Während der Patient einen berührungslosen Bodyscan über sich ergehen lässt, liest der Arzt bereits dessen Biodaten von der Chip-Card in den Computer ein: nicht nur die Blutgruppe und alle Vorerkrankungen erscheinen auf dem Bildschirm des Mediziners, sondern auch die Lebensgewohnheiten, genetischen Besonderheiten und individuellen Eigenheiten der Medikamentenaufnahme des Patienten. Aus dem Konvolut der Daten kann der Mediziner schließen, dass der Kranke nur auf eine bestimmte Therapie anspricht, eine andere hingegen ins Leere laufen wird.
Noch ist das Konzept der Individualisierten Medizin für Jedermann eine Vision. Sie soll aufgrund von passgenauen Therapien größere Behandlungserfolge garantieren und Fehlbehandlungen vermeiden – und könnte so Kosten im Gesundheitswesen zu sparen, sagen deren Befürworter. Sollte diese Vision Realität werden, könnte sie die Gesundheitsbranche von der Versorgung bis zu den Vergütungssystemen für medizinische Leistungen nachhaltig verändern.
Forscher aus Greifswald arbeiten seit einem Jahr in dem Forschungsprojekt Gani-Med (Greifswald Approach to Individualized Medicine), das genau diese Fragen beantworten soll. „Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch aufgrund einer Vielzahl von Eigenschaften einzigartig ist und deshalb einer individuellen Behandlung bedarf“, sagt Professor Heyo Kroemer, Dekan der Medizinischen Fakultät.
Kroemer ist Leiter des auf fünf Jahre angelegten Forschungsvorhabens, das Bund und Land bis 2014 mit rund 15,4 Millionen Euro fördern. Eingebunden in das Vorhaben sind alle fünf Fakultäten: von den Medizinern über die Wirtschaftswissenschaft bis zur Theologie. Denn die Suche nach individuellen Therapien berührt auch den ethischen Bereich – spätestens dann, wenn ein Arzt vor der Entscheidung steht, eine Therapie zu verweigern, weil sie nicht anschlagen wird.
Den Fokus legen die Wissenschaftler nicht wie bisher verbreitet auf Tumorerkrankungen, sondern erstmals auf die sogenannten Volkskrankheiten wie Schlaganfall, Diabetes oder Herzerkrankungen. Gerade sie gelten als Kostentreiber, weil sehr viele Menschen daran erkranken. Die Erforschung dieser Gebrechen ist an der Universität Greifswald und dem Klinikum seit Jahren Schwerpunktthema. Seit Mitte der 1990-er Jahr sammeln die Mediziner von Tausenden gesunden Probanden im Rahmen einer Studie individuelle Daten, um daraus Risikofaktoren zu erkennen und Präventionsansätze zur Vermeidung abzuleiten. Gani-Med soll – so der Ansatz des 50-köpfigen Forscherteams – nun das Pendant für das Krankenhaus werden.
Die ersten Vorab-Tests für die Gani-Med-Studie mit künftig 6200 Patienten sind inzwischen abgeschlossen. Untersuchungsmethoden wie die elektronische Anamnese wurden überprüft, Software für die Verarbeitung der Daten entwickelt. Wer in den nächsten Monaten als Patient mit einer von fünf Krankheiten (Schlaganfall, Fettleber, Herzerkrankungen, Diabetes, Nierenleiden) ins Klinikum eingewiesen wird, hat große Chancen, Teilnehmer dieser neuen Untersuchungsreihen zu werden.
Je nach Erkrankung werden zwischen 400 bis 2000 Patienten in die fünf Gruppen der Studie aufgenommen. Im Ergebnis sollen individuelle Biomarker der Gani-Med-Patienten untereinander und diese mit den Referenzdaten der früheren Studie verglichen werden. „Wir wollen erkennen, warum ein Patient auf eine bestimmte Therapie anspricht, ein anderer aber nicht“, sagt Kroemer.
Doch ist es auch ethisch vertretbar, all diese Daten, die auch eine kurze Lebenserwartung oder unheilbare Krankheit anzeigen können, zu erheben und zu speichern? „Der Einzelne muss sich darauf verlassen können, dass seine Privatheit immer noch gewährleistet ist“, sagt Martin Langanke von der Theologischen Fakultät. Ethiker und Theologen werden entsprechende Leitlinien erarbeiten.
Bisher hat jeder medizinische Fortschritt das Gesundheitssystem verteuert. Dass das so sei, liege nicht an den neuen Diagnose- oder Therapieverfahren, sondern an der zunehmenden Zahl der Patienten, die diese nutzten, sagt der Greifswalder Ökonomieprofessor Steffen Fleßa. Am Beispiel der Herzerkrankungen werden die Gesundheitsökonomen im Gani-Med-Projekt die Kosteneffekte der Individualisierten Medizin ermitteln. Zu Hypothesen, ob der Ansatz die Kosten senken wird, lassen sich die Forscher noch nicht bewegen. „Ehrlich, wir wissen es jetzt noch nicht“, sagt Kroemer. Eine erste Antwort werden die Gesundheitsökonomen am Ende des Projekts geben.
dpa/db





