Elias Nakhle betrachtet die Tomate in seiner Hand skeptisch, wiegt sie kritisch hin und her. Der Obsthändler prüft die Ware genau. Weich, rot und rund – kann sie seinen Ansprüchen genügen? Sie kann. Vorsichtig legt der großgewachsene 25-Jährige die Tomate zurück in die Gemüsekiste, die er anschließend in den nur dürftig gefüllten Einkaufswagen wuchtet. Der Mitarbeiter des Großhändlers GSM, der Elias Nakhle bei seiner Einkaufstour auf der firmeneigenen Verkaufsfläche im Großmarkt in der Beusselstraße begleitet, lächelt zufrieden. Allerdings nur für einen kurzen Moment, denn Salat und Gurke lässt sein Kunde konsequent auf den Paletten stehen – obwohl sie nicht aus Spanien stammen.

Doch Elias Nakhle ist das egal, denn seine Kunden haben ihm ganz klar signalisiert: „Salat und Gurke essen wir nicht.“

Der Einzelhandel in Berlin und Brandenburg bekommt die Auswirkungen der RKI-Warnung vor Salat, Tomaten und Gemüse in diesen Tagen direkt zu spüren. „Der Umsatz durch den Verkauf von Gemüse geht zurück“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Günter Päts. Davon betroffen seien nicht nur Supermärkte und Discounter, sondern auch kleine Gemüsehändler. „Noch ist der Umsatzrückgang nicht existenzbedrohend, wie es in Norddeutschland zum Teil der Fall ist“, sagt Päts.

Die Händler hätten schnell reagiert und Salate, Gurken und Tomaten aus Spanien und den Niederlanden aus dem Sortiment genommen. Die Verbraucher seien jedoch generell misstrauisch, so Päts, „sogar regionalen Produkten gegenüber.“ Die Kunden würden lieber verzichten, als das Risiko einer EHEC-Infektion in Kauf zu nehmen – sei es auch noch so klein. Täglich muss Elias Nakhle in seinem Gemüsegeschäft am Roseneck deshalb die Qualität seiner Ware verantworten. Nur: Garantieren kann er sie nicht, sondern lediglich auf die Bezugquelle verweisen.

Sensibilisierung ist das Stichwort der Stunde. So hat auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband die gastronomischen Betriebe dazu aufgefordert „Mitarbeiter in der Küche für die besondere Bedeutung einer einwandfreien Hygiene zu sensibilisieren und darauf hinzuwirken, die vom RKI empfohlenen Hygiene-Maßnahmen zum Schutz vor einer EHEC-Infektion zu beachten“. Servicemitarbeiter sollten zudem so informiert werden, dass sie Fragen von Gästen beantworten können. „Wichtiger denn je ist es, die Herkunft der Lebensmittel nachweisen zu können“, sagte Thomas Lengfelder vom Dehoga Berlin. Deshalb sollen sich die Restaurants von ihren Lieferanten die Bezugsquellen von Gurke, Salat und Tomaten nennen lassen.

Auch Einzelhändler Nakhles muss sich bei seinem Streifzug auf dem Berliner Großmarkt auf die Angaben des Großhändlers verlassen. „Ich bin aber ohne Sorge, dass alles seine Richtigkeit hat“, sagt er. So viel Vertrauen bringen an diesem Montagmorgen nicht mehr viele auf.

Der Obsthändler ist einer der wenigen Kunden an diesem Montagmorgen im Fruchthof. Im Bauch Berlins, wie der Großmarkt in Moabit liebevoll genannt wird, rumort es. 45 Großhändler bieten hier bis zu 50 verschiedene Obst- und Gemüsesorten zum Verkauf an. 220.000 Tonnen gehen davon pro Jahr über die Ladentheken. Von 2 bis 20 Uhr, an sechs Tagen die Woche. An diesem Montagmorgen flitzen um 6.30 Uhr Gabelstapler durch die Hallen des 85.000 Quadratmeter großen Areals, doch ihre beiden Greifarme sind meist leer. Mühelos winden sie sich durch die Gänge, nur eine handvoll Kunden versperrt ihnen den Weg. Im Fruchthof von Berlin ist die Atmosphäre gespannt. EHEC ist allgegenwärtig. Im kleinen Kiosk liegen Tageszeitungen aus. Ihre Titelseiten dokumentieren die neusten Entwicklungen. Nach Berlin sind Gurken aus Spanien geliefert worden, die mit dem EHEC-Keim infiziert sein könnten. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung Berlin ging am 12. Mai eine Lieferung von 676 Kilogramm kontaminierter spanischer Gurken an einen Betrieb im Bezirk Mitte. Im Zeitraum vom 13. bis 16. Mai sind von diesem Betrieb verschiedene Lebensmittelbetriebe in nahezu alle Bezirken sowie Betriebe in Brandenburg beliefert worden. Weitere Lieferungen möglicherweise mit EHEC-kontaminierten Gurken aus Spanien sind am 20. Mai über einen Zwischenhändler nach Berlin gekommen. Die Lieferungen gingen an Betriebe in Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Reinickendorf, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg.

Aufgrund der Lieferlisten, die den Vertrieb der Gurken dokumentieren, hat die Gesundheitsverwaltung Berlin bereits eine Rückrufaktion gestartet, die von den Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter überwacht wird. „Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Ware bereits verzehrt wurde“, sagte die Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, Regina Kneiding.

Noch steht nicht zweifelsfrei fest, ob die Infektionsquelle tatsächlich in Gemüse aus Spanien zu finden ist.

Unabhängig von diesen Warnmeldungen werden in Berlin in allen Bezirken Proben von Gurken, Tomaten und Salat genommen und im Landeslabor Berlin-Brandenburg auf mögliche Verschmutzungen mit dem EHEC-Erreger untersucht. Insgesamt sollen rund 180 Proben im Laufe der nächsten Tage untersucht werden. Erste Ergebnisse werden am Mittwoch erwartet.

Bis dahin versuchen sie sich im Fruchthof in der Beusselstraße in Galgenhumor.

„Gurken aus Spanien“, ruft ein Verkäufer; seine Kollegen lachen. Doch Einzelhändler Elias Nakhle hegt erste Zweifel. Ob er am Mittwoch wiederkommt, weiß er nicht: „Mal sehen, wie die Tomaten bei den Kunden ankommen.“ Eine Kiste mit Tomaten aus Holland nimmt er mit. Sonst kaufe er mindestens zwei, befürchtet nun aber, auf der Ware sitzen zu bleiben.

Sein Kaufverhalten ist typisch für die Händler an diesem Montagmorgen. „Normalerweise wären die Kisten um diese Uhrzeit schon alle weg“, sagt Hueseyin Akin und zeigt auf die 400 gestapelten Kisten mit Tomaten und Gurken aus Holland und der Türkei vor ihm. Zwischen drei und sieben Euro kostet eine Kiste, Palette an Palette stehen sie auf der Verkaufsfläche, zur Abnahme bereit. Es ist 6.45 Uhr; Akin hat nur wenige Dutzend der Kisten verkauft.

Gurken und Tomaten machten zehn Prozent seines Umsatzes aus – die könne er nun abschreiben, sagt Akin. Die Arme hat er trotzig vor der Brust verschränkt, der Betreiber des Familienunternehmens will sich nicht unterkriegen lassen. Erst vor ein paar Tagen musste er acht Tonnen Paprika vernichten – sie wiesen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf. Ein ähnliches Schicksal droht nun auch den Gurken und Tomaten. Zwei Tage bleiben Akin, um die übrig gebliebene Ware an die holländischen Händler zurückzuverkaufen oder für die Hälfte des Einkaufspreises auf Wochenmärkten anzubieten, dann ist das Gemüse nicht mehr frisch. Er will es versuchen, doch „ich habe wenig Hoffnung“. Er ist kein Einzelfall.

In Brandenburg sieht es nicht besser aus. Dort haben die ersten Bauern Gemüse auf den Müll werfen müssen. „Bei der Witterung und der laufenden Ernte kann das nicht mehr richtig gelagert werden“, sagt der Geschäftsführer des Gartenbauverbands Brandenburg, Andreas Jende. Lange Lagerung koste die Brandenburger Landwirte, die ihr Gemüse zu 80 Prozent nach Berlin liefern, zusätzliches Geld. Nicht nur Bestellungen von Gurke, Salat und Tomaten aus Brandenburg werden storniert. „Auch Mairüben und Radieschen werden weniger bestellt“, sagt Jende. „Wir hoffen immer noch, dass die Erregerquelle möglichst schnell identifiziert wird, damit unsere Bauern kein weiteres Gemüse wegwerfen müssen.“

Bestellte Ware bleibt liegen

Anspannung und Ungewissheit sind auch im Fruchthof in der Beusselstraße deutlich zu spüren. „Langsam werde ich wirklich nervös“, sagt Vedat Arukaslan. Das rosa Hemd hängt lässig aus der schwarzen Stoffhose, aus dem weit geöffneten Kragen quillt schwarzes Brusthaar – für den 47-Jährigen steht viel auf dem Spiel. Ihm gehört die Sunfrucht GmbH. Seit 16 Jahren betreibt er auf dem Großmarkt in der Beusselstraße einen Verkaufsstand, hat schon verschiedene Lebensmittelkrisen durchgestanden. „Doch die EHEC-Krise ist anders“, sagt er. Tomaten aus Holland und der Türkei stapeln sich auf seinem Verkaufsareal gleich neben den belgischen Gurken – bestellte Ware, die nun keinen Abnehmer mehr findet.

Die Angst der Verbraucher vor dem Darmvirus hatte in der letzten Woche schon zu beträchtlichen Umsatzeinbußen geführt, am Montag verkauften sich Tomate und Gurken fast gar nicht mehr. Allein diese beiden Gemüsesorten machen nach eigenen Angaben gut 20 Prozent der Einnahmen aus. Doch auch andere Obst- und Gemüsesorten fanden keine Abnehmer: „Die Menschen haben Angst, dass der Erreger auch auf andere Obst- und Gemüsesorten übergegangen ist.“ Gabelstapler schaffen kistenweise Pfirsiche, Kirschen und Erdbeeren auf die Verkaufsfläche. An ihnen kleben Schilder, die auf den Verkauf der Ware hinweisen. Das macht Mut, denn Obst verkauft sich gut. Noch.

Ein paar Meter weiter stehen vier Mitarbeiter vor dem Kassentresen von „Früchte Franz“. Es ist kurz nach 7 Uhr und ruhig. Vor EHEC waren um diese Zeit schon 20 Kunden hier, am Montag sind es zwei. Auslieferungen fallen aus, Bestellungen werden zurückgezogen. Zum Wochenstart hat die EHEC-Krise den Großhandel komplett im Griff. „Die nächsten Tage wird es bitter“, sagt Thomas Franz. Der 47-Jährige leitet das Familienunternehmen in dritter Generation. Großvater Alfred gründete das Unternehmen 1949. Seit 1964 hat die Firma einen Stand im Fruchthof. Zum Kundenkreis gehört neben Kindertagsstätten und Krankenhäusern auch das KaDeWe. Alle muss Thomas Franz beruhigen. Seine Firma ist zertifiziert, hält nachweislich Lebensmittelstandards und Hygienevorschriften ein. 1000 Euro kostet das im Monat. Doch seit EHEC sind einfache Worte gefragt – noch mehr als Urkunden und Zertifikate: „Wir machen den Leuten klar, dass wir keine spanischen Gurken vertreiben.“