Gefährliches Bakterium

Neues Mittel hilft offenbar gegen EHEC-Infektion

Ärzte setzen auf den neuen Wirkstoff Eculizumab, um bei der schweren Komplikation von EHEC – dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) – das Nierenversagen zu verhindern. In Hannover gab es erste Erfolge. Eile ist angesagt, denn die Zahl der Todesopfer ist auf zwölf gestiegen.

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Bei der Behandlung von Patienten, die sich mit dem aggressiven Darmbakterium EHEC infiziert haben, gibt es erste Erfolge mit einem Antikörper. Das neuartige Medikament Eculizumab werde nur bei Patienten mit schwerem EHEC-Verlauf eingesetzt, erläuterte Prof. Hermann Haller, Direktor der MHH-Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, am Montag in Hannover. Es sei bereits ein Erfolg der am vergangenen Mittwoch begonnenen Therapie sichtbar. „Es nützt etwas, allerdings ist es kein Wundermittel“, betonte der Arzt.

Der neue Wirkstoff Eculizumab wird bei einer schweren Komplikation von EHEC – dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) – eingesetzt. Dieser Antikörper hatte 2010 bei drei EHEC-infizierten Kindern die HUS-Symptome drastisch gebessert. So bekommen schwerkranke HUS-Patienten die neue Behandlung in den Unikliniken Hamburg, Hannover und Schleswig-Holstein. Die Mediziner hoffen, dass Eculizumab gegen das akute Nierenversagen bei HUS wirken könnte.

Eculizumab ist seit 2007 zugelassen. Es handelt sich um einen Antikörper, der in die zerstörerischen Immunreaktionen eingreift, die sich nach einer EHEC-Infektion abspielen. Eculizumab bindet sich an ein Protein, das unter anderem zur Zerstörung von Blutzellen führt. Schon vor zwei Jahren hatten US-Mediziner über ähnliche Behandlungserfolge bei Kindern mit dieser Form des HUS berichtet.

Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris stellen im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ die erfolgreiche Behandlung von drei Kindern im Alter von drei Jahren mit diesem Antikörper vor. Die Kinder waren im vergangenen Jahr nach EHEC-Infektionen an HUS erkrankt. Sie litten an Nierenversagen sowie an schweren Störungen des Nervensystems.

Innerhalb von 24 Stunden nach der ersten Infusion, die im Abstand von sieben Tagen zwei- bis viermal wiederholt wurde, habe sich der Zustand der Kinder deutlich verbessert, berichten die Mediziner in der Zeitschrift. „Alle drei Kinder erholten sich und zeigten auch sechs Monate nach der Erkrankung keine Folgeschäden“, teilte die Uniklinik Heidelberg mit. Die Wissenschaftler halten es für unwahrscheinlich, dass sich alle drei Kinder spontan von selbst erholt haben. Eculizumab war dem Fachbericht zufolge auch zur Behandlung einer seltenen Blutkrankheit sowie einer seltenen angeborenen Form von HUS eingesetzt worden.

„Wir hoffen, dass diese Ergebnisse den akut Erkrankten zu Gute kommen“, sagte der Heidelberger Studienautor Prof. Franz Schaefer. Er geht davon aus, dass auch Erwachsene von einer Therapie mit dem Antikörper profitieren könnten.

Womöglich schlägt der Wirkstoff Eculizumab tatsächlich an. Für Montag ludt die MHH zu einer Pressekonferenz zu der neuen Therapie-Möglichkeit ein, an der auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) teilnimmt.

Im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) bekommen mehrere EHEC-Infizierte mit Komplikationen die Antikörpertherapie, sagte der Nierenspezialist Prof. Rolf Stahl. Seit Freitagabend werde das Mittel bei schwerstkranken Patienten mit Störungen des zentralen Nervensystems eingesetzt. UKE-Ärzte hatten das Mittel bereits vor einigen Monaten bei einem atypischen, nicht durch EHEC-Erreger hervorgerufenen HUS-Fall angewendet.

Ärzte glauben an Beherrschbarkeit

Derweil ist die Zahl der EHEC-Toten am Wochenende auf zwölf gestiegen. Zehn Opfer stammten aus Norddeutschland, eins aus dem westfälischen Paderborn, eins aus Mecklenburg-Vorpommern. Viele Patienten liegen in äußerst kritischem Zustand auf der Intensivstation. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) bekräftigte am Sonntag die Warnung vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Salat. „Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand“, sagte Aigner der „Bild am Sonntag“.

Trotz der zunehmenden Erkrankungen durch den gefährlichen Durchfallerrger EHEC hält die Bundesärztekammer die Situation für beherrschbar. „Hier geht es zwar um einen potenziell lebensgefährlichen Erreger, doch ich warne vor Panikmache“, sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery der „Passauer neuen Presse“ (Montagausgabe) laut Vorabbericht. „Jeder kann sich schützen, indem er sich streng an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hält, häufig die Hände wäscht und vorübergehend auf bestimmtes Gemüse verzichtet.“

In einer Emnid-Umfrage für das Blatt gaben 58 Prozent der Befragten an, derzeit auf ungekochte Gurken, Tomaten und Salat zu verzichten. Die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) lässt unterdessen das Gemüse seiner Mitglieder im Labor untersuchen. Bislang seien dabei keine EHEC-Bakterien gefunden worden, berichtete der Verband in Bonn.

Spitzentreffen am Montag

Bundesregierung, Länder und Behörden wollen die Ausbreitung des Darmkeims an diesem Montag in einem Spitzentreffen in Berlin beraten.

Der Höhepunkt der EHEC-Welle ist offensichtlich noch nicht erreicht. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt“, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums. Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) erwartet eine weitere Zunahme. Zwischen einer Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit könnten bis zu zehn Tage liegen, betonte er.

Nach Angaben der EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC in Kopenhagen handelt sich um einen der weltweit schwersten Ausbrüche solcher EHEC-Varianten, die HUS auslösen können – und um den bislang größten beobachteten Ausbruch in Deutschland. Unmittelbare Gefahren für andere europäische Länder sieht die Behörde jedoch derzeit nicht.

„Die Lage ist ausgesprochen ernst“, sagte Prof. Jörg Debatin, Vorstandschef des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). „Wir werden weitere Menschen verlieren.“ Von den rund 80 Patienten liegen 4 Kinder und 14 Erwachsene auf der Intensivstation. Insgesamt haben 30 HUS-Erkrankte keine Nierenfunktion mehr, wie Debatin berichtete.

Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1200 bestätigte und EHEC-Verdachtsfälle registriert, in Hamburg bis Samstag 467. Von den zehn Toten in Deutschland sind neun Frauen. Bislang stammen alle Opfer aus Norddeutschland: vier aus Schleswig-Holstein, drei aus Niedersachsen, zwei aus Hamburg und eines aus Bremen.