Neue Studie

Warum fiese Psycho-Chefs weiterkommen

Bösartige Beleidigungen, tägliche Beschimpfungen, gefährliche Ignoranz: Tyrannische Vorgesetzte, die ihren Mitarbeiter das Leben zur Hölle machen, schaden dem Unternehmen. Dennoch werden sie oft befördert. Unter deutschen Managern gibt es besonders viele Widerlinge. Das zeigt eine Vergleichsstudie.

Bisher lief alles bestens. Das Team arbeitete gut zusammen. Probleme wurden offen angesprochen und wenn eine schwierige Aufgabe gemeistert war, wurde gemeinsam gefeiert. Doch dann kam ein neuer Boss. Statt Wertschätzung und Unterstützung gab es abfällige Kritik. Das Arbeitsklima wurde immer eisiger. Als dann die nächste Umstrukturierungswelle kam, mussten die besten Mitarbeiter gehen. Der verhasste Chef blieb und machte zu allem Überfluss auch noch Karriere.

Kein Einzelfall wie eine Studie an der australischen Bond University zeigt. In ihrer Online-Umfrage hatten die Forscher Anthony Don Erickson, Ben Shaw und Zha Agabe nach Erfahrungen mit schlechten Chefs gefragt. Von den 240 Teilnehmern gaben 64 Prozent an, dass ihren Bossen trotz ihrem miesen Auftreten nichts passierte oder sie sogar noch befördert wurden. Für Robert I. Sutton, Professor an der Stanford University, ein eindeutiger Fall: „Die Unternehmen haben keine Anti-Arschloch-Regeln. Man könnte sie auch Mistkerle, Tyrannen, Despoten oder enthemmte Egomanen schimpfen“, schreibt er in seinem Buch „Der Arschloch-Faktor“. Aber der Ausdruck bringe für ihn einfach am besten die Verachtung für diesen niederträchtigen Menschenschlag auf den Punkt.

Widerlinge, die ihre Mitarbeiter oder Kollegen mit persönlichen Beleidigungen erniedrigen, auf ihre Kosten sarkastische Witze reißen oder sie einfach wie Luft behandeln, verursachen einen enormen wirtschaftlichen Schaden, warnt der Managementprofessor. Denn die Folgen solch unsozialen Verhaltens sind ein häufigerer Personalwechsel, ein höherer Krankenstand sowie eine geringere Loyalität und Leistungsfähigkeit. Erfolgreiche Unternehmen hätten daher oftmals eine Null-Toleranz-Politik gegenüber respektlosen Mitarbeitern. So wurde bei Southwest Airlines ein Bewerber um eine Pilotenstelle umgehend wieder nach Hause geschickt, nachdem er sich gegenüber einer Empfangsdame unfreundlich verhalten hatte.

Deutsche Manager auf den letzten Plätzen

Auch wenn das Phänomen der miesen Bosse weltweit verbreitet ist, scheinen deutsche Manager besonders gefährdet. Im internationalen Vergleich landen sie bei der Förderung und Belohnung von fairem, großzügigem und fürsorglichem Verhalten – auf einem der letzten Plätze. Das ergab die weltweite Studie GLOBE (Global Leadership and Organizational Behavior Effectivness).

„Das Besorgniserregende dabei ist, dass deutsche Managern das zwar so wahrnehmen, sie aber von guten Führungskräften auch keine besonders hohe Humanorientierung erwarten“, erklärt der Münchner Psychologieprofessor Felix C. Brodbeck, der an der Studie mitarbeitete. „Wir tolerieren offenbar, wenn sich Vorgesetzte wenig empathisch und sozial inkompetent verhalten.“

In fast allen anderen Ländern sei das Gegenteil der Fall. Das Problem beginnt häufig schon bei der Personalauswahl. „Oft wird bei der Einstellung zu wenig auf die persönlichen Faktoren geachtet“, sagt Christoph Aldering, Mitglied der Geschäftsleitung der Kienbaum Management Consultants GmbH. Dabei fallen die Unternehmen vor allem auf narzisstische Persönlichkeiten herein.

Narzissten sind unberechenbar

„Die sind ehrgeizig, fachlich kompetent und vor allem von sich selbst überzeugt“, weiß die Münchner Psychologin Madeleine Leitner. Nur beim menschlichen Umgang hapere es. Narzissten seien ständig auf der Suche nach Bewunderung und hätten gleichzeitig eine enorme Angst vor Kränkung. Das mache sie oftmals unberechenbar.

Dass es schwierig sei, Widerlinge zu erkennen, bestätigen Paul Babiak und Professor Robert D. Hare in ihrem Buch „Menschenschinder oder Manager“. Psychopathen seien „soziale Chamäleons“, denen es gelänge, ihre Opfer äußerst geschickt zu manipulieren. Detailliert beschreiben die beiden Psychologen, wie es ihnen gelingt, arglose Vorgesetzte und Mitarbeiter um den Finger zu wickeln. Wer daher nicht versteht, wie ein „psychopathischer Chef“ tickt, sitzt in der Falle, lautet die Diagnose der Autoren.

Wie sich der genervte Untergebene gegen die Schikanen von oben wehrt, beschreibt Susanne Reinker in ihrem Buch „Rache am Chef“. Satirisch nimmt die Autorin die Verhaltensweisen der Katastrophenchefs und die fantasievollen Nadelstiche ihrer Opfer aufs Korn. Große Hoffnungen auf Veränderungen hat sie jedoch nicht. Ihr unbefriedigendes Fazit: „Es scheint unter den Bossen eine Art stillschweigende Übereinkunft zu geben, sich lieber mit den Folgen als mit den Ursachen von Mitarbeiterfrust zu befassen.“