Die nordrhein-westfälischen Lebensmittelbehörden haben drei Chargen Zimtsterne aus den Verkaufsregalen genommen. Das teilte Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) mit. Bei den Produkten handele es sich um Ware des Traditionsunternehmens Conrad Schulte aus dem ostwestfälischen Rietberg. Das Unternehmen habe zugesagt, künftig nur noch cumarinarme Zimtsterne herzustellen.
Weil im Zimt hohe Werte des Naturstoffs Cumarin gefunden wurden, stellen die Produzenten ihre Rezepturen um. Das kündigt Klaus Reingen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) an. Die Zimtsorte wechseln, weniger Cumarin in den Teig, vielleicht mehr Nelke in die Gewürzmischung oder Anis - so ziehen die Back-Profis momentan die Notbremse. Cumarin
Auch Verbraucher sollten reagieren, und zwar mit einer Essbremse, wenn es in der anstehenden Adventszeit um zimthaltige Speisen und Lebensmittel gehe, rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Aus der Medizin ist demnach bekannt, dass besonders sensible Menschen erkranken können, wenn sie zu viel Cumarin zu sich nehmen. Vor allem Kleinkinder oder Patienten mit bestehenden Leberschäden seien gefährdet. „Es gibt Grund zum Handeln“, betont Waltraud Fesser von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.
Das typische Weihnachtsgewürz wird inzwischen vielen Lebensmitteln beigemischt: Fertigen Müslisorten oder Milchreisangeboten, Eis, Teemischungen, Joghurt, Schokolade, Konfekt und auch Marzipan.
Wer Kinder hat, sollte darauf achten, dass die Kleinen nicht morgens schon ein Apfel-Zimt-Müsli essen, mittags Milchreis mit Zimt und Zucker und sich am Nachmittag übers Adventsgebäck hermachen. So lautet der Rat von Christiane Manthey, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
Die Verzehrempfehlungen der Bundesländer: Kleinkinder mit einem Körpergewicht von 15 Kilogramm können täglich bis zu vier Zimtsterne zu 5,6 Gramm pro Stück essen, wenn Gesundheitsrisiken vermieden werden sollen. Alternativ ist auch ein Lebkuchen a 30 Gramm drin - oder zwei schmale Müsliriegel zu je 35 Gramm. Erwachsene sollten sich mit maximal acht Zimtsternen zu je 5,6 Gramm pro Tag bescheiden. Wer nicht mehr als zwei 30-Gramm-Lebkuchen oder 200 Gramm Milchreis mit Zimt isst, ist demnach ebenfalls auf der sichereren Seite.
Beim Backen zu Hause ist eine kleine Umstellung von Omas Rezept ratsam. Auch wenn Großmutters Zutaten schon seit langer Zeit so zusammengerührt und verwendet würden, bedeute das allein noch nicht, dass davon kein Risiko für den Verbraucher ausgehen könne, gibt das BfR zu bedenken. Statt des im Handel üblichen Cassia-Zimts sollten sich Adventsbäcker die Mühe machen und den teureren gemahlenen Ceylon-Zimt aus dem Reformhaus oder der Apotheke holen. Die Sorte sei weniger mit Cumarin belastet. Möglich ist auch, weniger Zimt einzusetzen oder andere Gewürze bevorzugt zu verarbeiten.
Auch über die Haut kommt Cumarin in den Körper
Zu besonderer Vorsicht sind Diabetiker aufgefordert, die Zimtkapseln zum Blutdrucksenken schlucken. Wer täglich diese Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, sollte die enthaltene Zimt-Dosis im Auge behalten und sich näher informieren, betont Fesser. Verkapseltes Zimtpulver oder auch wässrige Zimt-Extrakte werden seit einigen Jahren als Blutzuckersenker vermarktet, obwohl ihr Nutzwert stark umstritten ist. „Die Einnahme auf eigene Faust lieber weglassen und vom Arzt behandeln lassen“, empfiehlt Manthey allen Diabetikern.
Auch über die Haut kann Zimt in den Körper aufgenommen werden, und zwar über Cremes, Seifen, Duschgel oder Shampoo. Für Kosmetika wird synthetisches Cumarin laut BfR als Duftstoff verwendet.
Wer in den vergangenen Wochen belastete Zimtspeisen gegessen hat, muss nicht in Panik verfallen, sagt Fesser. Das Risiko, einen Leberschaden davon zu tragen, hänge immer von der Menge des aufgenommen Cumarins ab. Bleibende Erkrankungen müssen laut BfR nicht befürchtet werden. Die Leber könne sich innerhalb weniger Wochen wieder erholen, sobald der Aromastoff abgesetzt werde.
Aldi Süd gilt als Empfehlung
Die Verbraucherorganisation foodwatch fordert eine bundesweite Rückrufaktion von Lebensmitteln, die über dem gesetzlichen Grenzwert für Cumarin liegen. Mehr als die Hälfte der Produkte, die foodwatch unter die Lupe nahm, liegt über dem zulässigen Grenzwert, der um das bis zu Vierzigfache überschritten wird. Der Verein ärgert sich über die Politik: „Statt die Hersteller zu zwingen, die Gesetze einzuhalten, sprechen die Verbraucherminister Verzehrsempfehlungen aus“, sagt Barbara Hohl von foodwatch.
Laut foodwatch sind auch Marken-Zimtsterne wie die der Firmen Bahlsen und Lambertz betroffen. Sie überschreiten mit 28 beziehungsweise 36 Milligramm pro Kilogramm den Grenzwert um das bis zu Zwanzigfache. „Wer unbelastete Zimtsterne von Lambertz essen möchte, sollte diese bei Aldi Süd kaufen“, rät Barbara Hohl. Sie würden dort unter dem Namen der Firma Crux vertrieben und liegen im foodwatch-Test unter dem gesetzlichen Grenzwert.





