Deutscher Wald

Winzige Käfer richten riesige Schäden an

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Roland Knauer

Eine Massenvermehrung von Borkenkäfern hat in den Fichtenwäldern Sachsens und im Nationalpark Bayerischer Wald flächendeckend die Fichten vernichtet. Während jedoch Experten in Sachsen den Baumbestand bedroht sehen, profitiert Bayern von der Invasion. Gegensätzlicher könnte die Invasion nicht beurteilt werden.

„In den Fichtenwäldern Sachsens verursachen die Borkenkäfer ein Baumsterben wie nie zuvor“, teilte das Landwirtschaftsministeriums des Freistaates vor wenigen Tagen mit. „Der Nationalpark Bayerischer Wald profitiert vom Borkenkäfer“, freut sich gleichzeitig im anderen deutschen Freistaat Forstwissenschaftler Jörg Müller von der Nationalparkverwaltung im bayerischen Grafenau.


Den scheinbaren Widerspruch klärt ein Blick auf das Leben der Forstschädlinge rasch auf. 154 Arten von Borkenkäfern gibt es in Europa, weltweit existieren etwa 5000 Arten. Fast alle knabbern am Holz diverser Gewächse. Auch von deutschen Laubbäumen ernähren sich viele, mit denen die Gehölze aber meist gut zurechtkommen. Der nur fünf Millimeter große Buchdrucker und der mit rund zwei Millimetern noch kleinere Kupferstecher dagegen stürzen sich meist auf Fichten und bereiten große Probleme. „In den Kammlagen des Bayerischen Waldes gab es Massenvermehrungen von Buchdruckern bereits vor 300 Jahren“, sagt Müller.


Die Weibchen bohren Gänge in eine Fichte und legen dort ihre Eier. Die Leibspeise der Larven ist die Bast genannte Schicht unter der Rinde, in der die Baumsäfte fließen. Gibt es viele Larven, schneiden sie dem Baum mit der Zeit die Lebensadern ab, er stirbt. Genau das ist auf den Hochlagen des Bayerischen Waldes in den 1990er-Jahren passiert. Die meisten Fichten dort oben sind längst Totholz.


Die Massenvermehrung der Borkenkäfer beginnt oft mit einem Unwetter. Wirft ein Orkan Teile des Waldes um oder schneit es im Frühjahr bei Temperaturen knapp über null Grad ausgiebig und die gewaltige Last des schweren nassen Schnees lässt etliche Fichten zusammenbrechen, ist der Tisch für Buchdrucker und Kupferstecher reich gedeckt. Bei einer gesunden Fichte haben einzelne Käfer dagegen keine Chance, weil das Gewächs sich mit klebrigem Harz gegen den Eindringling wehrt. Abgeknickte Bäume aber sind wehrlos.

Aus einer umgeworfenen Fichte können einige Zehntausend erwachsene Borkenkäfer gleichzeitig ausschwärmen. Einem solchen Ansturm aber ist auch ein gesunder Baum nicht gewachsen, weil er gar nicht so viel Harz produzieren kann, um alle Käfer abzuwehren, wie Jörg Müller von der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald erklärt. Jetzt vermehrt sich der Borkenkäfer auch in den gesunden Fichten und bringt sie zu Fall.

Zurück bleiben riesige Flächen mit toten Stämmen

Im Nationalpark stört das wenig. Ganz im Gegenteil, in den Mischwäldern in Höhen unter 1150 Metern gibt es ohnehin erheblich mehr Fichten, als natürlicherweise dort vorkämen. Jahrzehnte vor Gründung des Nationalparks haben Förster den schnell wachsenden Baum gepflanzt, um Geld zu verdienen. Fallen die Fichten dem Borkenkäfer zum Opfer, keimen Buchen an ihrer Stelle, und der Wald wird wieder ein wenig natürlicher. In den Hochlagen dagegen wuchs schon immer ein Wald, in dem die Fichte den Ton angibt. Nach einem Borkenkäferjahr bleiben dort riesige Flächen mit toten Stämmen zurück, nur wenige Fichten überleben diesen Massenbefall. Gerade auf solchen großen Freiflächen aber keimt die Fichte besonders gut aus, und Nachwuchs kommt schnell hoch. Nach einigen Jahren steht dort wieder ein Fichtenwald, und der Borkenkäfer wartet auf den nächsten Sturm. Genau solche natürlichen Entwicklungen aber sollen in einem Nationalpark stattfinden. Jörg Müller kann sich daher über den Borkenkäfer freuen.

Ganz anders sei die Situation in einem Wirtschaftswald, sagt Thomas Rother vom Sachsenforst in Pirna. Dort haben Förster seit vielen Jahrzehnten den natürlich wachsenden Mischwald durch Fichtenmonokulturen ersetzt. Als im Januar 2007 dann Winterorkan „Kyrill“ über Deutschland fegte, warf er besonders Fichten um, die mit ihren flachen Wurzeln weniger Halt finden als tief wurzelnde Laubbäume. „1,8 Millionen Kubikmeter Schadholz musste damals aus den Windbrüchen Sachsens geholt werden“, erinnert sich Rother. Das aber dauert seine Zeit, und im noch nicht geborgenen Holz vermehrt sich der Borkenkäfer.

Da Orkan „Kyrill“ in ganz Deutschland Wälder geknickt hat und erwachsene Borkenkäfer im Waldboden überwintern, melden ein Jahr später viele Bundesländer einen heftigen Käferbefall. Vor allem bei warmem Wetter und während der auch im Sommer 2008 durchaus vorhandenen Trockenphasen vermehren sich die Borkenkäfer kräftig. Im August ist bereits die zweite Käfergeneration unterwegs. Wer aufpasst, entdeckt die Holzmehlhäufchen, die bohrende Käfer auf den Boden fallen lassen. Jetzt heißt es handeln: Die Fichten müssen gefällt werden, bevor die Larven sich zu erwachsenen Käfern verpuppen. Die Stämme müssen zur Lagerung mindestens 500 Meter aus dem Wald herausgeschleppt werden. Weiter fliegen die Käfer nur selten. Entrindet man den Stamm, kann man mit der Rinde auch die Larven vernichten.

Befallenes Holz aber zeigt deutliche Fraßspuren und bringt daher oft deutlich weniger Geld. Und weil überall in Deutschland befallene Fichten gefällt werden, kann es schnell ein Überangebot geben, dann sinkt der Holzpreis. So verursacht der Borkenkäfer enorme wirtschaftliche Schäden. Obendrein kommen bei Massenvermehrungen die Forstarbeiter mit dem Fällen oft gar nicht hinterher. Es können Herde stehen bleiben, aus denen sich dann die nächste Massenvermehrung rekrutiert. Und die kommt bestimmt, weil die früheren Fichtenmonokulturen zwar in vielen Bundesländern langsam in Mischwälder umgebaut werden. Aber das dauert einige Jahrzehnte, in denen der Borkenkäfer reichlich Nahrung findet.