Alles geht blitzschnell: Kaum ist der geschredderte Plastikmüll in dem riesigen Edelstahltrichter, sausen die Teilchen über mehrere Rutschen wie ein Wasserfall rund einen Meter in die Tiefe. Dort treffen sie auf Laserstrahlen, die mit einem Tempo von 10000 Stundenkilometern – etwa 30 mal schneller als die Höchstgeschwindigkeit bei Formel 1 – an einer Leiste entlangflitzen. Alle Teile werden beleuchtet, anhand ihres optischen Fingerabdrucks analysiert und sortiert. Die „guten“ fallen in einen Behälter, die „schlechten“ werden von zahlreichen Überdruckdüsen in eine andere Kammer gepustet.

Ein bisschen ist es wie im Märchen: Was Aschenputtel mit Hilfe der Tauben gelingt – nämlich Linsen in minutenschnelle aus einem Topf mit Asche zu sammeln – hat ein Karlsruher Unternehmen mit Laser-Licht perfektioniert. Mit der neuen Sortiermethode können Kunststoffe aus PET-Flaschen komplett recycelt werden; Fremdstoffe wie PVC, Silikon oder verschmutzte Materialien werden herausgesucht.

„Unsere Maschine kann aus gebrauchten Flaschen einen Wertstoff gewinnen, der sich zu 100 Prozent in neue Flaschen verwenden lässt. Das kann in dieser Form keine andere“, sagt Prof. Gunther Krieg, Gründer der Karlsruher Firma Unisensor Sensorsysteme, der mit den Ingenieuren Dirk Fey und Jürgen Bohleber das System Powersort 200 entwickelt hat. Dafür ist sein Team für den Deutschen Zukunftspreis 2010 nominiert worden, den Bundespräsident Christian Wulff am 1. Dezember in Berlin vergibt.

Der mit 250000 Euro dotierte deutsche „Innovations-Oscar“ gilt als wichtigste nationale Auszeichnung für herausragende technische, ingenieur- oder naturwissenschaftliche Erfindungen, die sich bereits auf dem Markt behaupten konnten.

Etwa ein Dutzend Recycling-Betriebe in Europa, den USA und Mexiko arbeiten schon mit den Geräten von Unisensor. Das ausgerechnet ein mittelständisches, familiengeführtes Unternehmen ein Produkt entwickelt hat, das auf weltweites Interesse stößt und nun sogar preiswürdig ist, erfüllt das ganze Team mit Stolz. Krieg hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Preise eingeheimst. Einige seiner mehr als 70 Patente und Erfindungen haben bereits Aufmerksamkeit erregt – darunter das von Mineralwasser- und Softdrink-Produzenten genutzte System, das aus Mehrweg-Plastikflaschen Fremdstoffe herausschnüffeln kann.

Die Nominierung für den Zukunftspreis ist aus Sicht von Firmengründer Krieg verdient. „Es ist die Bestätigung der herausragenden Arbeit aller Beteiligten“, sagt der Physikprofessor und Verfahrenstechniker, der zuvor an der Hochschule für Technik in Karlsruhe lehrte.

Animiert wurde sein Team zu seinem jüngsten Vorhaben von keinem geringerem als Coca-Cola. Das US-Unternehmen fragte angesichts immer höherer Plastikmüllberge bei der Karlsruher Innovationsschmiede an, ob es nicht möglich wäre, ein Verfahren zu entwickeln, welches das „Flasche-zu-Flasche“-Recycling ermöglicht.

Krieg sagte zu, merkte aber bald: „Wir standen vor einer gigantischen Aufgabe, die uns manchmal schier unlösbar vorkam.“ Es waren nicht nur die Entwicklungskosten in Höhe von mehreren Millionen Euro, die das Familienunternehmen mit seinen rund 40 Mitarbeitern an die Leistungsgrenze brachte. „Es war wie ein Puzzlespiel“, erinnert sich Krieg. „Unsere Mitarbeiter haben zwölf Jahre durchgehalten. Das war eine große Leistung. Und sie haben am Ende gesehen: Das funktioniert ja wirklich.“ Vielleicht auch, weil in dem Betrieb, in dem Krieg nicht nur seine Familie, sondern auch ehemalige Studenten wie Fey und Bohleber um sich hat, noch immer ein Hauch von Gründercharme weht.

Würde das Team den Zukunftspreis erhalten, wollen die Nominierten die 250.000 Euro gleich in weitere Anwendungen investieren. Denn ihr System kann auch dunkle Kunststoffabfälle aus der Autoindustrie oder Elektroschrott sortieren. „Das Marktpotenzial ist groß“, weiß Krieg. Und: „Durch sortenreines Recycling lassen sich wertvolle Ressourcen effizient nutzen und gleichzeitig Müllberge vermeiden.“

dpa