Tiere

Wo Deutschlands wilde Katzen wohnen

Selbst Fachleute bekommen in freier Natur nur ab und an eine echte Wildkatze zu Gesicht. Anders als die Hauskatze ist sie selten und jagt in der Dämmerung oder gar nachts. Glück gehört also dazu, wenn man ihr über den Weg laufen möchte. In Deutschland gibt es bis zu 7500 Wildkatzen. Aber wo?

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Die Verantwortlichen des Thüringer Nationalparks Hainich sind zumindest halbwegs ehrlich gegenüber Touristen. Es sei "nicht immer ganz so einfach", im 76 Quadratkilometer großen Schutzgebiet nördlich von Eisenach Wildkatzen zu begegnen, "denn viele von ihnen sind scheu und verstecken sich". Doch lohne es sich, "aufmerksam zu lauschen und zu beobachten" - vielleicht entdecke man ja eine.

Zumindest eine gewisse Chance, Felis silvestris silvestris , die Europäische Wildkatze zu sichten, haben Besucher in den Buchenwald-Nationalparks Hainich und Eifel sowie im Reinhardswald bei Kassel. Im 76 Quadratkilometer großen Nationalpark Hainich soll sich mitten in Deutschland ein Urwald aus zweiter Hand entwickeln; schon heute werden 90 Prozent der Nationalparkfläche sich selbst überlassen. Knorrige alte Bäume und viel Totholz am Erdboden versetzen Besucher ansatzweise in eine Zeit, als Wälder noch keine Forste waren.

Auch im fast 110 Quadratkilometer großen Nationalpark Eifel im südlichen Nordrhein-Westfalen streunen etwa 50 Wildkatzen umher und nutzen dabei auch die Waldränder am ehemaligen Truppenübungsplatz Vogelsang. Rund 200 Quadratkilometer groß ist der Reinhardswald in Nordhessen, das größte von Straßen unzerschnittene Waldgebiet Hessens. Hier liegen die Sababurg, im Volksmund Dornröschenschloss genannt, und der benachbarte, knapp einen Quadratkilometer große und naturgeschützte Urwald Sababurg mit ehrwürdigen, alten Eichenriesen.

Aber ganz gleich ob man hier, in der Eifel oder im Hainich nach Wildkatzen Ausschau hält: Selbst wer sie nicht beobachten kann, hält sich in einer attraktiven und naturnahen Landschaft auf.

Die Wildkatzen Mitteleuropas streiften schon durch die Urwälder, als der Gletschermann Ötzi noch lange nicht geboren war. Im heutigen Deutschland aber hat die wilde Katze es schwer. Denn der Mäusejäger mag es lieber urig und unübersichtlich, vor allem in Wald und Flur - eben wild, passend zu seinem Namen. "In den meisten unserer Wälder fehlt es aber an Holz, das in Ruhe am Waldboden liegen und verrotten kann", sagt der Biologe und Wildkatzenexperte Thomas Mölich vom Umweltverband BUND.

Reisighaufen, vom Wind umgeworfene Bäume, aufrecht stehende Wurzelteller und kleine Lichtungen braucht die Wildkatze zum Jagen, als Versteck und zum Ausruhen. Fachleute schätzen die Zahl der in Deutschland umherstreifenden Wildkatzen auf maximal 5500 bis 7500 Exemplare - verschwindend wenige verglichen mit den mindestens acht Millionen Hauskatzen hierzulande. Beide Arten sind nah miteinander verwandt. Denn die Wildform des Stubentigers, die nordafrikanische Wildkatze, ist eine Schwesterart der europäischen. "Alle drei können sich kreuzen und Nachkommen haben", sagt Mölich. Die gestreifte Wildkatze unterscheidet sich deshalb auch kaum von der Hauskatze: Sie ist aber schwerer (sie wiegt bis über fünf Kilogramm) und hat immer einen buschigen Schwanz mit schwarzer abgerundeter Spitze. Es gibt viele Mischlinge, die ihre Scheu längst verloren haben.

Das deutsche Verbreitungsgebiet der Europäischen Wildkatze ist zerfleddert. Zwischen den Waldinseln klaffen bisweilen große Lücken, die für die Tiere meist unüberwindlich sind. "Normalerweise müssten Wildkatzen bei uns flächendeckend vorkommen", sagt Thomas Mölich. Freilich auch nur dort, wo geeignete Lebensräume vorhanden sind: am besten naturnahe Wälder, die an halb offenes Land aus Gebüschen, alten Baumgruppen und Wiesen grenzen - eine an Feuchtsavannen erinnernde, waldige Parklandschaft, wie sie vor Jahrtausenden in Deutschland üblich war, offen gehalten von großen Pflanzenfressern wie unter anderem dem Auerochsen und dem Wisent.

Eine Wildkatze zu sichten ist ein seltenes Glück, das selbst jemand wie Mölich bisher "nur sechs- bis achtmal" hatte - und das, obwohl der Biologe die nacht- und dämmerungsaktiven Tiere jahrelang erforscht hat. Aufwendig überwachte er bis 1999 sieben mit Sendern ausgerüstete Exemplare im Nationalpark Hainich. "Doch gerade weil man sie selten sieht, haben sie etwas Wildes und Geheimnisvolles an sich", findet der Biologe.

Seine und die Erkenntnisse vieler Fachkollegen sind in ein Projekt eingeflossen, das den Räuber auf leisen Pfoten vielerorts wieder heimisch machen soll. Mölich ist Leiter des BUND-Projektes "Rettungsnetz Wildkatze", das sich zum Ziel gesetzt hat, für sie ein bundesweites Wanderwegenetz mit einer Länge von rund 20.000 Kilometern zu schaffen - eines der größten Naturschutzprojekte Europas.

Als fachliche Grundlage hierfür hat der BUND mit der Biologin Nina Klar vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig einen bundesweiten Wildkatzenwegeplan entwickeln lassen, der mögliche Korridore und Zielgebiete ausweist. In den kommenden Jahren sollen so beispielsweise der Harz mit dem Hainich und der Thüringer Wald mit dem Spessart und dem Bayerischen Wald verknüpft werden. Nach Westen sollen Pfälzer Wald, Schwarzwald und Eifel angebunden werden.

Ein Baustein des Netzwerks ist der geplante Wildkatzenkorridor "Hainich-Thüringer Wald". Bereits vor zwei Jahren wurden in der Gemeinde Hainich-Hörselberg rund 20 000 kniehohe Bäume gepflanzt, um eine rund 1,2 Kilometer lange Biotop-Lücke zu schließen. Weitere Korridore nach diesem Vorbild werden als Nächstes zwischen Harz und Hainich und zwischen Thüringen und Hessen entstehen.

Mehr Informationen zu Wildkatzen in Deutschland: www.wildkatze.info (), www.bund.net/wildkatze ()