänzen - und erstmals auch wieder Gesicht zeigen.