Brasilien

Die Wundmale des Regenwaldes

Seit vier Jahren gab es gute Nachrichten: Das Tempo der Regenwaldvernichtung verringerte sich sukzessive. Nun ist der Hunger nach Rohstoffen und Biosprit doch wieder größer: 10.000 Quadratkilometer brasilianischen Dschungels fielen 2007 der Motorsäge oder dem absichtlich entfachten Feuer zum Opfer.

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Die Vernichtung des Regenwaldes im Amazonasbecken nimmt wieder zu. Damit ist der positive Trend der Jahre seit 2004, in denen sich die abgeholzte oder durch Feuer gerodete Fläche Zug um Zug erheblich verringerte, vorerst gestoppt. Experten führen dies auf den Weltmarkt zurück: Stark gestiegene Preise für Agrarrohstoffe sowie - wenn auch nur indirekt - der im Zuge des Klimaschutzes wachsende Markt für Biosprit haben den Landhunger in Brasilien, dem größten Land Südamerikas, wachsen lassen.

Etwa 10.000 Quadratkilometer brasilianischen Dschungels fielen im vergangenen Jahr der Motorsäge oder dem absichtlich entfachten Feuer zum Opfer. Eine Fläche mithin, in die das Saarland ziemlich genau viermal hineinpassen würde. Aus Sicht des Naturschutzes ist dies unverzeihlich viel, und doch nur 40 Prozent dessen, was noch im Jahr 2004 eingeschlagen wurde: über 25 000 Quadratkilometer. Doch das Jahr 2008 wird in der Statistik einen scharfen Knick nach oben markieren, der sich bereits gegen Ende 2007 abgezeichnet hatte.

Nach Satellitenbeobachtungen ist die Urwaldfläche im Land allein zwischen Januar und Juli schon wieder um 11.968 Quadratkilometer geschrumpft, weitgehend aufgrund illegaler Rodungen. Die Zahlen gab jetzt die Regierung in Brasilia heraus. Sie wies allerdings gleichzeitig darauf hin, dass es noch weit schlimmer hätte kommen können, wenn sie nicht scharf gegen "Waldraub" vorgegangen wäre. Die Gesamtfläche des Regenwaldes im Amazonasbecken wird heute auf etwa 1,1 Millionen Quadratkilometer geschätzt. Das Amazonasbecken reicht über die Grenzen Brasiliens hinaus nach Kolumbien, Peru und Bolivien.

Ob die Regierung des einst als Hoffnungsträger angetretenen Präsidenten Ignácio Lula da Silva tatsächlich alles ihr Mögliche gegen die weitere Regenwaldzerstörung unternimmt, ist in Brasilien eine lebhaft diskutierte Streitfrage. Im Mai verlor Lula seine Umweltministerin Marina Silva, eine Vertreterin aus dem Bundesstaat Amazonien, die aufgrund mangelnden Engagements der Regierung beim Schutz des Tropenwaldes zurücktrat.

Gerade dieser Tage geht im Parlament von Brasilia ein heftig umstrittener Gesetzentwurf durch die Ausschüsse. Er soll den privaten Waldbesitzern erlauben, künftig 50 statt bisher 20 Prozent ihrer Flächen abzuholzen. Die 20-Prozent-Grenze hatte der Sozialdemokrat Fernando Cardoso, Lulas Vorgänger als Staatspräsident, 1996 eingeführt, als die Waldvernichtung kurzzeitig etwa 29 000 Quadratkilometer erreicht hatte. Sollte ausgerechnet unter Lula die Marke aufgeweicht werden, wäre dies aus Sicht der Umweltschützer der letzte Beweis, dass die Ikone der linken Arbeiterpartei mit grüner Politik nichts im Sinn hat.

Genutzt werden die gerodeten Flächen als Viehweide für den in Südamerika traditionell großen Hunger nach Rindfleisch. Zum anderen wachsen dort allerdings auch Sojabohnen zur Viehfütterung, die zum großen Teil auch in den Export in die nimmersatten Länder Europas und Asiens gehen. Das Zuckerrohr, aus dem zunehmend Ethanol - der im Zuge des Klimaschutzes immer beliebtere Autotreibstoff - gewonnen wird, gedeiht zwar nicht im Amazonasbecken. Regenwaldschützer sehen dennoch einen wachsenden Verdrängungsprozess:

Viehweiden und Sojaäcker im Süden Brasiliens ziehen um auf neu gewonnene Flächen im Amazonasbecken, und der Anbau von Zuckerrohr für die Ethanolproduktion im Süden kann sich entsprechend ausweiten - 80 Prozent des weltweit verbrauchten Ethanols (derzeit 22 Milliarden Liter) werden heute aus brasilianischem Zucker hergestellt. Für 2010 hat sich die brasilianische Regierung das Ziel von 30 Milliarden Litern gesetzt.