Es gibt diese Region im Gehirn, die auf Spaghetti abfährt. Oder auf Fleischwurst, Pommes frites oder Schwarzwälder Kirschtorte. Jeder von uns hat ein Gericht, das sich früh in der Kindheit ins Gehirn eingefressen hat. Tief hinein in das limbische System, die Genussregion. Und in den Vagusnerv, der den Magen zur Produktion von Verdauungssäften, die Bauchspeicheldrüse zur Herstellung von Insulin anspornt. Der ganze Körper gerät in Aufruhr, nur weil unser Lieblingsessen vor uns steht. Gute Vorsätze, Kalorientabellen und die Mahnungen von Ärzten: All das wird im Angesicht des Leibgerichtes völlig unwichtig.

Warum die Menschen in den Industrienationen weit mehr essen, als das Hungergefühl vorgibt, wurde bisher immer mit dem evolutionären Erbe erklärt: Es liegt in der Geschichte der Menschen, dass es meist zu wenig Nahrung gab. Wenn etwas auf dem Tisch stand, musste gegessen werden. Mittlerweile sind die Tische der westlichen Welt immer gefüllt – überfüllt. Und so treibt uns das evolutionäre Erbe ins Übergewicht.

Der Motor dieser Entwicklung ist der Appetit. Das Gelüst, noch einen Happen mehr von der Torte zu essen, noch einen Bissen mehr vom Spaghettiteller. Den Appetit haben viele Forschungsgruppen rund um den Globus untersucht. 1999 fanden sie das Hormon Ghrelin, eine Substanz, die von der Magenschleimhaut produziert wird und im Gehirn ein Hungergefühl auslöst. Der Hypothalamus wird vom Ghrelin so aktiviert, dass er die Verdauungsmaschinerie im Körper anwirft. Im Gehirnsystem für Emotionen löst Ghrelin das Gefühl des Verlangens aus.

Italienische Forscher haben bei magersüchtigen Menschen extrem hohe Ghrelinspiegel im Blut gefunden: Der Körper funkt immer lauter „Mangel“ an das Gehirn, aber die Patienten ignorieren diesen Hilferuf.

Zudem konnten die Forscher zeigen, dass Ghrelin zum einen das Verlangen bei „echtem“ Hunger, zum anderen die Lust auf ein leckeres Gericht schürt. Ginge es nach dem Hormon Ghrelin, äßen wir uns zu Tode.

Den Hunger zu stillen ist zweitrangig

„Das Problem ist, dass wir heute ja im Schlaraffenland leben“, sagt Professor Susanne Klaus, die am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke die Arbeitsgruppe Physiologie des Energiestoffwechsels leitet. „Das basale Bedürfnis danach, mit Essen den Hunger zu stillen, das unsere Vorfahren noch bedienen mussten, ist für uns eigentlich nicht mehr wichtig. Wir hungern ja nicht mehr“, sagt Klaus.

Damit Menschen nicht allein dem Ghrelin erliegen und unmäßig essen, gibt es im Körper auch ein Appetit-Stopp-System: Ist der Magen voll, meldet er dies dem Nervensystem. Botenstoffe vermitteln das erste Sättigungsgefühl an das Gehirn, wenn der Magen sich weit genug dehnt. Danach wirken die echten Bremsen des Appetits, die Hormone GLP-1 und PYY. Sie verlangsamen die Bewegung von Magen und Darm. Auch wenn das Verlangen noch so hoch ist: Wir bekommen nichts mehr runter.

Ein wichtiger Gegenspieler des Hungerhormons Ghrelin ist das Leptin. Es misst den Fettgehalt im Körper und meldet, wenn zu viel Fett da ist. Als die Forscher das Leptin entdeckt hatten, stiegen die Hoffnungen auf eine Fett-weg-Therapie. Sie glaubten, dass die Einnahme von Leptin dauerhaft den Appetit zügeln könnte. Doch nur bei Menschen, die kein Leptin selbst herstellen können, funktionierte die Idee.

Bei Menschen, die Leptin produzieren, schlug die Therapie fehl. Die Körpersignale werden heute von höheren, emotionalen Befehlen überstimmt. „Das Belohnungssystem etwa erinnert uns Zeit unseres Lebens daran, dass wir als Kind durch ein Stück Schokolade getröstet wurden“, sagt Susanne Klaus. Deshalb greifen auch Erwachsene zur Schokolade. „Die psychologischen oder emotionalen Faktoren übertönen heute meistens die basalen Körpersignale“, sagt Susanne Klaus.