Repräsentative Studie

Jeder dritte Erwerbstätige hat psychische Probleme

Jeder fünfte Deutsche geht innerhalb eines Jahres wegen psychischer Probleme zum Arzt. Besonders angegriffen sind Beschäftigte mit befristeten Arbeitsverträgen, mit mehr als fünf Arbeitstagen pro Woche und mit einem Arbeitsweg von mehr als 30 Minuten. Psychische Beschwerden sind längst eine Volkskrankheit.

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Ein Drittel aller Erwerbstätigen klagt laut einer Gesundheitsstudie der Bertelsmann Stiftung über psychische Belastungen. Mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung suchten innerhalb eines Jahres wegen psychischer Probleme einen Arzt auf, ergab der Gesundheitsmonitor der Stiftung. Für die repräsentative Studie werden zweimal im Jahr bundesweit knapp 1.500 Menschen zu aktuellen Themen des Gesundheitswesens schriftlich befragt. Auch der BKK-Landesverband in NRW verweist auf psychische Störungen als häufige Ursache für Arbeitsausfall.

Der tragische Tod des Nationaltorwarts Robert Enke werfe erneut ein Schlaglicht auf die immer noch mit Tabu belegten psychischen Erkrankungen, erklärte die Stiftung. Dabei habe sich psychische Beschwerden längst zu einer Volkskrankheit entwickelt.

Die derzeit unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse verschärften die Situation, hieß es. So klagten 52 Prozent der Menschen in befristeten Arbeitsverhältnissen über psychische Belastungen. Allgemein erhöhten rein subjektiv empfundene Zukunftssorgen das Risiko für psychische Beschwerden.

Erwerbstätige, die mehr als fünf Tage die Woche arbeiteten (42 Prozent) oder täglich einen Arbeitsweg von mindestens 30 Minuten zu bewältigen hätten (38 Prozent), würden häufiger psychisch krank, hieß es. Ebenso könne das Betriebsklima die Psyche beeinträchtigen, etwa wenn der Entzug von Vergünstigungen (47 Prozent), Abmahnungen (52 Prozent) oder Kündigung (49 Prozent) im Falle von häufigerer oder längerer Krankschreibung zu erwarten sind.

Der BKK-Landesverband Nordrhein-Westfalen nannte psychische Störungen als vierhäufigste Diagnose für Arbeitsunfähigkeit in Nordrhein-Westfalen. Entgegen dem Trend rückläufiger Krankenstände hätten sich psychisch bedingte Arbeitsausfälle in den letzten 20 Jahren fast vervierfacht, Tendenz weiter steigend, teilte die NRW-Spitzenorganisation von Betriebskrankenkassen in Essen mit. Die beiden häufigsten Diagnosen seien Angststörungen und Depressionen.

Bei rund 20 Prozent aller weiblichen BKK-Versicherten und jedem zehnten männlichen Versicherten über 50 Jahre seien im vergangenen Jahr eine Depression diagnostiziert worden, hieß es weiter. Die Ursachen seien wachsender Leistungsdruck und steigende Anforderungen am Arbeitsplatz. Besonders betroffen seien Telefonisten, Helfer in der Krankenpflege und Tätigkeiten in der Sozialpflege. Sozialarbeiter wie krankenpflegerische Berufe fehlen nach Erkenntnissen der BKK wegen psychisch bedingter Erkrankungen doppelt so lange wie der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Arbeitslose weisen im Vergleich zu Arbeitnehmern fast viermal so viele psychisch verursachte Krankentage auf.

Psychische Erkrankungen im Arbeitsumfeld wiesen auch auf Führungsprobleme hin, erklärte Jan Böcken von der Bertelsmann-Stiftung. Viele Arbeitgeber hätten dies erkannt und böten dementsprechende Schulungsmaßnahmen für ihre Führungskräfte an.

Wichtig sei zudem, den Angestellten eine bessere Vereinbarkeit zwischen beruflichem und privatem Bereich zu ermöglichen. Nach den Zahlen des Gesundheitsmonitors liege das Risiko einer psychischen Beeinträchtigung beispielsweise bei Organisationsproblemen in der Kinderbetreuung doppelt so hoch.