Zwar ist schon länger aufgefallen, dass Zwillinge, die aus einer Eizelle hervorgegangen sind, nicht immer gleich anfällig gegenüber Krankheiten sind, aber aufregend schien das nicht zu sein. Warum sollten nicht "epigenetische" Phänomene eine Rolle spielen, so wurde gefragt, wobei mit dem Wort ursprünglich alles gemeint war, was zur Entwicklung beitrug, nachdem die Gene ihre Schuldigkeit getan hatten. Inzwischen nimmt die Epigenetik derart zu, dass sich die Bedeutung des Wortes gewandelt hat und sogar Einflüsse erfasst, die vererbt werden, allerdings nicht in Form von DNA-Sequenzen. Also einfach nur die übliche Genetik ohne die neue Vorsilbe.

Eben diese Epigenetiker haben jetzt gefragt, was denn bitte schön mit den Zwillingen ist, die ungleich krank werden?

Die Erklärung suchten die Epigenetiker in den chemischen Anhängseln der DNA, der sogenannten Methylierung von Erbgutmolekülen. Tatsächlich zeigte dieser Blick, dass Zwillinge ihre genetische Identität im Laufe des Lebens verlieren. Während die Muster der Markierung bei jüngeren Zwillingen noch stark übereinstimmen, weichen sie im Alter deutlich ab.

War dies schon eine Überraschung, so kam der Schock mit der nächsten Entdeckung. Bei der Untersuchung von Erwachsenen ohne jede Verwandtschaft stellte sich nämlich heraus, dass deren Muster - umgekehrt wie bei den Zwillingen - unverändert bleiben. Es gilt also genau das Gegenteil von dem, was man erwartet hat. Identische Genome ändern sich, individuell verschiedene Genome bleiben sich gleich.

Wenn man beide Einsichten zusammennimmt - was gleich ist, wird anders, und was anders ist, bleibt gleich - und auf einen Nenner bringt, zeigt sich, dass die Natur konsequent das Anderssein anstrebt. Sie erzeugt Unterschiede (epigenetisch), wenn sie nicht da sind, und bewahrt sie, wenn es sie (genetisch) gibt.

Vielleicht sind eineiige Zwillingen zunächst wirklich genetisch identisch. Sie bleiben es aber nicht. Sie werden, was wir alle sind - anders und einmalig. Schön zu wissen.