Gesicht-Rekonstruktion

So sah der Gletschermann Ötzi wirklich aus

20 Jahre nach dem Fund im Eis rekonstruieren niederländische Forscher Ötzis Aussehen. Auch der Todursache widmen sich die Experten.

Foto: Heike Engel-21Lux/Südtiroler Archäologiemuseum/ National Georaphic Deutschland/AFP

Er hat Schneestürme überstanden, wäre fast verhungert und verdurstet. Er hangelte sich an Abhängen entlang, kämpfte gegen Bären – wurde zuerst erschossen und dann erschlagen. 5300 Jahre lang hat ihn die Geschichte auf Eis gelegt. Vor 20 Jahren, im Herbst 1991, hat der Klimawandel ihn freigelegt. Jetzt können wir ihm endlich ins Gesicht sehen: Ötzi, dem Mann aus dem Eis. Und wir stellen fest: Der Gletschermann hätte auch unser Nachbar sein können.

Das Gesicht ist schmal, scharf geschnitten. Wache braune Äuglein blitzen unter der zerfurchten Stirn. Die Haare hängen wirr und sind schon grau meliert, genauso wie der lange Bart. Das ist das Bild, das niederländische Wissenschaftler jetzt von jenem Gletschermann gezeichnet haben, der in der Endphase der Steinzeit in den Ötztaler Alpen gewaltsam zu Tode gekommen war und dann vom Eis so gut konserviert wurde, dass er heute zu den besterhaltenen und berühmtesten Mumien der Geschichte zählt.

Seit 1998 liegt er aufgebahrt im Archäologiemuseum in Bozen. Auf Basis von 3-D-Aufnahmen des Schädels sowie von Röntgen- und CT-Bildern haben Wissenschaftler ihn zusammen mit Künstlern nun neu erschaffen – die Bilder sind ab morgen in der Sonderausstellung „Ötzi“ in Bozen zu besichtigen.

Der verschrumpelte braune Mann ist ohne Zweifel der bestobduzierte Mensch der Welt. 1,60 Meter groß, hatte er Schuhgröße 38, auf den Rippen 50 Kilo und braune Augen. Getreide und Fleisch hat er zu sich genommen, bevor er starb. Er war keiner von uns, das gab vor zwei Jahren sein Erbgut preis, sein Volk ist genetisch nicht mehr existent.

Doch das alles sind oberflächliche Äußerlichkeiten, verglichen mit dem, was die Wissenschaftler nun hoffen, an Informationen noch zutage fördern zu können. Was hat Ötzi noch zu sagen über die Menschheit in der letzten Phase der Steinzeit in Europa? Seit November ist das Projekt Eismann in einer neuen Phase angekommen, die Untersuchung der „life traces“ hat begonnen: Die Forscher untersuchen das Innenleben des kleinen Jägers. Dazu haben sie die stets eingefrorene Mumie im Dezember noch einmal aufgetaut.

Inzwischen sind es so viele Thesen, Theorien und Funde, mit denen die Ötzi-Forscher sich auseinandersetzen, dass sie sich darin verzetteln könnten wie in einem ägyptischen Labyrinth: „Macht man eine Tür auf, findet man dahinter fünf weitere, die verschlossen sind“, sagt der Konservierungsbeauftragte am Südtiroler Archäologiemuseum und Koordinator der Forschungsprojekte, Eduard Egarter Vigl. Erstmals haben sich die Forscher Ötzis Mageninhalt vorgeknöpft, sein Knochenmark, die bakteriellen Mitbewohner sowie die Physiologie seines Gehirns.

Wovon haben der Mann aus dem Eis und sein Volk gelebt? Was haben sie gegessen? Wie robust war ihr Immunsystem? Welche Bakterien besiedelten die Mägen vor 5300 Jahren? Beteiligt sind auch Mikrobiologen vom Karolinska Institut und dem Seruminstitut in Stockholm. „Vielleicht kann das, was wir bei Ötzi sehen, unser Verständnis von Bakterien verbessern, die resistent gegen Antibiotika sind“, sagte der Bakteriologe Lars Engstrand einer schwedischen Zeitung.

Ötzi war etwa 45 Jahre alt, als er eines unnatürlichen Todes starb – und erreichte ein für damalige Verhältnisse biblisches Alter. Um das Geheimnis seiner Rüstigkeit zu lüften, habe man dem Steinzeitgreis auch Material aus dem Knochenmark entnommen, sagt Egarter Vigl. Blut habe man bisher keines gefunden, obwohl man „akribisch“ danach gesucht habe. „Aber die Proben aus dem Knochenmark müssten für die Erstellung eines immunologischen Profils ausreichen“, erklärte der Wissenschaftler.

Rätsel gibt den Forschern noch die Frage auf, warum er getötet wurde und weshalb er im Hochgebirge unterwegs war. War der Steinzeitgreis auf der Flucht? Wurde er verschleppt?

Ein dunkler Fleck in der linken hinteren Großhirnrinde der Mumie macht den Wissenschaftlern derzeit auch noch zu schaffen. Noch sind die Forscher damit beschäftigt, ihn zweifelsfrei nachzuweisen. Dabei könne es sich einfach nur um schneller zersetzendes Gewebe handeln, sagt Vigl. „Andererseits – und ich neige zur Annahme, dass die zweite Hypothese richtig ist – könnte es sich um eine Hirnblutung handeln“, erklärt der Forscher.

Es gebe viele Anzeichen, die auf ein Gesichts- und ein Schädel-Hirn-Trauma hindeuten würden. So sei zum Beispiel die rechte Gesichtshälfte stark geschwollen, die Außenwand der rechten Augenhöhle gebrochen, und auf der linken hinteren Schädelhöhle lasse sich ein kleiner Berstungsbruch nachweisen.

Vigl ist ein Verfechter der „Pfeilspitzenhypothese“, wenn es um die Todesursache des zusammengekrümmten kleinen Mannes geht. Demnach ist Ötzi in kürzester Zeit an einer Pfeilwunde in seiner Schulter verstorben. Die Faust vor Schmerzen geballt, muss der kleine Jäger in großer Höhe gestorben – und dort sehr rasch von Eis bedeckt worden sein. Das zumindest legt sein Bindegewebe nahe. Es ist etwas steifer als üblich, was sich durch schnellen Wasserentzug erklären ließe. Doch Vigl ist mittlerweile „wesentlich zurückhaltender“, wenn es darum gehe zu bestimmen, wo, wann und unter welchen Umständen der gewaltsame Tod herbeigeführt worden sei.

Mit seiner Unsicherheit ist Vigl nicht allein. Inzwischen wird alle paar Wochen eine neue Theorie zum ältesten Kriminalfall der Welt bemüht. Die letzte haben römische Forscher im November aufgestellt. Sie waren die Ersten, die mit der These brachen, dass Ötzi hoch oben auf dem Berg während der Flucht gestorben war.

Vermutlich sei Ötzi dort nur bestattet worden, behaupten die Archäologen – auf einer steinernen Plattform, die mit dem Tauwetter talwärts gerutscht sei. Die Matte aus Gras sei Teil der Grabbeigabe, vermuten die Forscher. Bisher hatte man geglaubt, sie sei sein Umhang.