Umwelt

Das ewige Rätsel um die Wanderungen der Tiere

Milliarden Zugvögel ziehen derzeit in den Süden. Unsere Breiten haben zu wenig Futter für sie. Aber auch Wale, Libellen, Schmetterlinge und Meeresschildkröten ziehen um die Welt. Sie stellen immer neue Streckenrekorde auf. Warum sie ständig umherziehen, ist Forschern allerdings noch ziemlich unklar.

Foto: picture-alliance / dpa / pa/dpa

Nass tropft es von oben. Nass weht es von der Seite. Nass zieht es die Hosenbeine hoch. Der Herbst kann in Brandenburg ekelhaft sein. Aber er stört nicht weiter. Denn von oben krächzt und schreit es. Linie um Linie, in strenger V-Formation, fliegen dort Tausende von Kranichen. Ins Rhin-Havelluch, ihren Sammelplatz, keine Autostunde von Berlin Richtung Nordwest.

Der Kranichzug ist in Norddeutschland zweimal im Jahr ein Spektakel. Bis zu 80.000 Kraniche landen mit lautem „Gru-Gru“ in der Nähe der Teiche und Seen. Stehen zusammen mit Tausenden von Gänsen und anderen Zugvögeln auf den Äckern. Fressen liegen gebliebene Körner und Gras. Alle zur gleichen Zeit, wie bestellt, wie programmiert. Nach einigen Wochen des Sattfressens geht es weiter. Dabei sind Kraniche noch relativ faule Flieger. Denn sie fliegen im Herbst von Skandinavien nur bis Spanien.

Viele Vögel der Nordhalbkugel legen ganz andere Strecken zurück. Wat-, Wasser- oder Singvögel etwa. Rund 215 Vogelarten ziehen nach der Brutsaison im Spätsommer bis nach Nordafrika, manche sogar weiter über die Sahara hinweg und bis in den Süden des Kontinents. Das Gleiche machen Vögel jenseits des Atlantiks, die von Nordamerika bis Südamerika ziehen. Aus Nordasien ziehen Schwärme sogar bis nach Australien.

Meist treibt die Suche nach Futter Kranich oder Pfuhlschnepfe, Wüstenbussard oder Rauchschwalbe zu den kräftezehrenden Flügen um den Globus: Insekten- und Amphibienfresser werden im kalten Winter im hohen Norden und auch in Deutschland nicht satt. Sie müssen ihrer Nahrung hinterherfliegen. In heißen Landstrichen, etwa in Afrika, kommt der Durst als Triebkraft hinzu. Hier ziehen nicht nur Vögel, sondern auch Millionen von Säugetieren im Jahresrhythmus von A nach B und wieder zurück. Gnus und andere Antilopen, Zebras und Elefanten, die aus der Serengeti in Tansania nach Südkenia ziehen, wenn es in Steppe und Savanne zu trocken wird.

Auch andere Tiere ziehen mit den Vegetationszyklen von Nord nach Süd (und auf der Südhalbkugel spiegelbildlich von Süd nach Nord): Säugetiere wie Wale oder Karibus, Insekten wie Monarchfalter oder Libellen, Fische wie Haie, Sardinen oder Aale. Sogar Schlangen und Wasserschildkröten führen ein Leben in Wanderschaft. Aber nicht immer ist das fehlende Futter die Ursache.

Welche Tiere ziehen und warum, ist für Forscher noch längst nicht klar. Erst vor zwei Jahren berichtete Kristin Rasmussen vom Cascadia Research Collective im Fachblatt „Biology Letters“ über eine aufwendige Buckelwalstudie. Ihr Team hatte Tiere aus den Südmeeren markiert und konnte zeigen, dass diese Wale tatsächlich im Winter in wärmere Gewässer ziehen. Manche dieser 13 Meter langen Bartenwale schwimmen über 8000 Kilometer weit. „Im Winter waren immer wieder Buckelwale vor der Küste Ecuadors und sogar Panamas gesichtet worden“, erklärt Rasmussen. „Aber zum ersten Mal konnten wir diese Tiere den Wanderbewegungen zuordnen.“

Dass Wale wandern, hängt offenbar mit der Wassertemperatur zusammen. Daniel Palacios, ein Ozeanograf der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA, konnte zeigen, dass die Wale es offenbar nicht allzu warm mögen: Sie schwimmen nur dann nach Norden, wenn die Wassertemperatur am Äquator durch die Meeresströmungen aus den Nord- und Südmeeren vergleichsweise kühl ist. Hier, in den wärmeren, dafür aber nahrungsärmeren Gewässern, paaren sich die Wale oder gebären ihre Jungen.

Andere Tierarten wandern, um ihre Körper zu pflegen. Belugawale etwa nutzen ihre Paarungstreffen in Fjorden, Buchten und Flussmündungen, um sich zu häuten. Im flachen Wasser schrubben sie sich an den Steinen des Bodens alte Hautschichten ab. Dadurch werden sie Hautparasiten und -bewuchs los.

Seeschlangen wie die Nattern-Plattschwänze hingegen müssen sich häuten, um zu wachsen. Da das im offenen Wasser schwierig und gefährlich ist, kommen die Schlangen regelmäßig an Land und streifen hier ihre Haut ab. Auch Vögel müssen zur Körperpflege Strecke zurücklegen – sie fliegen auf Mauserzüge. Brandgänse etwa verlieren in der Mauser alle Schwungfedern zugleich. Fliegen – und damit auch Wegfliegen – ist ihnen dann unmöglich. Deshalb suchen sie zur Mauser Gebiete auf, in denen sie besonders gut vor Feinden geschützt sind. Eines dieser Mauserrefugien ist die Vogelschutzinsel Trischen, die knapp 15 Kilometer vor der Dithmarscher Nordseeküste liegt.

Gemeinsamkeiten von Insekten und Vögeln

Insekten hingegen ziehen meistens zur Fortpflanzung oder zum Überwintern fort. Martin Wikelski, heute Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen, leitete 2006, als er an der Princeton Universität noch den Insektenzug erforschte, eine bahnbrechende Studie an Königslibellen. In manchen Jahren fliegen die großen, grünen Insekten zu Millionen über die Ostküstenstaaten der USA. 1992 etwa wurden am Cape May Point innerhalb von gut einer Stunde rund 400.000 Insekten gezählt.

Wikelski und sein Team konnten damals zeigen, dass sich die Insekten in ähnlichen Mustern bewegen wie Zugvögel. „Die Libellen zeigten die gleichen Rast- und Wanderzeiten wie die Vögel“, schrieb Wikelski in „Biology Letters“. Bei Wind machen Vögel und Libellen gerne eine Pause, um nicht vom Kurs abzukommen. Außerdem ziehen sie nur weiter, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Nächten die Temperaturen gefallen sind, ein sicheres Signal für das Eintreffen kalter Nordwinde. „Da wir auch noch einige andere Gemeinsamkeiten zwischen Insekten und Vögel gesehen haben, fragen wir uns natürlich, wie weit zurück in die Geschichte der Evolution wohl die gemeinsamen Regeln für Tierzüge reichen.“

Ein Rätsel der Königslibellen ist aber nach wie ungelöst: Sie fliegen entlang von Gebirgen oder Flüssen von New Jersey über 700 Kilometer in den Süden. Hier legen sie ihre Eier und sterben. Wie die nächste Generation den Rückflug in den Norden überhaupt findet, wissen nur sie selbst. Möglicherweise haben sie eine innere Uhr und einen inneren Kompass, die sie zur Reise in die richtige Richtung drängen.

Vögel scheinen ihren Flug nicht nur an Landmarken, sondern auch an Sternen, Sonne und Erdmagnetfeld zu orientieren (siehe Kasten). Von nordamerikanischen und europäischen Kranichen ist zudem bekannt, dass sie ihren inneren Kompass an die nächste Generation nicht nur vererben. Vielmehr fliegen die Jungvögel meistens ein- oder sogar zweimal die Strecke mit den Altvögeln gemeinsam – echtes „learning by doing“.

Wohl am kompliziertesten sind die Wanderflüge der Monarchfalter: Sie fliegen im Herbst aus dem Norden der USA Richtung Kalifornien und Mexiko. Pro Tag schaffen sie, in ihrem taumelnden Flug ständig abgelenkt von Blüten und Nektar, rund 130 Kilometer. Angekommen in ihrem Winterquartier, sammeln sich hundert Millionen Falter in den Bäumen – so viele, dass sich die Äste biegen.

Hier fallen die Falter in Winterstarre. Anfang März ziehen sie wieder los, paaren sich und fliegen nordwärts. Aber kein Falter schafft den ganzen Weg bis zur kanadischen Grenze allein, jeder legt nur einen Teil der Strecke zurück. Dann paart er sich, legt Eier und stirbt. Die nächste Generation muss den Flug fortsetzen.

Gene schalten den Wanderdrang an

Mittlerweile haben Forscher um den Neurobiologen Steven Reppert vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge Gene gefunden, die bei verschiedenen Generationen der Falter aktiv sind. Offenbar steuern sie das Wanderverhalten der verschiedenen Generationen. „Damit haben wir die Migrations-Uhr dieser Falter gefunden“, erklärt Reppert.

Adriana Briscoe von der Universität von Kalifornien in Irvine, die mit Reppert zusammenarbeitet, fand heraus, dass diese Wandergene wichtig für das Farbensehen der Falter sind. Setzt sich das Licht im Wandel der Jahreszeiten aus genau den Wellenlängen zusammen, für die die spezielle Faltergeneration wegen ihrer Gene besonders sensibel ist, aktiviert dies das Wanderprogramm in ihnen.

In der Luft orientieren sich Vögel und Insekten an Landmarken und nutzen Windströmungen an Gebirgszügen oder Küsten aus, um möglichst energiesparend Strecke zurückzulegen. Auch landwandernde Tiere wie Karibus oder Mongoleigazellen wählen den leichtesten Weg über Land.

Im Meer hingegen scheint jeder Weg, der nicht gerade durch das Gebiet des Fressfeindes führt, ein leichter zu sein. Doch auch hier gibt es Meeresstraßen, die von den verschiedensten Tierarten genutzt werden. Sie orientieren sich oft an den großen Meeresströmungen – auch hier zählt das Prinzip des Energiesparens.

Deshalb nutzen Meeresschildkröten, Aale und viele andere den Golfstrom, um aus der Karibik nach Europa zu schwimmen.

Den gesamten Globus überziehen Straßen: Meeresstraßen, Landstraßen und schließlich Flugstraßen – Highways und Flyways –, sodass sich alljährlich ein Spektakel wiederholt wie im verregneten Rhin-Havelluch bei Berlin.