Zoologie

Die weisen Totenvögel – weshalb Raben faszinieren

Wenn die Tage grau werden, rücken die schwarzen Vögel ins Blickfeld: Raben und Krähen, die von den Wissenschaftlern corvus genannt werden und von denen es allein 42 Unterarten gibt. Nur wenige Tiere werden von den Menschen mit so vielen Mythen verbunden wie Raben. Und kaum ein Tier ist so intelligent.

Foto: ZB / dpa

Am Anfang war sie ein Rabe. Lange bevor sich die griechische Göttin Athene die Eule zum Lieblingstier erkor, erschien sie den Menschen in Rabengestalt. Als „Koronis“, die Rabenkrähe, schützte sie das thessalische Krähen-Orakel und die Stadt Athen. Nicht nur die Göttin der Weisheit war gut von Rabenvögeln beraten, auch der Germanengott Wotan ließ sich von den klugen Kolkraben „Hugin“ und „Munin“ über das Treiben der Menschen berichten.


Indianerclans beriefen sich auf den Raben als Ahnherrn und huldigten ihm als Totemtier. Auch das altbabylonische Gilgamesch-Epos schildert den schwarzen Vogel. Doch seine Bedeutung in den heidnischen Kulturen trug ihm das Misstrauen der Christen ein. Seit dem Mittelalter gilt der Rabe als Totenvogel. Er befreite die Stadt- und Burggräben von den Kadavern geschlachteter Tiere und machte sich über die Leichen der Gehenkten und Gefallenen her.


Dieses Denken hat Spuren bis in unsere Zeit hinterlassen. Wenn sich im Herbst ganze Krähenschwärme auf den Feldern niederlassen, kommt manchem das Gruseln. Alfred Hitchcocks Spielfilm „Die Vögel“ und Wilhelm Buschs Bildgeschichte über die boshafte Rabenkrähe Hans Huckebein spielen mit den Ressentiments der christlichen Zivilisation.


Vergessen schien lange, was im Altertum bekannt war und Verhaltensforscher wie der Deutsch-Amerikaner Bernd Heinrich und der Münchner Josef H. Reichholf erst mühsam wieder entdecken mussten: die Intelligenz der Rabenvögel. Von allen Vögeln haben sie das größte Gehirn im Verhältnis zu ihrer Körpergröße. Rabenvögel, zu denen außer den Kolkraben und Krähen auch Dohlen, Elstern und Häher gehören, können „lügen“ und abstrakte Zusammenhänge erfassen.


Mehr und mehr siedeln sie sich in der Stadt an. Hier gibt es für die vielseitigen Futterverwerter nicht nur Lebensmittelabfälle als leicht zugängliche Nahrungsquelle. Hier sind sie auch sicher vor den Nachstellungen der Jäger, die um ihre Fasanen und Rebhühner fürchten. Seit 1979 sind die Krähen als – wenngleich heisere – Singvögel offiziell geschützt, allerdings gibt es Ausnahmeregelungen.


Die biologische Systematik der Rabenvögel ist für Laien verwirrend. Der Dichter Eugen Roth brachte das auf eine poetische Formel: „Oft meint man einen richtigen Raben unzweifelbar vor sich zu haben, und sieht dann doch, aus größrer Nähe, dass es nur eine Raben-Krähe. Die Schwierigkeit wächst ganz erheblich im Herbst besonders, wenn es neblich, ob’s nicht – es ähneln sich die zwei - gar eine Nebelkrähe sei."


Tatsächlich: Nicht alle Krähen, die jetzt durch den Nebel wandern, sind Nebelkrähen. Die grau-schwarz gefiederte Nebelkrähe hat ihr Revier eher im östlichen Mitteleuropa. Im Westen sind die buchstäblich kohlrabenschwarzen Rabenkrähen zu Hause. Beide zählen als Unterarten zur Spezies der „Aaskrähe“ (Corvus corone). Obwohl sie sich unübersehbar unterscheiden, mischen sich die in Einzelpaaren brütenden Vögel untereinander in einem Landstreifen, der von der Ostsee bis zum Mittelmeer reicht.


Eher lassen sich Raben- und Saatkrähe verwechseln. Denn auch die Saatkrähe (Corvus frugilegus) ist schwarz, bis auf die weiß-grindige Schnabelwurzel. Sie hat eine steilere Stirn als die Rabenkrähe, eine Denker-Silhouette, die sie unverwechselbar macht. Saatkrähen bevorzugen pflanzliche Kost, vor allem Maiskeimlinge – zum Ärger der Bauern. Doch sie befreien Felder und Gärten auch von Engerlingen, Raupen und Schnecken.


Sie sind es, die jetzt in Scharen aus dem Osten kommen, um auf den Feldern zu überwintern – bis zum Frühjahr, dann verschwinden sie wieder in ihre Brutgebiete.