Neugeborene und Babys sind durch die grassierende Schweinegrippe nach Experteneinschätzung besonders gefährdet. „Die Säuglinge tragen definitiv das allerhöchste Risiko“, sagte Professor Reinhard Berner, Oberarzt im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Freiburger Universitätsklinik. Für Säuglinge unter sieben Monaten ist der Grippe-Impfstoff nicht zugelassen, betonte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Erkrankt ein Säugling, müssten die Ärzte mit Tamiflu behandeln, obwohl das Medikament für Babys ebenfalls nicht zugelassen sei und es keine Dosierungsempfehlungen gebe.

„Alle Kontaktpersonen, zum Beispiel auch die Hebamme, sollten geimpft sein, das scheint im Bewusstsein aber noch gar nicht so angekommen zu sein“, riet BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann. Eltern und Geschwister von kleinen Babys sollten vorbeugend Mundschutz tragen. Wie viele Babys schon erkrankt sind, ist unklar. „Es kommt schon häufig vor“, sagte Berner. „Die Statistik ist schlecht, wir wissen deshalb auch nicht, wie viele Säuglinge erkrankt sind“, ergänzte Kinderarzt Hartmann.

Neue Todesfälle

In Europa nahm die Zahl der Todesfälle laut Robert-Koch-Institut (RKI) um 69 auf 424 zu. Weltweit gibt es bisher etwa 6600 Fälle. In Deutschland wurden bis Ende letzter Woche 16 Tote registriert. Inzwischen dürften es schon 18 sein: In Bayern starb am Samstag ein 57 Jahre alter Mann im Klinikum Hof an der Schweinegrippe. Er kam wenige Tage zuvor mit starken Grippebeschwerden ins Krankenhaus und starb an einer Lungenentzündung. Eine Vorerkrankung ist nicht bekannt. In Niedersachsen starb zudem eine 52-jährige Frau aus dem Landkreis Osnabrück. Die Frau wurde vor einer Woche mit der neuen Influenza ins Krankenhaus gebracht. Sie litt an anderen Vorerkrankungen.

Unterdessen stellte sich bei einer Obduktion heraus, dass ein Herzinfarkt den Tod eines 55-jährigen Mannes aus Leinefelde in Thüringen verursachte, der mehrere Stunden nach der Impfung gegen die Schweinegrippe starb. Ebenfalls in Thüringen untersuchen die Behörden den Fall eines 66-jährigen, der am vergangenen Freitag gegen die Schweinegrippe geimpft wurde und am Montag starb. Wie das Thüringer Gesundheitsministerium mitteilte, litt er an einer chronischen Atemwegserkrankung. Eine Obduktion soll auch hier die Todesursache klären.

Im Zuge der großen Impfaktion stieg in Deutschland auch die Zahl der Verdachtsfälle mit unerwünschten Reaktionen seit Anfang November bis Ende vergangener Woche von 59 auf 197 sprunghaft an, wie aus einer Statistik der Impfbehörde Paul-Ehrlich-Institut hervorgeht.

Das RKI rechnet indes nicht damit, dass die Impfungen die Ausbreitung der Schweinegrippe in nennenswertem Umfang verhindern können. „Wir impfen, um Gefährdete zu schützen“, sagte Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts. Chronisch Kranken wird empfohlen sich auch gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Der Höhepunkt der Infektionen wird erst im Dezember und Januar erwartet.

RKI-Experte Krause sagte, er könne die Verunsicherung der Bevölkerung wegen der Schweinegrippe-Impfung verstehen, „aber die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission sind seit September gleich geblieben“. Diese betreffen medizinisches Personal, Schwangere und Personen mit Vorerkrankungen. „Es sollten sich nur die Leute impfen lassen, die zur Zielgruppe gehören“, betonte Krause.

"Die Zahl der Infizierten ist in Wirklichkeit höher", sagt Susanne Glasmacher. „Es gehen nicht alle zum Arzt, und nicht jede Infektion wird dem Gesundheitsamt gemeldet.“ Seit Sonnabend gibt es für Ärzte in vielen Fällen keine Meldepflicht mehr.

Kritik an Bundesländern

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat die Gesundheitsministerien der Länder kritisiert, weil sie die Zahl der Schweinegrippe-Impfungen nicht bekanntgeben würden. „Wir haben alle Bundesländer gebeten, uns Impfzahlen zu übermitteln, aber nur fünf haben uns zugesagt, das auch zu tun und nur drei Bundesländer haben bisher überhaupt Zahlen geliefert“, sagte eine Sprecherin des PEI dem „Tagesspiegel“. Das sei ein großes Problem für die Behörde.

Das PEI ist dafür zuständig, die Nebenwirkungen des Schweinegrippe-Impfstoffes Pandemrix zu überwachen. Der Impfstoff wurde vor seiner Zulassung zwar an einigen Tausend Menschen getestet, seltene Nebenwirkungen lassen sich dabei aber nicht ermitteln.

Um solche seltenen, aber schwerwiegenden Nebenwirkungen auszuschließen, sammeln Mitarbeiter des PEI Meldungen von „unerwünschten Ereignissen“. Schwere Erkrankungen und Todesfälle können aber auch rein zufällig kurz nach der Impfung auftreten. Darum muss die Zahl der beobachteten Fälle mit der ohnehin zu erwartenden Zahl solcher Ereignisse verglichen werden. Diese Zahl hängt von der Zahl der Impfungen ab. „Dazu haben wir kaum valide Daten und das macht eine Bewertung sehr schwer“, sagte die Sprecherin des PEI. „Es ist sehr wichtig, dass uns mehr Bundesländer diese Daten zur Verfügung stellen.“

Bis zum vergangenen Donnerstag hätten insgesamt 197 Personen Nebenwirkungen gemeldet, berichtete die Sprecherin. Weil jede Nebenwirkung wie Fieber oder Gelenkschmerzen einzeln aufgeführt werde, umfasse die Liste insgesamt 652 „unerwünschte Ereignisse“.

AP/dpa/ddp/cl